Spät am Dienstagabend nach Bischkeker Zeit hat sich in Kirgisistan ein echter, wenn auch überraschender Staatsstreich ereignet. Der Präsident des Landes, Sadyr Schaparow, enthob den Vorsitzenden des Komitees für Nationale Sicherheit Kirgisistans, seinen faktischen Mitregenten Kamtchybek Taschijew, seines Amtes. Viele waren der Ansicht, dass Taschijew selbst bei den nächsten Wahlen in Kirgisistan Anspruch auf das Präsidentenamt erhob.
Schaparow und Taschijew waren gemeinsam an die Macht gekommen, nachdem sie eine Revolution organisiert hatten, die schließlich zur Freilassung Schaparows aus der Haft und zu seiner Wahl zum Staatsoberhaupt Kirgisistans unter allgemeinem Volksenthusiasmus geführt hatte. Und man muss anerkennen, dass es Schaparow – dem ersten kirgisischen Präsidenten zumindest seit Askar Akajew – gelungen ist, seine Macht so zu festigen, dass er weder das Parlament noch claninterne Konflikte im Land zu fürchten braucht. Dabei waren viele der Meinung, dass er diese Machtfestigung vor allem dem Vorsitzenden des Komitees für Nationale Sicherheit verdanke und dass Kirgisistan tatsächlich von einem echten Tandem regiert werde.
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch fand dieses Tandem ein Ende. Es heißt, dass Schaparow und Taschijew, die sich derzeit beide zu medizinischer Behandlung in München aufhalten, zuvor in erhitztem Ton miteinander gesprochen hätten und dass der Präsident einen Appell aus der Öffentlichkeit, in den kommenden Monaten vorgezogene Präsidentschaftswahlen durchzuführen, als Versuch des Chefs des Komitees für Nationale Sicherheit aufgefasst habe, die Macht an sich zu reißen, ohne abzuwarten, wie viele Amtszeiten Schaparow noch regieren könne. Und angesichts eines bestimmten rechtlichen Widerspruchs zwischen der früheren und der aktuellen Fassung der Verfassung Kirgisistans könnte sich herausstellen, dass Schaparow aus rechtlicher Sicht durchaus noch mehrere Amtszeiten hintereinander Präsident bleiben kann.
Wie wir sehen, reichte jedoch der Wunsch Taschijews, seinen Freund an der Spitze des Staates zu ersetzen oder zumindest seine eigenen Positionen zu stärken, trotz der Bereitschaft des Präsidenten, das Kräftegleichgewicht zwischen ihm selbst und dem allmächtigen Chef des Komitees für Nationale Sicherheit aufrechtzuerhalten, weder Taschijew noch Schaparow aus. Es kam zunächst zu einem Konflikt auf öffentlicher Ebene und anschließend auch in den Beziehungen zwischen den beiden Mitgliedern des Tandems.
Dabei begleitete der Präsident die Entlassung des Chefs des Komitees für Nationale Sicherheit mit den Worten, es gebe Kräfte, die die nationale Einheit untergraben würden. Kurz darauf erklärte er jedoch, er habe damit keineswegs den inzwischen ehemaligen Leiter des Komitees für Nationale Sicherheit gemeint, sondern gerade jene, die zu vorgezogenen Präsidentschaftswahlen aufrufen. Taschijew wird damit gewissermaßen die Möglichkeit eingeräumt, nicht in eine direkte Konfrontation mit Schaparow einzutreten, sondern sich damit abzufinden, dass die Zeit des gemeinsamen Regierens im Tandem zu Ende gegangen ist.
Allerdings fürchtet Schaparow keineswegs nur den nunmehr ehemaligen Chef des Komitees für Nationale Sicherheit. Praktisch die gesamte Führungsspitze des Komitees ist von ihren Posten entfernt worden. Und es ist durchaus möglich, dass dies erst der Beginn einer großen politischen Säuberung ist.
Ein Großteil der kirgisischen Führung verdankt seinen Aufstieg gerade dem präsidialen Günstling und nicht dem Präsidenten selbst. Es ist daher verständlich, dass sich das Staatsoberhaupt nun keineswegs sicher ist, ob diese Personen ihn unterstützen werden, nachdem er sich seines Mitregenten entledigt hat. Deshalb wird über die mögliche Entlassung des Parlamentspräsidenten Kirgisistans und anderer Amtsträger spekuliert.
Deren Pressestellen dementieren diese Gerüchte zwar, doch vor dem Hintergrund der Säuberungen im Komitee für Nationale Sicherheit und der Schaffung eines eigenen staatlichen Schutzdienstes, der für die Sicherheit des Staatsoberhauptes und anderer hochrangiger Beamter zuständig sein soll, ohne dem Chef des KNB unterstellt zu sein, sondern direkt dem Präsidenten des Landes zu unterstehen, kann praktisch alles geschehen.
Natürlich stellt sich für viele auch die Frage, inwieweit dieser halb staatliche Umsturz die Positionen von Sadyr Schaparow selbst beeinflussen könnte. Bislang ist praktisch keiner der Präsidenten Kirgisistans – mit Ausnahme vielleicht Almasbek Atambajew – nach Ablauf seiner Amtszeit freiwillig zurückgetreten. Es sei daran erinnert, dass Atambajew nach dem Ende seiner Präsidentschaft einen erbitterten Konflikt mit seinem Nachfolger austrug, der zugleich als Garant seiner eigenen Sicherheit galt, und dass er nach einer Haftstrafe, aus der er übrigens gerade während der von Schaparow und Taschijew organisierten Revolution freikam, gezwungen war, ins Ausland zu emigrieren.
Auch das Schicksal aller anderen kirgisischen Präsidenten wirkt, milde gesagt, nicht glücklich. Das erste Staatsoberhaupt, der langjährige Präsident Askar Akajew, lebt weiterhin im Exil in Russland. Schon die bloße Tatsache seiner Rückkehr nach Kirgisistan wurde als echte politische Sensation wahrgenommen. Sein Nachfolger und Gegner Bakijew lebt im Exil in Belarus, und von einer Rückkehr ist keine Rede. Auch Atambajew befindet sich im Exil.
Zu behaupten, das Amt des Präsidenten Kirgisistans garantiere seinem Inhaber ein sorgenfreies Leben, hieße also schlicht, die historischen politischen Prozesse der letzten Jahrzehnte in Kirgisistan zu ignorieren.
Nun kommt der eigentliche Moment der Wahrheit. Hat sich Schaparow tatsächlich als jener Glückspilz erwiesen, dem es gelungen ist, in Kirgisistan ein Regime aufzubauen, das den Systemen der benachbarten zentralasiatischen Machthaber ähnelt, die nie daran gedacht haben, unter dem Druck einer Volksrevolution oder eines Clanputsches aus ihren Ländern fliehen zu müssen?
Oder war die Stabilität seiner Position doch gerade durch die für Kirgisistan einzigartige Konstellation des Tandems garantiert? Und könnte die Zerstörung dieses Tandems wiederum fatal für den kirgisischen Präsidenten werden, der sich nach dem Konflikt mit seinem Mitregenten und Günstling als weit weniger allmächtig und autoritativ erweisen könnte, als er noch am Dienstagmorgen schien?
Genau das wird sich nach der von vielen als überfällig angesehenen Entscheidung Präsident Sadyr Schaparows zeigen, den Vorsitzenden des Komitees für Nationale Sicherheit Kirgisistans zu entlassen und das gesamte Sicherheitssystem des Landes neu zu formatieren – ein System, das in den letzten Jahren naturgemäß weniger auf die Interessen des Präsidenten selbst als vielmehr auf die Interessen Taschijews zugeschnitten war, der sich bereits nach dem Amt des Staatsoberhauptes umsah.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Переворот в Кыргызстане | Виталий
Портников. 11.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.02.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von
Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
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