„Ich sehe beim russischen Führungskreis keinen Willen zu einer Massenmobilisierung“ – Vitaly Portnikov. 06.12.2025.

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„Ich sehe beim russischen Führungskreis keinen Willen zu einer Massenmobilisierung“ – Vitaly Portnikov. 06.12.2025.

„Die russische Führung hat eine Söldnerarmee geschaffen und damit den Protest in der russischen Gesellschaft minimiert“. Diese Meinung äußerte der Journalist, Publizist und Moderator Vitaly Portnikov in der Sendung des Fernsehsenders Espreso.

„Ich sehe bislang beim russischen Führungskreis keinen Willen, zu einer Massenmobilisierung überzugehen. Sie haben eine Söldnerarmee geschaffen und damit den Protest in der russischen Gesellschaft minimiert. Denn man sagt: ‚Wie reagieren sie denn nicht auf diese Menge von Opfern?‘ Erstens war für die Russen die Zahl der Opfer aus Sicht der Wahrnehmung der Realität niemals besonders wichtig. Aber das ist dennoch eine besondere Situation, die sich sowohl vom Zweiten Weltkrieg als auch von Afghanistan unterscheidet. Denn in diesen Kriegen fragte man die Menschen nicht, ob sie dienen wollten oder nicht. Und bei ihren Verwandten, bei den Angehörigen, gab es immer eine Frage an das Regime: Warum habt ihr sie dorthin geschickt? Nun, während des Zweiten Weltkriegs stellte sich diese Frage nicht – da stellte sich die Frage nach der Zahl der Opfer, allgemein danach, warum die sowjetischen Marschälle den Krieg wie Schlachter führten. Aber dass die Menschen das Vaterland verteidigen, dass ein Aggressor gekommen ist – das weckte bei niemandem Zweifel. Und deshalb gab es auch keinen solchen Konflikt darüber, dass jemand zwangsweise mobilisiert wurde“, betonte er.

Mit Afghanistan war die Situation bereits anders – dorthin schickte man Wehrpflichtige. Und das gefiel den Menschen absolut nirgendwo.

„Und selbst wenn sie nicht protestierten, entstand dadurch eine gewisse Kluft zwischen ihnen und dem Regime. Denn man sah doch: Es starben 18- bis 19-jährige Jungen, meine Altersgenossen, die dort überhaupt nicht dienen wollten. Und das größte Grauen bestand damals darin, überhaupt zur Armee zu kommen und nach Afghanistan geschickt zu werden. Dabei fehlte es an Soldaten. Gerade in der Zeit des Afghanistan-Krieges wurde die Entscheidung gefällt, dass Studenten nicht mehr die Möglichkeit haben würden, erst ihr Studium abzuschließen und dann – wie es vorher üblich war – in die Streitkräfte zu gehen. Stattdessen sollten sie in die Armee eintreten, sobald sie das wehrpflichtige Alter erreichten. Mit 18 Jahren – du hattest gerade dein erstes oder zweites Studienjahr beendet – und dann gingst du in die Armee, und man konnte dich nach Afghanistan schicken. Und das hat, wie Sie verstehen, sehr vielen Menschen das Leben zerstört“, erzählte er.

Vitaly Portnikov wies darauf hin, dass heute eine völlig andere Situation bestehe, da man Geld für die Unterzeichnung eines Vertrags anbiete.

„Das ist übrigens auch eine Folge des Tschetschenien-Krieges. Denn während des Tschetschenien-Krieges sah die russische Führung, dass die Gesellschaft äußerst negativ reagierte, wenn Wehrpflichtige nach Tschetschenien geschickt wurden. Das führte zu Massenprotesten. Das führte zur Gründung des Komitees der Soldatenmütter. Und schließlich entschied man, dass Wehrpflichtige nicht in Kampfgebieten dienen dürfen. Deshalb wurden sie in diesem Krieg nur dann eingesetzt, als es zu einer Situation in der Oblast Belgorod kam – nicht einmal in der Oblast Kursk. Denn das ist gewissermaßen kein Kampfgebiet. Dort ist jemand hineingekommen, dort gab es irgendwelche Saboteure, jemand bewachte etwas – das war es dann aber auch. Was die Mobilisierung betrifft, ist es jetzt anders. Wenn man den Menschen Geld zahlt und sie sich für dieses Geld freiwillig zum Dienst bereit erklären, einen Vertrag unterschreiben – und so ein Mensch stirbt –, wie wird das in der Gesellschaft wahrgenommen? Überhaupt nicht. Nun, das ist eben ein riskanter Beruf mit gutem Gehalt. Er wollte ein gutes Gehalt, ich wollte kein gutes Gehalt – ich lebe, aber er hat mit seinem Leben oder seiner Gesundheit bezahlt. Nun, das eben für Geld. Warum sollten wir Putin dafür Vorwürfe machen? Putin hat ihn ja nicht dorthin gezwungen. Er hat ihm Geld angeboten“, sagte er.

Wenn aber plötzlich nach diesen vier Jahren eines solchen Krieges nach diesen Regeln kein Geld mehr gezahlt würde und man stattdessen einfach mobilisieren würde, könnte das zu einer völlig anderen Reaktion der Gesellschaft führen. Dann würde der Krieg tatsächlich russisch werden.

„Die Menschen würden beginnen zu fragen: ‚Sagen Sie bitte, wofür haben wir vier Jahre lang gekämpft? Wir haben gekämpft, gekämpft, gekämpft, gekämpft – und nicht zu Ende gekämpft.‘ Und jetzt sind wir gezwungen, eine Massenmobilisierung auszurufen. Vielleicht sollte man dann unsere politische Führung fragen, unsere Generäle: Warum konnten sie in vier Jahren die Ukraine mit dieser großen Armee nicht besiegen, sodass sie jetzt noch zusätzlich Menschen mobilisieren müssen, die sich nach vier Jahren gar nicht damit beschäftigen wollen? Und das ist übrigens genau die Frage, die Wladimir Putin die ganze Zeit auch Donald Trump stellt: Wenn du das in vier Jahren nicht lösen kannst, was willst du dann überhaupt? Und genau diese Fragen würden dann schonungslos aufkommen, sobald eine Massenmobilisierung beginnt. Deshalb glaube ich, dass sie nach Mechanismen suchen werden – aber so, dass es nicht wie eine offene Mobilisierung aussieht. Denn, wie gesagt, sie haben die Erfahrung Afghanistans, sie haben die Erfahrung des Tschetschenien-Krieges und sie haben die Erfahrung ihrer eigenen Mobilisierung während des russisch-ukrainischen Krieges, als die Menschen nicht einmal einen Tag abgewartet haben. Erinnern Sie sich an die Schlangen an der georgischen Grenze, an allen Grenzen? Das war für sie eine ziemlich deutliche Lehre. Umso mehr in Mosskau, wo die russische Wirtschaft hinterherhinkt. Kaum jemand möchte, dass Menschen, die einen wichtigen Teil dieser Wirtschaft ausmachten, das Land verlassen – wenn sonst im Land alles passt“, fügte er hinzu.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Не бачу в російського керівництва бажання йти на масову мобілізацію, – Портников. 06.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Taliban gegen Rachmon | Vitaly Portnikov. 05.05.2025. 

Einer der führenden Vertreter der tadschikischen Opposition im Exil, der Leiter der Bewegung für Reformen und Entwicklung Tadschikistans, Scharifuddin Gadojew, besuchte Afghanistan. Offiziell auf Einladung einer Nichtregierungsorganisation dieses Landes.

Obwohl wir alle sehr wohl verstehen, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen die afghanische Zivilgesellschaft handeln und erst recht oppositionelle Politiker aus zentralasiatischen Ländern einladen nur im Einvernehmen mit der Zentralregierung, mit der Regierung der Taliban-Bewegung, kann.

Somit zeugt allein die Anwesenheit eines der Führer der tadschikischen Exilopposition, und das noch mit scharfer Kritik an Präsident Emomali Rachmon und seinem Regime, in Kabul davon, dass das Verhältnis zur Führung Tadschikistans in Kabul, gelinde gesagt, feindselig bleibt und dass in der afghanischen Hauptstadt weiterhin nach Möglichkeiten gesucht wird, Druck auf die Führung des Nachbarlandes auszuüben und Kontakte zu denen zu knüpfen, die, gelinde gesagt, kein besonders positives Verhältnis zum amtierenden Präsidenten Tadschikistans und seinem Regime haben. 

Bekanntlich hat Emomali Rachmon von allen anderen Führern der zentralasiatischen Länder die unversöhnlichste Haltung gegenüber der Taliban-Bewegung und der Etablierung der Herrschaft dieser Organisation in der afghanischen Hauptstadt eingenommen. Das ist nicht verwunderlich, wenn man sich an die politische Geschichte Tadschikistans erinnert.

Bekanntlich kam Emomali Rachmon in diesem Land infolge eines blutigen Bürgerkriegs an die Macht. Eine der Maßnahmen zur Normalisierung der Lage in Tadschikistan waren Programme der nationalen Versöhnung, die Zusammenarbeit der an die Macht gelangten Kräfte mit den Besiegten, mit demokratischen und islamistischen politischen Organisationen und ihren Führern, von denen viele bald nach Tadschikistan zurückkehrten, nur um Jahre später Opfer politischer Repressionen zu werden und Zeugen der Bildung eines Regimes zu werden, das seinem Wesen nach sich in nichts von den Regimen der Nachbarländer unterscheidet und eine Herrschaft familiären und korporativen Typs ist, eine Herrschaft, die der tadschikischen Gesellschaft selbst die Erinnerung an einen Pluralismus nicht lässt, was für ein Land, das einen Bürgerkrieg erlebt hat, ungewöhnlich ist.

Und in dieser Situation kann jede Stärkung islamistischer Kräfte, die eine natürliche Erinnerung an die Folgen des Bürgerkriegs in Tadschikistan und die Möglichkeit einer erneuten Destabilisierung der Lage darstellt, Emomali Rachmon nur verärgern. Daher hat er eine so harte Haltung gegenüber den Taliban eingenommen, obwohl die russischen Partner Tadschikistans praktisch von den ersten Tagen nach dem Machtwechsel in Kabul an das Geschehen viel versöhnlicher betrachteten.

Vielleicht, weil sie die gestürzte afghanische Führung vor allem als amerikanische Kreatur ansahen. 

Obwohl die Taliban in der Russischen Föderation als extremistische Organisation eingestuft wurden, begann Moskau von den ersten Tagen und Wochen nach der Konsolidierung der Taliban in Kabul an, Beziehungen zur neuen Regierung aufzubauen. Und vor kurzem ereigneten sich, wie bekannt, noch wichtigere Ereignisse. In Russland wurden die Taliban endgültig nicht mehr als extremistische Organisation betrachtet, und die Regierung der Taliban in Kabul beschloss, einen eigenen Leiter der diplomatischen Vertretung in Moskau zu ernennen.

Man kann also sagen, dass Emomalij Rahmon praktisch keine Partner hat, die die Taliban als Bedrohung für die nationalen Interessen Tadschikistans und der gesamten Region ansehen. Und natürlich ist es in dieser Situation nicht verwunderlich, dass die Taliban aktiver werden und genau beobachten, was in Tadschikistan geschehen wird.

Das Land bereitet sich auf die Nachfolgeregelung vor, obwohl völlig unklar ist, ob der Nachfolger Rachmons noch zu Lebzeiten des amtierenden tadschikischen Präsidenten eingesetzt wird oder

Emomali Rachmon doch versuchen wird, die notwendigen Instrumente zu schaffen, damit sein Sohn Präsident des Landes wird, nachdem er die politische Bühne verlassen hat oder physisch gestorben ist, wie es übrigens einst in Aserbaidschan geschah, wo der langjährige Präsident des Landes, Heydar Aliyev, von seinem Sohn Ilham abgelöst wurde, der das Land bis heute regiert.

Nur könnte es sich herausstellen, dass Tadschikistan keineswegs Aserbaidschan ist und dass die gesamte Stabilität des Regimes auf den Möglichkeiten des Staatsoberhaupts und auf der Konsolidierung der Macht durch Emomalij Rahmon beruhte, und dass jeder neue tadschikische Präsident, der Sohn des amtierenden Staatsoberhaupts oder ein Vertreter der herrschenden Kreise, einfach weder auf die Loyalität der Gesellschaft noch auf die Loyalität der Sicherheitskräfte zählen kann, die die Stabilität der Macht in Tadschikistan all die Jahrzehnte gewährleistet haben.

Und dann gibt es natürlich eine reale Chance für die tadschikische Opposition. Und dann gibt es auch eine Chance für die Taliban-Bewegung, diese Opposition zu unterstützen, damit sie sich nicht nur auf den Teil der tadschikischen Gesellschaft stützen kann, der Veränderungen wünscht, sondern auch auf eine ernsthafte ausländische Unterstützung, die dieses Streben nach Veränderung gewährleisten könnte.

Daher sollte der Besuch eines tadschikischen Oppositionspolitikers in der afghanischen Hauptstadt nicht als ein marginales Ereignis und ein Gespräch zwischen Vertretern der Zivilgesellschaften Tadschikistans und Afghanistans betrachtet werden. Dies ist vor allem ein Ausblick auf die Zukunft, vor allem eine Überlegung darüber, was mit Tadschikistan nach Emomali Rachmon geschehen wird und ob es gelingen wird, das Regime nach dem Rücktritt des Mannes zu stabilisieren, der sich jahrzehntelang vor allem damit befasst hat, alle politischen, zivilen und medialen Mechanismen in Tadschikistan zu konservieren und nur seiner Familie und seinen Anhängern Raum zu lassen.

Und anderen wird vorgeschlagen, Flugtickets in die nächsten russischen Städte zu kaufen und als Gastarbeiter zu arbeiten, ohne Hoffnung auf ein normales und würdiges Leben in ihrem eigenen Land.

Bis zu einem gewissen Grad konnte dies natürlich sowohl Emomali Rachmon als auch Wladimir Putin befriedigen. Nur ist unklar, wie lange ein solches System noch funktionieren wird, insbesondere wenn sich die Beziehungen des Kremls zu den Taliban aufgrund des offensichtlichen Wunsches Russlands, Verbindungen zu allen aufzubauen, die bereit sind, Washington zu bekämpfen, verbessern.