
Jeder, der an die Malerei glaubt, hat seinen eigenen Picasso – so wie seinen eigenen Van Gogh oder seinen eigenen Renoir. Das Verständnis eines Künstlers entsteht genau dann, wenn man bei ihm „eigene“ Bilder findet – jene, die der eigenen Wahrnehmung der Welt und des Lichts entsprechen. In meiner Kindheit, als ich nur sowjetische Picasso-Sammlungen sehen konnte, verstand ich ehrlich gesagt nicht warum sein Werk eine solche Begeisterung hervorrief – und entschied, dass dies ausschließlich durch die sowjetische Wirklichkeit bedingt sei, durch den ermüdenden „Sozialistischen Realismus“, dessen Meister nicht einmal davon träumen konnten, so zu malen wie Picasso. Und es ging nicht einmal darum, dass er niemanden fragen musste, in welcher Manier er seine Bilder schaffen sollte – es ging darum, dass man uns erlaubte, diese Bilder anzusehen.
Ich irrte mich. Das Wesentliche in Picassos Werk war nicht der Stil, sondern das Genie der Wahrnehmung der Welt. Mit den Jahren, als ich die französischen Picasso-Museen besuchte – von Paris bis Antibes –, überzeugte ich mich jedes Mal davon, wie einzigartig und frisch diese Wahrnehmung war. Und endgültig verstand ich, mit einem Künstler welchen Niveaus ich es zu tun hatte, in New York im Metropolitan Museum. Die Stärke Amerikas (zumindest jenes Amerikas, das wir bis vor Kurzem kannten) bestand gerade darin, dass es in der Lage war, Meisterwerke zu würdigen und Genies zu sammeln. Deshalb befindet sich die beste, meiner Meinung nach, Sammlung von Picasso – wie auch vieler anderer Meister der europäischen Malerei – gerade in den Vereinigten Staaten. Und wer sich einbildet, alles über die Künstler unseres Kontinents verstanden zu haben, nur weil er im Prado oder im Musée d’Orsay war, aber nie die Museen Nordamerikas besucht hat, irrt sich. Zumindest mein Verständnis des Niveaus Picassos, meine intime Verbindung zu ihm, entstand gerade in den Sälen des Metropolitan.
Aber das wichtigste Bild Picassos befindet sich dennoch in Europa, in Madrid, in der Heimat des Meisters. Das ist „Guernica“, das die Spanier erst nach dem Ende der langen Diktaturperiode im eigenen Land sehen konnten – denn der Künstler wollte nicht, dass über das Bild diejenigen verfügen, die an der Zerstörung der baskischen Stadt beteiligt waren. Dabei kann ich gestehen, dass „Guernica“ für mich gerade erst mit Beginn des großen Krieges zum wichtigsten Bild Picassos wurde. Davor hatte ich eher ein historisches Interesse daran – ich ging immer ins Reina-Sofía-Zentrum, wenn ich in Madrid war, um einige Minuten neben „Guernica“ zu verbringen, ich reiste sogar nach Guernica selbst, um die Atmosphäre des Schreckens zu spüren, die sich in der Luft dieser vielleicht wichtigsten Stadt für die Basken aufgelöst hat. Und tatsächlich – Guernica ist wie unser Butscha: eine kleine, gemütliche Stadt, die an eine Vergangenheit erinnert, die in Wirklichkeit zerstört wurde, um Angst zu verbreiten und zu brechen. Nur dass ich Guernica damals besuchte, als es Butscha noch nicht gab.
Und jetzt, wenn ich die Geräusche von Explosionen höre oder Ruinen in ukrainischen Städten sehe (und natürlich nicht nur in ukrainischen), erinnere ich mich an „Guernica“. Und wenn ich an Butscha denke, erinnere ich mich an Guernica – so hat sich die Erfahrung der Friedenszeit mit der des Krieges verflochten, und so habe ich verstanden, dass Picasso ein Porträt des Krieges gemalt hat. Kein universelles Porträt des Krieges. Mein Porträt des Krieges.
Und die Präsenz dieses Porträts, und die Präsenz Picassos selbst mit seinem Blick auf die Welt in dieser neuen Realität, ist fast physisch spürbar. Das ist nicht einmal eine Metapher. Jetzt, da die Hoffnungen auf einen Regimewechsel im Iran schwinden, verschwindet auch die Hoffnung, dass wir die Teheraner Sammlung seiner Werke sehen werden. Denn im vorrevolutionären Iran bewunderte man Picassos Werk und stellte eine hervorragende Sammlung zusammen – selbst die Ehefrau des letzten Schahs, Kaiserin Farah Pahlavi, gehörte zu den wichtigsten Sammlern. Nach der islamischen Revolution wurde das Eigentum der früheren Herrscher und ihres Umfelds in einem speziellen Fonds konzentriert, und die Sammlung selbst wurde für die Öffentlichkeit unzugänglich. Als das Teheraner Museum für zeitgenössische Kunst im vergangenen Jahr (eines der wenigen Häuser, die es sich leisten konnten, solche Bilder zu zeigen) die Ausstellung „Picasso in Teheran“ organisierte, stießen seine Mitarbeiter auf zahlreiche Absagen. Private Sammler befürchteten, dass ihr Eigentum konfisziert würde, und andere staatliche Museen wollten nicht, dass man ihnen vorwarf, „falsche“ Inhalte zu fördern. Doch als die Ausstellung eröffnet wurde, zog sie lange Schlangen von Menschen an, die aus dem ganzen Iran anreisten – so wie einst die Picasso-Ausstellung im poststalinistischen Moskau lange Schlangen von Menschen aus der ganzen Sowjetunion anzog. Und ja, diese Bereitschaft zur Begegnung erinnert immer daran, wie viele unzerstörte Menschen es doch noch in zerstörten Gesellschaften gibt.
Und eine Replik von „Guernica“ war auf dieser Teheraner Ausstellung ebenfalls zu sehen – als stiller Protest gegen den Kult des Krieges und der Gewalt, der in der Islamischen Republik stets vorherrschte und zu einer der Ursachen all des Schreckens wurde, den die Menschen im Nahen Osten jetzt erleben. Und ich weiß nicht einmal, ob dieses Museum – und die iranischen Picasso-Werke – diesen Krieg überstehen werden.
Aber eines weiß ich sicher: „Guernica“ wird auch weiterhin an all den Schrecken erinnern, den Menschen unter Beschuss erleben – in Israel, in den Ländern des Persischen Golfs oder im Iran ebenso wie in Charkiw, Kyiv oder Odesa.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Портрет війни. Віталій Портников. 05.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 05.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.