Der Oberbefehlshaber der schwedischen Armee, General Michael Claesson, betont, dass die Russische Föderation versuchen könnte, eine der Inseln in der Ostsee zu besetzen, um die Bereitschaft des Bündnisses zu testen, auf eine Gefahr seitens des Kremls zu reagieren.
Gespräche über die Möglichkeit solcher Schritte Russlands in der Ostsee begannen praktisch unmittelbar nach Beginn des großen russisch-ukrainischen Krieges. Bereits 2022 unterstrichen russische Propagandisten, als sie über einen möglichen Angriff Russlands auf eines der baltischen Länder diskutierten, die Notwendigkeit der Einnahme der schwedischen Insel Gotland als Brückenkopf, der es der NATO nicht erlauben würde, auf solche Handlungen der Russischen Föderation zu reagieren.
Übrigens wurde genau diese Diskussion, die im russischen Fernsehen stattfand, zu einem der wichtigen Argumente für den Beitritt Schwedens zur Nordatlantischen Allianz. Und es schien, dass man nach dem Beitritt sowohl Finnlands als auch Schwedens zur NATO aufatmen und feststellen könne, dass die Ostsee zu einem Binnenmeer der Nordatlantischen Allianz geworden ist. Denn Russland verfügt hier nur über Häfen in der Region Kaliningrad, die von der Stabilität der Nachbarstaaten Polen und Litauen abhängen und praktisch vollständig von NATO-Territorium umschlossen sind.v
Doch nachdem Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist, hat das Vertrauen der europäischen Länder darauf, dass die USA ihnen im Falle eines russischen Angriffs zu Hilfe kommen werden, deutlich abgenommen. Und vor allem besteht möglicherweise auch bei der russischen Führung selbst keine Gewissheit mehr darüber, dass die Vereinigten Staaten bereit wären, im Falle eines Angriffs durch die Russische Föderation aktiv in der Ostsee zu handeln.
So taucht das Thema der Insel Gotland erneut auf. Allerdings unter völlig neuen Bedingungen – unter Bedingungen der Unsicherheit darüber, ob Artikel 5 des Nordatlantikvertrags weiterhin gilt und ob der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, bereit wäre, Gewalt anzuwenden, falls Russland tatsächlich eine der baltischen Inseln besetzen sollte. Genau darüber spricht im Grunde auch der Oberbefehlshaber der schwedischen Armee, der betont, dass Russland nach dem Ende des Krieges gegen die Ukraine die Möglichkeit haben wird, Kräfte neu zu gruppieren, um seine Interessen auf die Ostsee zu konzentrieren.
Es geht also nicht darum, ob Russland in der Lage ist, eine der baltischen Inseln zu besetzen. Natürlich ist Gotland hierbei die wichtigste Insel im Hinblick auf Druck auf die baltischen Staaten, auf Schweden und Finnland. Die Frage ist vielmehr, inwieweit die Russische Föderation weiterhin an die Existenz euroatlantischer Solidarität glaubt, an die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, ihren Verbündeten zu helfen, wenn Moskau seine Fähigkeit demonstriert, Gewalt anzuwenden und die Möglichkeiten des Bündnisses zu testen.
Und natürlich stellen sich aus dieser Perspektive auch Fragen an die europäischen Länder selbst: Inwieweit sind sie heute bereit zu Solidarität und möglicherweise zur Schaffung von Mechanismen für eine eigenständige Reaktion auf die Möglichkeiten der russischen Streitkräfte? Denn wenn eine solche Bereitschaft fehlt, stellt sich die logische Frage: Warum sind Schweden und Finnland überhaupt der NATO beigetreten, und warum glaubt man etwa in der Ukraine weiterhin, dass ein NATO-Beitritt tatsächlich eine reale Sicherheitsgarantie darstellt? Denn eine Sicherheitsgarantie ist nicht die Mitgliedschaft im Nordatlantischen Bündnis selbst, sondern die Bereitschaft der nuklearen Supermacht Vereinigte Staaten, sich einer anderen nuklearen Supermacht – der Russischen Föderation – entgegenzustellen. Wenn eine solche Bereitschaft fehlt oder nicht deutlich gemacht wird.
Wenn heute davon gesprochen wird, dass Donald Trump zwar keine Möglichkeit hat, die Vereinigten Staaten aus der NATO zu führen, aber bereit ist, die Beteiligung des Landes am Bündnis zu reduzieren und sogar den Sinn von Artikel 5 infrage zu stellen, dann bedeutet das, dass auch die Ukraine in der NATO nichts zu suchen hätte und es keinerlei reale Sicherheitsgarantien seitens der Vereinigten Staaten geben würde.
Sowohl Finnland als auch Schweden haben zu sehr darauf vertraut, dass ihr NATO-Beitritt und die Aufgabe ihres neutralen Status ihre Sicherheit verbessern und Russland von möglichen Angriffen auf ihr Territorium oder von der Besetzung von Teilen ihres Territoriums abhalten würden. Es ist übrigens daran zu erinnern, dass es neben Gotland, das für Schweden wichtig ist, auch die Åland-Inseln gibt, die stets Teil des sicherheitspolitischen Interesses der Sowjetunion und später auch Russlands waren und die gemäß internationalen Vereinbarungen weiterhin als demilitarisierte Zone gelten – was sie ebenfalls für mögliche russische Provokationen in der Ostsee interessant macht.
Wenn der Oberbefehlshaber der schwedischen Armee von Hunderten von Inseln spricht, könnte er auch dieses strategisch wichtige Archipel gemeint haben. Die Logik erscheint recht einfach: Russland möchte nicht, dass die Ostsee zu einem Binnenmeer der NATO wird, und könnte Maßnahmen ergreifen, die seine Fähigkeit zur Reaktion und Kontrolle demonstrieren. Und wenn der Westen nicht in der Lage sein sollte, angemessen auf diese Herausforderung aus Moskau zu reagieren, würde das den politischen Tod der Nordatlantischen Allianz bedeuten.
Und dann könnte man völlig ungehindert Druck auf die ehemaligen Sowjetrepubliken ausüben, die Mitglieder der NATO geworden sind. Das würde auch Fragen für andere Beitrittskandidaten und für die Länder Mitteleuropas aufwerfen. Es würde bedeuten, zu genau jenem Druckniveau zurückzukehren, das das russische Außenministerium bereits 2021 formuliert hatte, als es vom US-Außenministerium und den Außenministerien der NATO-Staaten verlangte, anzuerkennen, dass sich die NATO nicht auf ehemalige Sowjetrepubliken ausdehnen dürfe und dass moderne Waffensysteme, die nach dem NATO-Beitritt dieser Länder seit 1997 in Mittel- und Osteuropa sowie auf dem Balkan stationiert wurden, abgezogen werden müssten, um aus diesen Gebieten eine Art Pufferzone unter politischem Einfluss Moskaus zu schaffen.
Sollte es tatsächlich zur Besetzung einer baltischen Insel kommen und die NATO sich als unfähig erweisen, angemessen auf diese Gefahr zu reagieren, während die Vereinigten Staaten nicht von einer Reaktion, sondern von Verhandlungen mit dem Kreml oder von wirtschaftlichen Sanktionen sprechen, würde dies nicht nur eine Katastrophe für die Ostseeregion bedeuten. Es wäre eine Katastrophe zumindest für die Hälfte Europas.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Росія захопить Балтійські острів | Віталій Портников. 16.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
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Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.