Die Schlange zu Taras. Vitaly Portnikov. 09.03.2026.

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Einer der überraschendsten Eindrücke meiner letzten schwierigen Tage der „Aufeinandertreffen zweier Kriege“ sind die Schlangen in Lwiw vor den Bildern von Taras Schewtschenko. Natürlich ist das nicht die erste große Schlange vor einer Ausstellung eines Künstlers, die ich in meinem Leben beobachte. Aber gewöhnlich hängen solche langen Schlangen mit dem Wunsch zusammen, etwas zu sehen, dem man vielleicht im ganzen restlichen Leben nie wieder begegnen wird – so ist es bei großen persönlichen Ausstellungen von Künstlern, für die Werke buchstäblich von allen Kontinenten zusammengetragen werden, und ein Bild, das in einem Museum in Rom ausgestellt ist, kann neben einem Werk aus einer privaten Sammlung in Detroit hängen. Hier aber geht es um den Wunsch, Gemälde zu sehen, die seit Jahrzehnten an den Wänden des Nationalen Taras-Schewtschenko-Museums hängen – und in seinen Sälen gibt es gewöhnlich nicht besonders viele Besucher, von Schlangen ganz zu schweigen.

Doch ich glaube, dass unter denen, die zur Ausstellung in die Galerie ZAG kommen, viele Menschen sind, die die Bilder in Kyiv tatsächlich nie gesehen haben. Es kann auch sein, dass manche diese Werke im Interieur einer modernen Galerie ganz anders betrachtet haben – und Schewtschenko für sich neu entdeckt haben. In diesem Fall können wir von der Notwendigkeit sprechen, die Präsentation des schöpferischen Erbes von Taras zu „modernisieren“ – sowohl als Maler als auch als Dichter – und von der Unterschätzung seines Schaffens und seiner Persönlichkeit. So etwas kommt vor: Wenn ein Mensch zur Ikone gemacht wird, beginnt seine wahre Größe hinter dem kanonischen Bild zu verschwinden.

Wer in dieser Lwiwer Schlange gestanden hat, konnte sich einmal mehr davon überzeugen, worauf Schewtschenko um seines Traums von der Ukraine und vom ukrainischen Volk willen verzichtet hat, mit welch außergewöhnlicher Begabung er ausgestattet war, welch feine Psychologie seinen Porträts eigen ist. Und ja, man hat ihn nicht aus Mitleid mit dem schweren Schicksal eines Bauernjungen aus der Leibeigenschaft freigekauft, sondern aus Bewunderung für die Größe und die Perspektiven seines Talents. Doch Schewtschenkos Opfer war vor allem kein künstlerisches, sondern ein politisches – denn um der Ukraine willen geriet er in Konflikt mit dem Imperium selbst. Und der Gedanke: aus Taras hätte, wäre da nicht der Militärdienst und die Verbannung gewesen, ein großer Künstler werden können (ein großer russischer Künstler natürlich), geworden sei aber ein – wenn auch großer – ukrainischer (also provinzieller) Dichter, ist ein typisches imperiales Narrativ, das noch dazu in der späten kommunistischen Epoche verbreitet wurde.

Der Trick besteht darin, dass Schewtschenko zu seinen Lebzeiten überhaupt kein provinzieller Dichter war, und zwar aus dem einfachen Grund, dass die Ideologie des Imperiums die Existenz eines einzigen russischen Volkes mit Großrussen, Kleinrussen und Belarussen und ihren „Dialekten“ anerkannte (wobei Petersburg allerdings das „kleinrussische“ und das belarussische konsequent auszurotten versuchte – doch das ist weder die erste noch die letzte russische imperiale „Konsequenz“). Jedenfalls war Schewtschenko für seine Zeitgenossen nicht nur der „kleinrussische Kobzar“, sondern auch ein Schriftsteller des Russischen Imperiums. Und genau diese Sicht auf ihn – und nur auf ihn – wurde auch in der Sowjetzeit weitergetragen. Den Ukrainern schien man zwar das Recht auf Existenz als eigenständige Nation nicht mehr abzusprechen, doch Schewtschenko wurde bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion weiterhin im Schulunterricht der russischen Literatur behandelt. Und ja, keinen einzigen weiteren nichtrussischen Schriftsteller gab es in diesem Kurs. Und warum?

Man könnte natürlich sagen: weil Schewtschenko ein Genie war und die Russen, wie es bei ihnen oft vorkommt, auch ihn vereinnahmen wollten – Gogol genügte ihnen offenbar nicht. Doch im russischen Ikonostas gibt es genügend große Schriftsteller, sodass man nicht auch noch Anspruch auf Schewtschenko erheben müsste. Es geht hier nicht um Genialität, sondern um Maßstab. Denn weder vor noch – erst recht nicht – nach dem Zusammenbruch des Russischen Imperiums gab es einen Schriftsteller mit einem derart klaren und leuchtenden antiimperialen Programm. Es gab keinen Menschen, der Russland eine so klare Diagnose stellen konnte, der an die Misshandlungen der „Fremdvölkischen“ erinnern konnte, der verstehen konnte, dass Russland, solange es ein Imperium bleibt, ein unsagbares Übel bleiben wird.

Bei den russischen Zeitgenossen Schewtschenkos werden Sie einen solchen Gedanken nicht finden. Selbst die „fortschrittlichsten“ werden höchstens mit den unglücklichen Bauern Mitleid haben oder die Grausamkeit der russischen Armee im Kaukasus beschreiben – aber gleichzeitig auch mit den Zielen des Imperiums sympathisieren. Russland, seine Armee und seine Geheimdienste verübten unsagbare Grausamkeiten gegen die Völker, die in den Schatten des Imperiums gerieten – und diese ganze Geschichte der Verbrechen ging an der „großen russischen Kultur“ vorbei, während publizistische Zeugnisse darüber höchstens in Emigrantenpublikationen wie der „Kolokol“ von Alexander Herzen erschienen. Von den Schriftstellern, die innerhalb des Imperiums über das Böse des Imperiums sprachen, blieb nur Schewtschenko übrig – und deshalb mussten die russischen Bolschewiki seine Werke einfach in den Kurs ihrer eigenen Literatur aufnehmen, denn eigene Schriftsteller, die ein wahrheitsgetreues Porträt des „Völkergefängnisses“ entsprechend ihrer damaligen pseudo-internationalistischen Ideologie geschaffen hätten, hatten sie schlicht nicht.

Und diese durch Größe und Prophetie bedingte (denn Schewtschenkos Blick auf das russische Imperium ist auch heute noch aktuell) Präsenz von Taras im fremden Schulkanon erlaubt es, noch ein weiteres Stereotyp loszuwerden – den Mythos von Schewtschenko als „Bauernpoeten“. Nein, er war kein Bauernpoet, und das wird auch auf seiner Kunstausstellung deutlich. Ja, er wurde in einer Bauernfamilie geboren, und ein großer Teil seiner Leser war bäuerlich (was für das damalige Russische Imperium ebenfalls phänomenal war, in dem Nikolai Nekrasow nur davon träumte, dass Bauern „ihre“ Schriftsteller lesen und Belinski und Gogol vom Markt nach Hause tragen würden – während die Ukrainer Schewtschenko längst lasen und abschrieben, ganz ohne Nekrasows Aufrufe). Doch das lag einfach daran, dass es in dem Land, in dem Schewtschenko wirkte, noch keine industrielle Revolution gegeben hatte. Aber Schewtschenko war kein Dichter, der sich auf die Besingung des Landlebens konzentrierte – er erhob sich buchstäblich darüber. Über die Geschichte, über den Alltag, über die Religion – das war einer der ersten solchen Aufstiege in der Weltliteratur, und die Ukrainer hatten schlicht Glück, dass ihr erster nationaler Klassiker über eine solche Größe des Denkens verfügte und die Welt und den Staat, in dem er lebte, so genau erkannte. Vielleicht wäre diese Sicht nicht entstanden, wenn Schewtschenko die Welt nur mit den Augen eines Dichters gesehen hätte – doch er konnte sie auch mit den Augen eines außergewöhnlichen Malers betrachten. Eines Malers, zu dessen Bildern sich in den schwierigsten Zeiten für das ukrainische Volk Schlangen bilden – denn jetzt wissen die Menschen, warum sie dorthin gehen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Черга до Тараса. Віталій Портников. 09.03.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Der dreizehnte Apostel. Vitaly Portnikov. 11.03.23.

©mosyakart

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Das jüdische Leben in der russischen „Siedlungsgrenze“, diesem Ort der täglichen Demütigung, schien in XXVIII Jahrhundert wie eine unüberwindbare Katastrophe zu sein. Die Unmöglichkeit den Wohnort zu wechseln, die Einschränkungen, die Armut und das Fehlen auch nur eines Hauchs von Stabilität. Hier konnte man das Wichtigste im Leben einer Gemeinschaft und eines einzelnen Menschen verlieren – den Glauben an Gott. Der Glaube sollte helfen, das Glück zu finden, aber wie könnte man es finden, wenn es nur Leid gibt, sowohl hinter als auch vor einem?

In diesen Tränen und auf der Suche nach einem Traum wurde in den Karpaten der Chassidismus geboren. Sein Schöpfer, Israel Baal Shem Tov, sprach von göttlichen Funken, deren Suche selbst einem armen und benachteiligten Menschen helfen wird das Glück zu finden. Und der wichtigste Helfer bei der Suche nach diesen göttlichen Funken ist der Lehrer.

Das Leben der Ukrainer im Russischen Reich im neunzehnten Jahrhundert unterschied sich nicht wesentlich von dem ihrer jüdischen Nachbarn. Natürlich gab es keine „Siedlungsgrenze“. Aber es gab de facto Sklaverei und Leibeigenschaft, die offizielle Entrechtung des gesamten Volkes. Es gab eine kaiserliche Politik, die darauf abzielte, die „Kleinrussen“ absichtlich kulturell zu degradieren und sie zu einem folkloristischen Ausstellungsstück zu machen, zu einem Element der Ethnographie eines Bauernhofs bei Dykanka. Es fand ein regelrechter Diebstahl der Geschichte statt. Öffentliche Einrichtungen wurden zerstört und die bereits tote „synodale“ Kirche wurde russifiziert.

Die gesamte staatliche Repressions- und Kulturvereinheitlichungsmaschinerie versuchte, die Ukrainer zu verängstigten, „gestörten“ Untertanen der Moskauer Zaren zu machen. Alles Ukrainische wurde buchstäblich aus den Städten entfernt, und die Bürger wurden davon überzeugt, dass es nur in anachronistischer Hilflosigkeit möglich war, ein „Kleinrusse“ zu sein. Die Menschen verschwanden natürlich nicht, aber sie lebten auch nicht; sie existierten und blieben stumm. „Die Stummen gehen der Arbeit dem Feld nach“.

Und dann tauchte Taras Schewtschenko auf. Ein Mann, der unglaubliches Glück im Leben hatte – wir sprechen von einem atemberaubenden sozialen Aufstieg aufgrund des unübertroffenen Talents des Meisters der Malerei. Ein Leibeigener, über dessen Schicksal sich die berühmtesten Leute des russischen Reiches Gedanken machten. Es scheint, dass er seine Vergangenheit vergessen sollte, so wie es Tausende seiner Landsleute taten und tun werden. Die Gelegenheit zum Schaffen und den Status eines Akademikers der Malerei genießen, eine Karriere als Genie aufbauen, der St. Petersburg stolz machen. Jemand sein, vor dem die Menschen in den kleinen kleinrussischen Dörfern respektvoll den Hut ziehen werden, wenn er dort zum Malen kommen wird!

Doch Schewtschenko wählte das Golgatha.

Er war gewiss kein religiöser Führer, im Gegenteil, er war ein erbitterter Gegner von Klerikalismus und verlogener Frömmigkeit. Aber er sah göttliche Funken in seinen Landsleuten. Es fiel ihm schwer, an die von den Russen geraubte Geschichte zu appellieren – er konnte nicht wie polnische oder litauische Dichter zur Wiederbelebung der verlorenen Staatlichkeit aufrufen, denn in der Vorstellung seiner Zeitgenossen war es einfach eine gemeinsame Staatlichkeit mit den „Großrussen“. Aber er konnte sein Volk zu einem Volk der Aufstände machen, zu einem Volk des Widerstands, zu einem Volk, das die Sklaverei vehement ablehnt.

Es wird oft behauptet, dass Schewtschenko die moderne ukrainische Sprache schuf, aber als er seine ersten Gedichte schrieb, gab es diese Sprache bereits, und zwar von Iwan Kotliarewski. Wie Prometheus hauchte Schewtschenko dieser Sprache die Seele, das Feuer des Volkszorns ein, er entfachte ein Feuer, das das Imperium nicht auszulöschen vermochte. Er gab seinen Landsleuten das Wichtigste – ein Gefühl der Selbstachtung, ohne das Nationen nicht existieren und mit dem Nationen nicht sterben. Zumindest sterben sie nicht kampflos.

Ich habe den göttlichen Funken nicht zufällig erwähnt. Ich bin sicher, dass es Bücher gibt, die nicht einmal von einem Muttersprachler, sondern von einem Vertreter des Volkes, an das der magische Text gerichtet ist, in vollem Umfang wahrgenommen werden können. Ich glaube, dass ein Ukrainer, wenn er Kobzar liest, die gleichen göttlichen Funken spürt wie Schewtschenko, die ihm das Gefühl geben, er selbst zu sein, die ihn mit der Nation vereinen. Das verbindet ihn mit der Ukraine.

Und ich kann das natürlich nicht fühlen – aber ich kann dieses erstaunliche Gefühl nachvollziehen. Denn ich fühle etwas Ähnliches, wenn ich die Thora lese – für Christen ist ihr Inhalt zum Alten Testament geworden. Für mich ist sie weder eine Sammlung religiöser Anweisungen noch ein literarisches Werk, sondern ein magischer Text, der mich im historischen Rückblick eine untrennbare Einheit mit meinem eigenen Volk und seinem Land spüren lässt. Ja, es sind göttliche Funken.

Und als Leser von Kobzar fühle ich noch etwas anderes – Dankbarkeit für die Ukraine. Für die Tatsache, dass es sie gibt. Für die Tatsache, dass sie immer kämpft, selbst in Situationen der Verzweiflung und Mutlosigkeit. Ich bin überzeugt, dass Taras Schewtschenko die Bibel für die Ukrainer geschrieben hat, dass er der „dreizehnte Apostel“ war, der sein Volk in den schwierigsten Zeiten vor Verwirrung und Vergessen bewahrt hat. Und Schewtschenkos Bedeutung für die Ukrainer und die Ukraine lässt sich nicht an den Worten „Kreativität“ oder „literarisches Erbe“ messen. Nein, es handelt sich um ein unbegreifliches, aber unvermeidliches Wunder, das sich im Leben eines jeden Volkes notwendigerweise ereignet.

Und wenn das Wunder nicht geschieht, erhebt sich das Volk nicht.