Serhij Zhadan: Das Problem liegt nicht an der Übersetzung. 02.03.2025.

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„Die Leute, mit denen wir uns zusammengesetzt haben, um über Gerechtigkeit zu sprechen, sind in Wirklichkeit gekommen, um mit uns Karten zu spielen“, so Serhij Zhadan, speziell für die DW.

Ich glaube, wir alle stehen jetzt unter dem Eindruck dessen, was im Weißen Haus in Washington geschehen ist – ich meine das Treffen zwischen dem US-Präsidenten und dem Präsidenten der Ukraine. 

Ich möchte jedoch nicht über Politik sprechen und auch nicht über meine Einstellung zu den Teilnehmern dieses Treffens, sondern aus der Sicht der Sprache. Ich bin Schriftsteller. Ich war beeindruckt von der Art und Weise, wie die Vertreter der Vereinigten Staaten über den Krieg Russlands gegen die Ukraine sprachen. Der Krieg, der uns seit mehr als einem Jahrzehnt ausbluten lässt, der seit drei Jahren in vollem Gange ist, in dem Tausende von Ukrainern ums Leben gekommen sind und der heute jeden von uns betrifft. Der Krieg, über den wir früher gefühlsbetont gesprochen haben, in Form von Schmerz, in Form von Hoffnung, in Form von Hass, in Begriffen, die uns irgendwie als Menschen mit Herz, mit Gewissen und mit Hoffnung auf Gerechtigkeit charakterisieren.

Stattdessen sprach der US-Präsident über diesen Krieg wie ein Geschäftsmann. Sogar das Vokabular, das er verwendete, beinhaltete das Wort „Deal“. Schließlich geht es hier um eine äußerst schwierige Entscheidung, um ein äußerst wichtiges Dokument, das das Leben von Millionen von Menschen retten und den Lauf der Geschichte auf die eine oder andere Weise verändern kann. Aber er sprach ausschließlich von einer geschäftlichen Initiative, einer geschäftlichen Angelegenheit. Für ihn ist dies ein „Geschäft“, „Karten“, die der ukrainische Präsident nicht besitzt. Generell machten dieses ganze Vokabular, die Anschuldigungen und Kommentare einen merkwürdigen Eindruck: Seit drei Jahren wird ein großer Krieg geführt, und plötzlich melden sich Leute zu Wort, die in den drei Jahren zuvor nicht darüber gesprochen hatten.

Dieser Krieg hat für sie einfach nicht existiert. Bevor Donald Trumps Wahlkampf begann, und er begann unter anderem, seinen Wählern zu versprechen, diesen Krieg zu beenden, es ist nicht klar wie, aber in 24 Stunden. Davor war es so, als hätte für  ihn und seine Mitstreiter kein solches Thema gegeben, und es gab für sie keinen Krieg. Und dann finden sie sich plötzlich am Verhandlungstisch wieder und sehen überraschend diesen Krieg vor sich. Wie einer von ihnen sagte: „Ich habe eine Geschichte gesehen“. Auch hier zeigt sich der Grad ihrer Empathie, ihres Interesses und ihres Eintauchens in das Problem in ihrem Wortschatz. „Geschichte“ als Grad der Kompetenz. Oder besser gesagt, das Fehlen einer solchen.

Und hier sitzt eine Gruppe selbstbewusster Menschen und versucht, über unsere Tragödien, unseren Schmerz, unser Blut, unsere Hoffnungen, unsere Erwartungen und die Enttäuschung von Millionen von Menschen in einem Land zu sprechen, das bei dem Versuch, sich gegen den Aggressor zu verteidigen, verblutet. Und sie sprechen darüber in der Sprache von Geschäftsleuten, die einfach versuchen, ein Abkommen zu unterzeichnen, das in erster Linie für sie selbst und ihre Wähler von Vorteil ist, aber man kann versuchen, dass es die Interessen aller Parteien auf die eine oder andere Weise berücksichtigt. Es ist ein völlig anderer Ansatz, eine andere Interpretation vieler Dinge als bisher. 

Wir sind es gewohnt, über diesen Krieg zu reden, über Bedeutungen zu reden. Über das zu sprechen, was uns erfüllt. Darüber zu sprechen, was für uns wichtig und bedeutsam ist. Über Freiheit zu sprechen, nicht nur als ein schönes Wort, sondern als einen realen Wert und eine Kategorie, für die Menschen freiwillig zu den Waffen greifen und kämpfen. Über Demokratie als einen Wert zu sprechen, für den die Menschen bereit sind, sich dem Aggressor entgegenzustellen. Von Würde als einem Konzept zu sprechen, für das die Menschen bereit sind, sich den Kugeln der Besatzer zu stellen, keine Angst zu haben, nicht wegzuschauen und sie selbst zu bleiben.

Für uns ist dieses Vokabular in den Jahren des großen Krieges vertraut geworden, es ist selbstverständlich geworden, es ist ein fester Bestandteil des Lebens geworden. Und jetzt haben wir es mit Leuten zu tun, die uns sagen, dass es um das Geschäft geht und dass wir keine Karten in der Hand haben. Und dass es in Wirklichkeit nur ums Geschäft geht, nur ums Geschäft, nichts Persönliches. „Wir versuchen nur, ein Geschäft mit Ihnen zu machen, das für uns und vielleicht auch für Sie von Vorteil ist.“

Und es ist wirklich eine Diskrepanz zwischen den Erfahrungen, ein großer Unterschied in den Ansichten und Werten. Es war beeindruckend zu sehen und sich dessen bewusst zu sein: Es stellte sich heraus, dass die Menschen, mit denen wir uns zusammensetzten, um über Gerechtigkeit zu sprechen, eigentlich zum Kartenspielen gekommen.

Das ist etwas Wichtiges, etwas Schmerzhaftes, etwas Unerwartetes für uns. Ich denke, das ist etwas, mit dem wir uns in Zukunft auseinandersetzen müssen, etwas, das wir berücksichtigen sollten. Während wir über Werte sprachen, berechnete jemand gerade Geschäftsinteressen und Geschäftsstrategien. So ist die Welt nun einmal. Ist das eine gute Sache? Offensichtlich gibt es nichts Gutes daran. Kann man zu sagen, dass alles zu Ende geht? Nein, nichts endet, alles geht weiter.

Was ist daran gut? Alles, was uns Hoffnung lässt, ist gut.