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Vor etwa 14 Jahren kehrte ich aus dem @Instytut Polski Muzeum Sikorskiego in London zurück. Dort wird eine unglaubliche Menge äußerst interessanter Materialien aufbewahrt, darunter auch viele zur Geschichte der Ukraine. Zum Beispiel das faszinierende Archiv des „Ukrainischen Büros“ in London. An diesem Tag hatte ich einen Teil der Materialien über den Holodomor kopiert und das Original des maschinengeschriebenen Manuskripts von Olgerd Ippolyt Bočkowskyj über den Holodomor in der Ukraine in den Händen gehalten. Dort arbeiteten damals unglaublich freundliche Menschen, mit denen man sich ausgesprochen interessant unterhalten konnte.
Neben den faszinierenden historischen Materialien war jeder Besuch auch eine Gelegenheit für diese außergewöhnlich interessante Gespräche – ein wahrer Genuss! Ja, selbstverständlich unterhielten wir uns auf Polnisch.
An jenem Abend kehrte ich entlang des Hyde Parks in Richtung Piccadilly zum Haus meiner Freunde zurück, bei denen ich wohnte. Mir kamen zahlreiche Menschen entgegen. Alle sprachen Polnisch.
Zunächst dachte ich, dass mich die vielen Gespräche auf Polnisch im Laufe des Tages etwas verwirrt hätten und ich nun seltsame Halluzinationen hätte – als würde mich die polnische Sprache nun überall verfolgen. Tatsächlich waren es polnische Bauarbeiter. Sie kamen von irgendeiner Baustelle zurück und diskutierten recht lebhaft über etwas, das für sie gerade wichtig war. Mit lauter Stimme! Mitten in London.
Ich bemerkte nicht, dass irgendjemand von den Einheimischen den polnischen Arbeitern gegenüber Aggression zeigte. Niemand belästigte sie mit Rufen wie: „Das hier ist Großbritannien! Verzieh dich nach Polen!“
Und das nicht nur deshalb, weil man sich in London in der Vielfalt der Menschenmenge auflösen und dennoch man selbst bleiben kann.
In einem Haus unweit der Station, in dem meine Freunde damals wohnten, war durch eines der Fenster gut eine Fahne der polnischen Solidarność an der Wand zu sehen. Das Fenster blieb unversehrt.
Niemand wäre auf die Idee gekommen, von Polen in Großbritannien zu verlangen, dass sie Englisch ohne polnischen Akzent sprechen. Niemand wäre auf die Idee gekommen zu verlangen, dass Polen untereinander auf Englisch sprechen!
Im Allgemeinen spricht der durchschnittliche polnische Arbeiter ziemlich laut, in der Überzeugung, dass sich niemand in seiner Umgebung befindet, der versteht, was er gerade erzählt.
Ein anderes Mal, als ich meine Londoner Freunde besuchte, war es ausgerechnet ein polnisches Bautrupp, der das Fundament des Hauses verstärkte, in dem sie damals wohnten. Die polnische Schimpfsprache verfügt im Vergleich zur ukrainischen insgesamt über ein eher begrenztes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten. Doch diesen polnischen Jungs reichte dieses ziemlich begrenzte Arsenal vollkommen aus, um alle, sagen wir einmal, aktuellen betrieblichen Erfordernisse zu kommunizieren.
Sie nutzten dieses Arsenal mit voller Lautstärke und ohne sich darum zu kümmern, ob jemand etwas verstehen könnte. Eine Zeit lang überlegte ich, ob ich ihnen eine Freude machen und sie auf Polnisch begrüßen oder sie lieber nicht in Verlegenheit bringen sollte. Letztlich begrüßten wir uns auf Englisch. Und sie ahnten nicht einmal, dass ich absolut alles verstand, was sie während der Arbeit von sich gaben.
Ich könnte noch einige mehr oder weniger amüsante Episoden erzählen, die dadurch entstanden, dass Polen im Ausland die Angewohnheit haben, ziemlich laut ihre eigene Sprache zu sprechen, in der Überzeugung, dass sie dort ohnehin kaum jemand versteht. Dadurch fallen Polen sehr auf. Ganz gleich, wo das geschieht – in der Schweiz auf dem Gipfel des Rochers-de-Naye, am Strand von Sandvika bei Oslo oder auf dem Flughafen Luton. Jedes Mal war es laut, bizarr-komisch und im Fall von Luton endete es sogar mit einem Polizeieinsatz. Der Typ hatte sich derart betrunken und so danebenbenommen, dass man ihn ohne Polizei nicht mehr beruhigen konnte.
Doch niemals sagte irgendjemand zu den Polen: „Verschwindet nach Polen!“
Die Polen wurden mit ihrem gesamten historischen Gepäck in die Europäische Union aufgenommen: mit der Solidarność ebenso wie mit ihrer Mitverantwortung am Holocaust, mit Roman Dmowski und Czesław Miłosz, mit Bolesław Kominek und Zygmunt Łupaszko, mit ihren Engeln und ihren Dämonen, mit dem polnischen Größenwahn und dem Opferkomplex, mit allem Glänzenden und allem Abstoßenden, was Polen aus seiner Geschichte geerbt hatte. Auch mit ihrer Unfähigkeit zu vergeben.
Ja, die Polen können nicht vergeben. Trotz der täglich millionenfach wiederholten Worte „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ ist der eigentliche Sinn dieses Grundsatzes aus den täglichen Ritualen verflogen.
Einmal schrieb ich darüber eine Kolumne, weil mir diese Unfähigkeit, anderen zu vergeben, paradox erschien – gerade weil es die polnischen Bischöfe waren, die sich 1965 mit dem historischen Satz an die Deutschen wandten: „Wir vergeben und bitten um Vergebung! Die Vergangenheit soll Vergangenheit bleiben; lasst uns gemeinsam eine neue Zukunft für ein neues Europa schaffen.“
Doch sowohl Bolesław Kominek als auch Karol Wojtyła und Jerzy Giedroyć sind heute nur noch Einträge in der Wikipedia. Polen hat ihre Erfahrungen und ihre Bemühungen auf den Müllhaufen geworfen.
Und genau das ist es, was mir tatsächlich Angst macht.
Polen war noch vor 15 Jahren der Musterschüler der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation.
Es schien, als hätten die Reformen von Leszek Balcerowicz und Jerzy Buzek zu unumkehrbaren und tatsächlich beeindruckenden Ergebnissen geführt: Polen hatte einen Pfad nachhaltigen Wachstums eingeschlagen. Für die Ukrainer wirkten die polnischen Reformrezepte attraktiv – als Case Study, als Vorbild und als Modell, dem man folgen konnte.
Doch dann erwachten die Dämonen.
Ein erheblicher Teil der Polen verbindet ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Ukrainern mit einem ausgeprägten eigenen Opferbewusstsein. Das ist eine ziemlich schizophrene Kombination, aber sie ist nun einmal vorhanden.
Die Polen haben ihren eigenen Opferkomplex sakralisiert und ihn zu einem Schlüsselelement ihrer nationalen Identität gemacht. Die Ukrainer hingegen sagen: Ich möchte niemals wieder ein Opfer sein!
Vor zehn Jahren beeindruckte mich der Leitsatz des Danziger Historikers (und bis vor Kurzem Leiter des Büros für Nationale Sicherheit beim Präsidenten Polens) Sławomir Cenckiewicz:
„…Wir müssen – genau wie Israel – unseren eigenen nationalen Standpunkt klar vertreten. Andernfalls werden wir den Kampf um den Platz der Polen als Opfer zweier Totalitarismen verlieren.“
Dieses Bestreben eines beträchtlichen Teils der polnischen Gesellschaft, sich als das größte Opfer der Geschichte darzustellen, wirkt aus ukrainischer oder jüdischer Perspektive etwas Krankhaftes.
Die Ukrainer versuchen, die Traumata der Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Polen hingegen haben sie jahrzehntelang sakralisiert.
Ein Opfer trägt niemals Verantwortung für die eigenen Fehler. Das Opfer ist unfehlbar. Das ist der Imperativ des Opferbewusstseins.
Der Nationalsozialismus entstand aus dem Gefühl der nationalen Demütigung der Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Deutschen empfanden sich als Opfer der Umstände, der Ungerechtigkeit und eines bösen Schicksals.
Man musste jemanden finden, der daran schuld war. Sie fanden die Juden.
Ein erheblicher Teil der polnischen Gesellschaft von heute ähnelt den Deutschen zu Beginn der 1930er Jahre. Nur dass für die polnischen Ultrarechten heute die Ukrainer an die Stelle der Juden getreten sind.
Wenn ich heute in der polnischen Presse lese, dass sich nicht in Polen, sondern in der Ukraine ein Kult des Neonazismus entwickle, bin ich ratlos. Denn das ist das, was Psychologen „Projektion“ nennen – ein Abwehrmechanismus der Psyche, bei dem Menschen unbewusst ihre eigenen Gefühle, Gedanken, Ängste oder Wünsche anderen zuschreiben.
Heute stimmt in Polen jeder Fünfte für Neonazis. Sie sind im Sejm, im Europäischen Parlament und in den kommunalen Selbstverwaltungen vertreten. Zeigt mir auch nur einen einzigen Neonazi im ukrainischen Parlament! Es gibt keinen. In der Ukraine sind ultrarechte Ideen unpopulär. In Polen hingegen liegen neonazistische Ideen im Trend. Und das sehen wir täglich in den Berichten der polnischen Medien: Die verbale Gewalt ist längst in physische Gewalt übergegangen.
Wenn ich in der polnischen Presse von einer „Welle des Hasses auf Polen“ in der Ukraine lese, weiß ich nicht einmal, wie ich das nennen soll. Denn das ist nicht einmal Projektion – das ist Chuzpe.
In der Ukraine wächst keine Welle des Hasses auf Polen, sondern eine Welle der Enttäuschung über die Polen. Nicht einmal bloße Enttäuschung – vielmehr tiefe Bestürzung. Ich persönlich fühle mich seit einigen Jahren verwirrt: Wie konnte es geschehen, dass eine Gesellschaft, die für die Ukrainer in vielerlei Hinsicht ein Vorbild war, sich zu dem entwickelt hat, was sie heute ist?
Der ehemalige Präsident Wiktor Juschtschenko wiederholte gern den Satz „Polak jeden!“ („Der Pole ist eins!“), um auf die Einheit der polnischen Gesellschaft hinzuweisen – ihre weltanschauliche und wertebezogene Geschlossenheit. Noch vor zehn bis fünfzehn Jahren erschien die polnische Gesellschaft aus ukrainischer Sicht genau so.
Heute ist alles anders.
Die ukrainische Gesellschaft hat in den Jahren ihrer Unabhängigkeit einen Weg zurückgelegt – von der posttotalitären Atomisierung über weltanschauliche Polarisierung und politische Turbulenzen der Jahre 2004 bis 2014 hin zu einer schwierigen Konsolidierung und einem posttraumatischen Wachstum. Der wichtigste Trend, der die Entwicklung der Ukrainer bestimmt, ist die Konsolidierung. Das zeigen soziologische Untersuchungen ebenso wie die Art und Weise, wie die ukrainische Gesellschaft miteinander umgeht.
Polen befindet sich heute im Gegentrend – einer Desintegration durch Polarisierung.
Unter den Bedingungen eines großen Krieges ist das eine gefährliche Entwicklung. So etwas gab es schon einmal: Auch in den 1930er Jahren war die polnische Gesellschaft in ähnlicher Weise desintegriert und polarisiert. Das kostete Polen seine Unabhängigkeit.
Der Opferkomplex, den ein erheblicher Teil der polnischen Gesellschaft pflegt, macht den polnischen Staat verwundbar.
Polen muss seinen eigenen Opferkomplex tiefgreifend aufarbeiten. Denn angesichts der aktuellen Herausforderungen wird Polen zunehmend verwundbar.
Praktisch täglich berichten die polnischen Medien über Gewalt gegen Ukrainer in Polen. Ukrainer werden geschlagen, weil sie Polnisch mit einem Akzent sprechen. Ukrainische Kinder werden in Polen in öffentlichen Verkehrsmitteln und an anderen öffentlichen Orten von kräftigen Männern beschimpft und angegriffen. Es kommt sogar vor, dass Polen andere Polen bewusstlos schlagen, weil sie glauben, diese hätten mit ukrainischem Akzent gesprochen.
Natürlich kann man auch weiterhin die Augen vor diesem Problem verschließen. Doch aus ukrainischer Sicht entwickelt sich Polen in die falsche Richtung.
Die polnische Gesellschaft muss ernsthaft an sich selbst arbeiten – eine Arbeit, die niemand an ihrer Stelle leisten kann.
Fremdenfeindlichkeit, Ukrainophobie und Antisemitismus sind ganz sicher nicht die Werte, auf denen das vereinte Europa aufgebaut wurde.
Das heutige Polen diskreditiert – in der Richtung, die es derzeit einschlägt – die Europäische Union.
Schon seit Langem ist es schmerzlich, das mitanzusehen. Seit einiger Zeit ist es sogar widerwärtig.
Polen hat die falsche Richtung eingeschlagen.
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Kommentare
1.
In London hört man Polnisch fast häufiger als Englisch. Es gibt hier so viele Polen, dass man im Laufe eines Tages die unterschiedlichsten Gruppen sieht – von Intellektuellen bis hin zu typischen Rüpeln, die ihre eigenen Kinder anschreien und sie grob in den Rücken stoßen, oder zu Männern, die betrunken an Zäunen lehnen.
In polnischen Geschäften wie Mleczko oder Delikatesy wird Polnisch gesprochen. Auch in vielen anderen Läden trifft man häufig ältere Polinnen, die überhaupt kein Englisch sprechen und sich nur mit einigen wenigen Wörtern und Gesten verständigen.
Außerdem werden in Großbritannien viele Straftaten von Polen begangen (schlicht deshalb, weil sie eine sehr große ausländische Bevölkerungsgruppe darstellen). Kaum war der Skandal um eine Polin verklungen, die deportiert wurde, weil sie in einem englischen Kindergarten Kinder misshandelt und geschlagen hatte – innerhalb eines Jahres waren 21 Kinder betroffen –, da folgte bereits der nächste Skandal: Einer der beiden Vergewaltiger von Jugendlichen in Norfolk war Pole.
Über uns wohnte einmal ein polnischer Alkoholiker, der nächtliche Partys veranstaltete. Es war die einzige laute Wohnung in der ganzen Straße. Sie erbrachen sich aus den Fenstern, warfen Zigarettenstummel in den Garten und spielten um drei Uhr morgens laute Musik. Und wir waren die Einzigen, die ein solches Verhalten nicht tolerierten, weil die Einheimischen sehr freundliche Menschen sind.
Deshalb empfinde ich dieselbe Bestürzung, wenn ich lese, wie Polen die Ukrainer hochmütig darüber belehren, wie man sich in Europa zu verhalten habe, und dabei entweder Straftaten erfinden, die Ukrainer angeblich begangen hätten und die sich später als Fälschungen herausstellen, oder sich einfach am polnischen Akzent oder daran stören, dass Ukrainer untereinander Ukrainisch sprechen.
Das wirkt tatsächlich wie eine Art geistige Erkrankung.
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2.
Das nazistische Polen ist heute Realität geworden. Doch der Opferkomplex und die mangelnde Bereitschaft, das eigene Land gegen eine russische Invasion zu verteidigen, führen dieses Land unausweichlich in den Zusammenbruch. Darauf muss man vorbereitet sein und nicht versuchen zu retten, was in Wahrheit schon längst gestorben ist.
Überheblichkeit und leerer Nationalstolz, verbunden mit der Bereitschaft, Aggression ausschließlich gegen Ukrainer zu zeigen, die sich im Krieg befinden, sind lediglich Ausdruck eines Bedürfnisses, sich auf Kosten eines Schwächeren zu bestätigen.
Deshalb ist es vernünftig, an der eigenen Stärke zu arbeiten und sich nicht für Menschen aufzuopfern, die eines solchen Opfers nicht würdig sind.
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3.
Ich spreche mit Polen, ich erzähle ihnen, ich zeige ihnen alles, was geschieht. Und ich stoße auf eine derartige Mauer aus Unverständnis und Verachtung, dass ich selbst ratlos werde.
Am Anfang, im März 22, als so viel Hilfe, Verständnis, Unterstützung und Güte von den Polen kam, war das ein Ausdruck echter Menschlichkeit, und dafür bin ich ihnen von Herzen dankbar.
Es gab aber auch Fälle, die wir selbst unmittelbar erlebt haben: Kinder wurden in einer polnischen Schule geschlagen. Auf Spielplätzen schrien Kinder unseren Kindern zu: „Ihr seid Mörder!“ Sie riefen ihnen zu: „Es ist richtig, dass Raketen auf euch fliegen!“ Wir versuchten ruhig zu erklären und das Gespräch zu suchen. Doch so etwas entsteht nicht von einem Tag auf den anderen – es ist etwas, das in den Familien über lange Zeit gewachsen ist.
Später, mit der Unterstützung der politischen Führung, begannen die Auseinandersetzungen um das Getreide, und meine „Freunde“ erzählten mir die „polnische Version“: über Wolhynien, darüber, dass „wir euch eure Geschichte beibringen werden, weil ihr sie nicht kennt“, dass „ihr schuld seid, das ist eure Strafe“.
Ein Polizist sah meinen Pass an und sagte zu mir: „Spierdalaj na Ukrainę!“ („Verpiss dich in die Ukraine!“). Daraufhin erwiderte ich die ‚Einladung‘ des wenig respektablen Herrn höflich und zeigte ihm, wohin er stattdessen gehen könne.
All das geschieht tatsächlich. Es gibt viele Menschen, die sich dem entgegenstellen, unterstützen und helfen. Aber die Maschinerie wurde in Gang gesetzt und dreht sich weiter, und diejenigen, die sie in Bewegung gesetzt haben, merken selbst nicht, dass sie sich in die falsche Richtung bewegt.
Leider.
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4.
Das Schlimmste ist, dass sie – ähnlich wie die Russen – sobald sie materiell satt geworden sind, nach diesem Unsinn eines nationalen Onanismus verlangen, der zur Schande aller großen konservativen Denker als „rechte Politik“ bezeichnet wird.
Es gibt nichts Schlimmeres für eine Nation als jene von Jarosław Kaczyński offen formulierte Politik des Nationalstolzes. Bereits vor etwa zehn Jahren erklärte er sinngemäß, Selbstkritik sei etwas für Dummköpfe und die Polen hätten in ihrer Geschichte nichts, dessen sie sich schämen müssten.
Heute beginnen die vernünftigen Polen zu erkennen, wohin sie insbesondere die Präsidentschaft Nawrockis geführt hat. Denn wenn ein Präsident, der seinen Bürgern als Vorbild dienen sollte, der Welt unverhohlene Aggression vorführt, dann muss er dafür wohl gute Gründe haben – und folglich meinen auch ‚wir‘, uns nicht mehr zurückhalten zu müssen.
Nicht umsonst schweigt seine Präsidialkanzlei so merkwürdig zu dem jüngsten Vorfall …
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🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Social Media
Autor: Oleksandr Zinchenko
Veröffentlichung: 28.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:
Original ansehen
Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.
Dieser Text beginnt als Sammlung persönlicher Londoner Anekdoten und endet mit der Behauptung, ein erheblicher Teil der polnischen Gesellschaft gleiche den Deutschen zu Beginn der 1930er Jahre. Genau dieser Übergang zeigt das zentrale Problem: Aus einzelnen Beobachtungen werden nationale Charaktereigenschaften konstruiert, aus politischen Konflikten psychologische Diagnosen und aus historischen Meinungsverschiedenheiten schließlich der Vorwurf eines heraufziehenden Nationalsozialismus.
Dass polnische Arbeiter laut sprechen, fluchen oder sich gelegentlich danebenbenehmen, sagt über Polen ungefähr so viel aus wie vergleichbare Erlebnisse mit britischen, deutschen oder ukrainischen Arbeitern über deren gesamte Nation. Die wiederholte Betonung der angeblichen Lautstärke, sprachlichen Begrenztheit und Grobheit polnischer Arbeiter ist keine ernsthafte Gesellschaftsanalyse, sondern ein klassisches nationales und soziales Klischee.
Auch der London-Vergleich trägt nicht. Selbstverständlich sollte niemand wegen seiner Sprache, Herkunft oder seines Akzents angegriffen werden. Allerdings ist die Solidarność-Fahne das Symbol einer demokratischen Gewerkschafts- und Freiheitsbewegung. Sie mit der gegenwärtigen Kritik an der Verehrung von OUN und UPA in Verbindung zu bringen, ist irreführend. Kritisiert wird nicht die ukrainische Sprache oder die Existenz ukrainischer Symbole, sondern die Ehrung konkreter Organisationen und Personen, deren historische Verantwortung für Kollaboration, ethnische Säuberungen und Massenmorde nicht einfach verschwindet, weil sie zugleich gegen die Sowjetunion kämpften.
Ebenso fragwürdig ist die Behauptung, Polen seien mit ihrer „Mitverantwortung am Holocaust“ in die Europäische Union aufgenommen worden. Einzelne Polen beteiligten sich an Verbrechen, andere denunzierten oder beraubten Juden. Gleichzeitig wurde Polen von NS-Deutschland besetzt, der polnische Staat wurde zerschlagen, und die deutschen Vernichtungslager wurden auf besetztem polnischem Gebiet errichtet. Wer individuelle, lokale oder gesellschaftliche Mitverantwortung diskutieren möchte, muss das präzise tun. Eine pauschale nationale Mitverantwortung zu suggerieren, verwischt den fundamentalen Unterschied zwischen Tätern, Kollaborateuren, Zuschauern, Helfern und den Millionen polnischen Opfern der deutschen Besatzung.
Vollkommen entgleist ist schließlich der Vergleich mit Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre. Polen führt keinen Eroberungskrieg, entwickelt keine Rassenlehre, erklärt Ukrainer nicht zu Untermenschen und errichtet keine Konzentrations- oder Vernichtungslager. Eine Gesellschaft, die über Migration, historische Verantwortung oder nationale Interessen streitet, mit der Gesellschaft zu vergleichen, aus der die nationalsozialistische Diktatur hervorging, ist keine Warnung vor Extremismus, sondern eine maßlose Verharmlosung des Nationalsozialismus.
Nicht weniger unseriös ist der Satz, heute wähle „jeder fünfte Pole Neonazis“. Welche Partei soll damit gemeint sein? Welche ihrer Wähler wurden nach welchen wissenschaftlichen Kriterien als Neonazis eingestuft? Man kann fremdenfeindliche Aussagen, radikale Politiker oder rechtsextreme Strömungen in Polen klar benennen. Aber Millionen von Menschen pauschal zu Neonazis zu erklären, ist keine sachliche Kritik, sondern politische Entmenschlichung – ausgerechnet in einem Text, der vor Hass und Pauschalisierung warnen möchte.
Auch der Hinweis, im ukrainischen Parlament sitze kein Neonazi, beantwortet die polnische Kritik nicht. Wahlergebnisse einer rechtsradikalen Partei und staatliche Erinnerungspolitik sind zwei verschiedene Dinge. Ein Land kann rechtsradikale Parteien parlamentarisch marginalisieren und trotzdem Personen oder Organisationen öffentlich ehren, die autoritären Nationalismus vertraten, mit NS-Deutschland kollaborierten oder an ethnischen Säuberungen beteiligt waren. Die historische Belastung von OUN und UPA ist keine „polnische Projektion“.
Selbstverständlich müssen Angriffe auf Ukrainer in Polen konsequent verfolgt und verurteilt werden. Dass ukrainische Kinder beschimpft oder Menschen wegen ihres Akzents angegriffen werden, ist nicht zu relativieren. Doch aus ausgewählten Medienmeldungen lässt sich ebenso wenig eine allgemeine Entwicklung Polens zum Neonazismus ableiten wie aus Straftaten ukrainischer Staatsbürger eine Aussage über alle Ukrainer. Seriös wäre es, vergleichbare Statistiken, Zeiträume und Bezugsgrößen zu nennen. Der Text bietet stattdessen nur dramatische Einzelfälle und eine vorab feststehende nationale Diagnose.
Besonders widersprüchlich ist, dass der Autor Polen einen Opferkomplex, mangelnde Selbstkritik und die Unfähigkeit zur Vergebung vorwirft, während er ukrainische Geschichtspolitik nahezu vollständig von kritischen Fragen ausnimmt. Vergebung bedeutet nicht, historische Tatsachen zu leugnen, Exhumierungen zu behindern oder Täter zu Helden umzudeuten. Die Botschaft der polnischen Bischöfe von 1965 lautete nicht: „Wir vergessen und stellen keine Fragen mehr.“ Versöhnung setzt Wahrheit, Benennung der Verantwortung und die Bereitschaft beider Seiten voraus, auch die eigene nationale Erzählung zu überprüfen.
Der Text hätte eine berechtigte Kritik an Fremdenfeindlichkeit und politischer Radikalisierung formulieren können. Stattdessen verbindet er Klassendünkel gegenüber polnischen Arbeitern, pauschale Nationalpsychologie, historische Verzerrungen und einen vollkommen unangemessenen NS-Vergleich. Damit liefert er selbst ein Beispiel für genau jene Geringschätzung und nationale Feindseligkeit, die er ausschließlich der polnischen Seite vorwirft.
Polen ist nicht frei von Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit oder politischer Polarisierung. Die Ukraine ist aber ebenso wenig frei von problematischer Geschichtspolitik, nationalen Mythen und der Heroisierung historisch schwer belasteter Akteure. Eine ehrliche polnisch-ukrainische Verständigung kann nur beginnen, wenn für beide Nationen dieselben moralischen und historischen Maßstäbe gelten.
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Sie werfen dem Autor vor, aus persönlichen Erlebnissen nationale Eigenschaften abzuleiten. Tatsächlich machen Sie aber genau dasselbe – nur umgekehrt. Sie reduzieren mehrere Seiten Text auf ein paar Bauarbeiter in London und tun so, als sei das die eigentliche Aussage. Dabei übergehen Sie den Kern vollständig.
Es ging nie darum, dass polnische Bauarbeiter laut sprechen. Es ging darum, dass sie das in London konnten, ohne deswegen angefeindet zu werden. Sie konnten Polnisch sprechen, polnische Fahnen zeigen und einfach Polen sein. Genau diese Toleranz beschreibt der Autor – und stellt ihr die Erfahrungen vieler Ukrainer im heutigen Polen gegenüber. Dass Sie sich fast ausschließlich an den Bauarbeitern festbeißen, zeigt eher, dass Sie dem eigentlichen Argument ausweichen.
Auch Ihr Vorwurf des „Klassendünkels“ ist schwer nachvollziehbar. Wo genau werden Bauarbeiter abgewertet? Der Autor beschreibt Menschen, denen er tatsächlich begegnet ist. Wären es Lehrer, Ärzte oder Taxifahrer gewesen, hätte er eben über diese geschrieben. Den Vorwurf des Klassendünkels konstruieren Sie selbst.
Dasselbe gilt für Ihren Exkurs über Solidarność, OUN und UPA. Niemand setzt diese Dinge gleich. Im Text wird lediglich beschrieben, dass eine Solidarność-Fahne in London niemanden störte. Daraus machen Sie plötzlich eine Debatte über ukrainische Erinnerungspolitik. Das hat mit der Aussage des Autors schlicht nichts zu tun. Es wirkt eher so, als wollten Sie das Thema wechseln.
Es fällt auf, dass Sie auf fast jede Kritik an aktuellen Entwicklungen in Polen mit OUN und UPA antworten. Aber erklären Sie mir bitte: Was hat das mit Angriffen auf ukrainische Kinder oder Menschen zu tun, die wegen ihres Akzents beleidigt oder geschlagen werden? Historische Konflikte erklären vielleicht Ressentiments. Sie rechtfertigen sie nicht.
Auch beim Holocaust argumentieren Sie gegen etwas, was der Autor gar nicht geschrieben hat. Sie tun so, als habe er Polen als Staat für den Holocaust verantwortlich gemacht. Tatsächlich schreibt er, Polen sei mit seinem gesamten historischen Gepäck Teil Europas geworden – mit Solidarność ebenso wie mit Dmowski, mit Miłosz ebenso wie mit den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte. Gerade diese Ambivalenz beschreibt er. Dass Sie daraus eine pauschale nationale Schuldzuweisung machen, ist Ihre Interpretation, nicht seine Aussage.
Sie fordern Differenzierung, verzichten aber selbst darauf. Aus „ein erheblicher Teil der polnischen Gesellschaft“ wird bei Ihnen plötzlich „die Polen“. Aus Kritik an einer gesellschaftlichen Entwicklung wird eine angebliche Verurteilung einer ganzen Nation. Das ist genau die Art von Verkürzung, die Sie dem Autor vorwerfen.
Besonders erstaunlich finde ich Ihren Einwand, der Autor arbeite nur mit Einzelfällen. Natürlich sind persönliche Erlebnisse keine Statistik. Aber Sie widerlegen diese Erlebnisse ja nicht. Sie erklären sie einfach zu Anekdoten und sind damit zufrieden. Dabei berichten polnische Medien selbst seit Jahren über zunehmende Übergriffe auf Ukrainer. Das Problem existiert unabhängig davon, ob es Ihnen in die Argumentation passt.
Am Ende schreiben Sie, für beide Nationen müssten dieselben Maßstäbe gelten. Dem kann man nur zustimmen. Nur wenden Sie diese Maßstäbe selbst nicht an. Über ukrainische Geschichtspolitik schreiben Sie ausführlich. Die aktuellen Probleme in Polen relativieren Sie dagegen konsequent oder lenken auf andere Themen um.
Und genau deshalb bleibt die eigentliche Frage unbeantwortet: Warum fällt es heute einem Teil der polnischen Gesellschaft so schwer, Ukrainern dieselbe Selbstverständlichkeit zuzugestehen, die Millionen Polen jahrzehntelang selbst in Großbritannien, Deutschland oder anderen europäischen Ländern erfahren haben?
Diese Frage umgehen Sie. Stattdessen diskutieren Sie über Bauarbeiter. Das sagt doch einiges über Ihre Prioritäten aus, oder?
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Zwei Punkte räume ich ein: „Klassendünkel“ war zu weitgehend, und der Text setzt Solidarność nicht ausdrücklich mit OUN oder UPA gleich. Jetzt sind Sie dran. Denn Sie verteidigen nicht den veröffentlichten Text, sondern eine nachträglich geglättete Version davon.
Sie behaupten, die Bauarbeiter-Passagen sollten lediglich britische Toleranz veranschaulichen. Dann erklären Sie bitte, wozu der Autor ihre angeblich begrenzte Schimpfsprache, ihr „bizarr-komisches“ Auftreten, ihre Lautstärke, ihre Trunkenheit und den Polizeieinsatz braucht. Nichts davon ist erforderlich, um zu sagen: „Ich hörte Polen auf der Straße Polnisch sprechen, und niemand belästigte sie.“
Der Autor bleibt eben nicht bei einzelnen Menschen. Er schreibt ausdrücklich:
„Im Allgemeinen spricht der durchschnittliche polnische Arbeiter ziemlich laut.“
Und:
„Polen im Ausland [haben] die Angewohnheit, ziemlich laut ihre eigene Sprache zu sprechen.“
Das sind nationale Verallgemeinerungen. Das Problem ist nicht, dass der Autor Bauarbeitern begegnet ist. Das Problem ist, dass er aus ihnen den „durchschnittlichen polnischen Arbeiter“ konstruiert. Aus einigen Begegnungen entsteht das Bild des lauten, groben, sprachlich begrenzten und gelegentlich betrunkenen Polen. Gleichzeitig werden „die Ukrainer“ als jene dargestellt, die ihre Traumata aufarbeiten, sich konsolidieren und niemals wieder Opfer sein wollen. Polen begrenzt, rückwärtsgewandt und neurotisch – Ukrainer reflektiert, geeint und gereift. Diese Asymmetrie steht im Text, nicht in meiner Fantasie.
Ebenso unzulässig ist der Sprung von „Ich selbst bemerkte keine Aggression“ zu „Doch niemals sagte irgendjemand zu den Polen: Verschwindet nach Polen!“ Der Autor kann seine Beobachtung schildern. Er kann daraus aber keine allgemeine Geschichte polnischer Migration in Großbritannien machen. Spätestens die anti-polnische Stimmung rund um den Brexit macht dieses absolute „niemals“ absurd.
Bei der Solidarność-Fahne gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie soll keinen Vergleich zu ukrainischen Symbolen herstellen – dann ist die Anekdote für die spätere Argumentation vollkommen irrelevant. Oder sie soll zeigen, dass die Briten polnische historische Symbole tolerierten, während Polen heute ukrainische Symbole ablehnten – dann muss man sehr wohl darauf hinweisen, dass Solidarność keine Entsprechung zu Bandera oder UPA ist. Eine demokratische Freiheitsbewegung ist nicht dasselbe wie Organisationen und Personen, die mit Kollaboration, autoritärem Nationalismus und ethnischen Säuberungen verbunden sind.
Sie werfen mir außerdem vor, aus „einem erheblichen Teil der Gesellschaft“ plötzlich „die Polen“ gemacht zu haben. Lesen Sie den Text bitte noch einmal. Dort steht wörtlich:
„Ja, die Polen können nicht vergeben.“
„Die Polen haben ihren eigenen Opferkomplex sakralisiert.“
„Polen hat ihre Erfahrungen und ihre Bemühungen auf den Müllhaufen geworfen.“
Die Verallgemeinerung stammt nicht von mir. Ihre Kritik wird durch den Wortlaut widerlegt. Sie verlangen von meiner Antwort eine Differenzierung, die Sie dem Autor nicht abverlangen.
Dasselbe Muster zeigt sich beim Holocaust. Ich habe dem Autor nicht unterstellt, er habe geschrieben, der polnische Staat habe den Holocaust organisiert. Kritisiert wurde seine konkrete Formulierung:
„Die Polen wurden […] mit ihrer Mitverantwortung am Holocaust […] in die Europäische Union aufgenommen.“
Das Subjekt sind „die Polen“, die Mitverantwortung ist „ihre“. Sie ersetzen diesen Satz nun durch die weichere Formulierung von den „dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte“. Das klingt vernünftiger – steht dort aber nicht. Wenn einzelne Polen, bestimmte Milieus, Denunzianten, Täter oder lokale Kollaboration gemeint sind, muss man das auch so schreiben. Gerade beim Holocaust ist sprachliche Präzision keine Pedanterie.
Auch OUN und UPA habe nicht ich in die Debatte hineingezogen. Der Autor selbst behauptet, polnische Berichte über einen Kult des Neonazismus in der Ukraine seien bloße „Projektion“. Wer diesen Satz schreibt, eröffnet selbst die Diskussion darüber, welche historischen Figuren und Organisationen in der Ukraine geehrt werden. Dass Angriffe auf ukrainische Kinder durch nichts zu rechtfertigen sind, ist davon völlig unabhängig. Man kann solche Angriffe uneingeschränkt verurteilen und trotzdem die Heroisierung von Bandera oder UPA kritisieren. Sie tun so, als müsse man sich für eines entscheiden.
Ihr vielleicht auffälligster Kunstgriff ist jedoch die sprachliche Textwäsche:
Aus „jeder fünfte Pole stimmt für Neonazis“ wird bei Ihnen eine allgemeine „Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen“.
Aus „die Polen können nicht vergeben“ wird „ein Teil der polnischen Gesellschaft“.
Aus „die Ukrainer haben für polnische Ultrarechte die Juden ersetzt“ wird eine harmlose Frage nach Toleranz.
Aus „Mitverantwortung am Holocaust“ werden unverfängliche „dunkle Kapitel“.
Sie werfen mir Verkürzung vor, während Sie die schärfsten Aussagen des Autors selbst so lange umformulieren, bis sie verteidigungsfähig klingen.
Dass polnische Medien über Angriffe auf Ukrainer berichten, beweist zunächst, dass solche Angriffe stattfinden und öffentlich problematisiert werden. Es beweist nicht, dass Polen als Gesellschaft den Weg Deutschlands zu Beginn der 1930er Jahre einschlägt. Medien berichten ebenfalls über Straftaten, bei denen Ukrainer Täter sind. Daraus würde kein seriöser Mensch eine ukrainische Nationaleigenschaft ableiten. Genau derselbe Maßstab muss für Polen gelten.
Der Deutschlandvergleich ist ohnehin vollkommen maßlos. Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre war nicht bloß polarisiert und von einem Opfergefühl geprägt. Es existierte eine politische Massenbewegung mit Rassenlehre, Revisionismus, organisiertem Terror und einem offen expansionistischen Programm. Der Autor weist für Polen nichts auch nur annähernd Vergleichbares nach. Er nennt einige Übergriffe, politische Polarisierung und ein angebliches Opferbewusstsein – und setzt anschließend Ukrainer an die Stelle der Juden. Das ist keine historische Analyse. Das ist moralische Erpressung durch einen NS-Vergleich.
Ihre Schlussfrage lässt sich einfach beantworten: Jeder, der Ukrainer wegen ihrer Sprache oder Herkunft beleidigt oder angreift, verweigert ihnen diese Selbstverständlichkeit und verdient klare Verurteilung. Daraus folgt aber nicht, dass „die polnische Gesellschaft“ Ukrainern das Recht abspricht, Ukrainisch zu sprechen, ihre Fahne zu zeigen oder in Polen zu leben. Diesen Sprung beweist der Autor nicht. Er behauptet ihn.
Der Beitrag beweist auch keine allgemeine ukrainische „Welle des Hasses auf Polen“. Er beweist etwas Engeres: Pauschale und verächtliche Aussagen über Polen werden veröffentlicht und verteidigt – aber sobald man sie wörtlich zitiert, werden sie nachträglich zu harmloser „Gesellschaftskritik“ umgedeutet.
Deshalb drei konkrete Fragen, ohne Ausweichmanöver:
Halten Sie den Satz „Heute stimmt in Polen jeder Fünfte für Neonazis“ für sachlich korrekt? Welche Menschen werden hier nach welcher Definition und auf Grundlage welcher Untersuchung zu Neonazis erklärt?
Halten Sie die Behauptung für belegt, Ukrainer hätten für polnische Ultrarechte heute dieselbe Funktion wie Juden für deutsche Nationalsozialisten zu Beginn der 1930er Jahre? Welche tatsächliche historische Vergleichbarkeit soll das tragen?
Räumen Sie ein, dass Sätze wie „Die Polen können nicht vergeben“ und „Die Polen haben ihren Opferkomplex sakralisiert“ genau jene nationalen Verallgemeinerungen sind, deren Existenz Sie gerade bestreiten?
Ich habe die zwei überzogenen Punkte meiner ersten Antwort korrigiert. Nun können Sie zeigen, ob Sie denselben Maßstab auch auf einen Text anwenden, den Sie selbst veröffentlicht haben.
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Zunächst einmal rechne ich Ihnen an, dass Sie zwei Punkte korrigiert haben. Das ist in einer Debatte eher die Ausnahme als die Regel. Genau deshalb erwarte ich aber auch dieselbe Bereitschaft, die Argumentation des Autors als Ganzes zu lesen und nicht nur ihre schärfsten Formulierungen.
Ich werde den Satz „Heute stimmt jeder fünfte Pole für Neonazis“ nicht verteidigen. Er ist polemisch und historisch unsauber formuliert. Genauso halte ich den Vergleich mit Deutschland Anfang der 1930er Jahre für überzogen. Darüber müssen wir nicht streiten.
Aber genau an dieser Stelle beginnt mein Problem mit Ihrer Antwort.
Sie greifen sich konsequent die drei oder vier stärksten Sätze heraus und behandeln sie so, als seien sie der gesamte Text. Dabei besteht der Essay zu 95 Prozent aus etwas anderem: aus der Beschreibung einer Entwicklung, die viele Ukrainer in Polen seit einigen Jahren tatsächlich erleben.
Sie schreiben seitenlang über Bandera, OUN, Holocaust und den Nationalsozialismus. Der Autor schreibt seitenlang über Anfeindungen gegen Ukrainer im heutigen Polen. Das Verhältnis dieser beiden Themen ist bei Ihnen ungefähr umgekehrt.
Sie fragen, warum der Autor die lauten Bauarbeiter, das Fluchen und den Betrunkenen erwähnt. Ganz einfach: weil er erzählt. Das ist ein Essay und keine sozialwissenschaftliche Studie. Menschen erzählen Geschichten mit Details. Wenn ich schreibe, ein Franzose habe ständig geraucht, ein Italiener laut telefoniert oder ein Engländer im Pub gesessen, erhebe ich damit noch keinen wissenschaftlichen Anspruch über das jeweilige Volk.
Sie zitieren die Sätze über den „durchschnittlichen polnischen Arbeiter“. Ja, das sind Verallgemeinerungen. Aber sie stehen in einem ganz anderen Gewicht als die politischen Aussagen des Textes. Sie machen daraus den roten Faden, obwohl sie es gar nicht sind.
Mich wundert vor allem, woran Sie sich festbeißen. Nicht an den Berichten über Übergriffe. Nicht an der gesellschaftlichen Polarisierung. Nicht an der Frage, warum sich das Klima gegenüber Ukrainern verändert hat. Sondern an der Lautstärke polnischer Bauarbeiter.
Das wirkt auf mich wie eine Verschiebung der Debatte.
Auch beim Brexit bringen Sie einen Einwand, der den Punkt verfehlt. Natürlich gab es antislawische Ressentiments in Großbritannien. Natürlich wurden Polen beleidigt. Aber der Autor behauptet nirgends, Großbritannien sei ein Paradies gewesen. Er beschreibt seine Erfahrungen. Aus dem offensichtlichen Stilmittel „niemals“ machen Sie plötzlich einen Anspruch auf vollständige Migrationsgeschichte Großbritanniens.
Bei Solidarność machen Sie erneut eine Entweder-oder-Konstruktion, die ich nicht teile. Die Fahne funktioniert im Text als Symbol dafür, dass polnische Identität im öffentlichen Raum selbstverständlich sichtbar sein konnte. Mehr muss sie dort gar nicht leisten. Erst Sie machen daraus zwangsläufig eine Debatte über Bandera.
Beim Holocaust gilt dasselbe. Ja, die Formulierung ist unpräzise. Aber Sie lesen sie maximal belastend. Der gesamte Absatz handelt ausdrücklich davon, dass Polen mit seinem ganzen historischen Erbe Teil Europas geworden ist – mit seinen Licht- und Schattenseiten. Genau deshalb nennt der Autor hintereinander Solidarność, Dmowski, Miłosz, Kominek, Łupaszko, Engel und Dämonen. Das ist keine eindimensionale Tätererzählung. Dass die Formulierung „Mitverantwortung am Holocaust“ sprachlich problematisch ist, würde ich sofort unterschreiben. Aber Ihre Interpretation macht aus einer unpräzisen Formulierung eine Aussage, die dort so nicht steht.
Der eigentliche Unterschied zwischen uns ist aber ein anderer.
Sie prüfen jeden Satz des Autors unter maximaler historischer Lupe. Das ist legitim.
Warum wenden Sie dieselbe Strenge nicht auf Ihre eigene Argumentation an?
Sie schreiben mehrfach sinngemäß, die Kritik an OUN und UPA erkläre die heutige Situation. Ich frage Sie zurück: Erklärt sie den Angriff auf ukrainische Kinder? Erklärt sie Menschen, die wegen eines Akzents zusammengeschlagen werden? Erklärt sie Beschimpfungen im öffentlichen Nahverkehr?
Wenn nein – warum nimmt dieses Thema den größten Teil Ihrer Antwort ein?
Mir scheint, dass genau hier der eigentliche blinde Fleck liegt. Immer wenn von gegenwärtiger Fremdenfeindlichkeit die Rede ist, verschiebt sich die Diskussion in die Geschichte. Wolhynien. OUN. Bandera.
Aber die Frage lautet doch heute:
Warum erleben immer mehr Ukrainer in Polen Anfeindungen wegen ihrer Sprache oder Herkunft?
Darauf geben Sie letztlich keine Antwort.
Sie beantworten stattdessen eine andere Frage.
Und genau deshalb habe ich den Eindruck, dass Sie zwar die polemischen Überzeichnungen des Essays sehr gründlich zerlegen – den eigentlichen Anlass, warum ein solcher Text überhaupt geschrieben wurde, aber weitgehend ausblenden.
Denn ob der Autor mit einzelnen Formulierungen überzieht, ist eine Diskussion wert.
Ob sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Ukrainern in Polen in den letzten Jahren spürbar verschlechtert hat, ist die wichtigere. Genau dieser Frage weichen Sie meines Erachtens aus.
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Sie haben inzwischen selbst eingeräumt, dass „jeder fünfte Pole wählt Neonazis“ unhaltbar und der Vergleich mit Deutschland Anfang der 1930er Jahre überzogen ist. Damit fallen aber nicht drei nebensächliche Formulierungen weg, sondern die Säulen, auf denen die gesamte Diagnose des Essays ruht.
Denn ohne diese Sätze bleibt eine berechtigte Aussage übrig: Es gibt in Polen Übergriffe und Fremdenfeindlichkeit gegen Ukrainer, und beides ist zu verurteilen. Das hat niemand bestritten. Erst die von Ihnen inzwischen verworfenen Sätze machen daraus die Erzählung von einer moralisch erkrankten, beinahe faschistischen polnischen Gesellschaft.
Sie können nicht die tragenden Säulen entfernen und anschließend behaupten, 95 Prozent des Gebäudes stünden unverändert.
Auch Ihre Verteidigung der Bauarbeiter-Anekdoten überzeugt nicht. Natürlich darf ein Essay erzählen. Aber der Autor schreibt nicht nur über einzelne Männer, sondern ausdrücklich über den „durchschnittlichen polnischen Arbeiter“ und die angebliche Gewohnheit der „Polen im Ausland“, laut und bizarr aufzutreten. Das ist keine harmlose Beobachtung mehr, sondern eine nationale Typisierung. Und sie ist Teil eines sehr klaren Musters:
Die Polen erscheinen laut, grob, betrunken, unversöhnlich, traumatisiert und politisch degeneriert.
Die Ukrainer hingegen arbeiten angeblich ihre Traumata auf, konsolidieren sich, wachsen posttraumatisch und wollen „niemals wieder Opfer sein“.
Das ist keine ausgewogene Gesellschaftsanalyse. Das ist ukrainische Selbstbeweihräucherung vor einer möglichst dunklen polnischen Kulisse.
Dasselbe gilt für die Namenscollage aus Solidarność, Dmowski, Miłosz, Kominek und Łupaszko. Man kann jede dieser Figuren kritisch und differenziert bewerten. Aber keiner dieser Namen schafft ein polnisches Gegenstück zu einer Bewegung, die eine ethnische Säuberung plante und mit äußerster Brutalität gegen Zivilisten ausführte. Man kann nicht genügend polnische „Engel und Dämonen“ nebeneinanderstellen und hoffen, dass daraus irgendwann eine moralische Entsprechung zur UPA entsteht.
Eine Namensliste ist noch kein historischer Vergleich.
Nun zu Ihrer angeblich unbeantworteten Frage: Warum erleben Ukrainer heute mehr Ablehnung in Polen?
Zunächst müsste das „immer mehr“ überhaupt durch vergleichbare Daten belegt werden. Mehr Medienberichte und mehr viral verbreitete Videos sind nicht automatisch mehr Vorfälle. Gerade kurze Clips beginnen auffällig oft bei der polnischen Reaktion und nicht bei dem, was ihr vorausging. Das beweist nicht, dass jede betroffene Person vorher provoziert hätte. Es bedeutet lediglich, dass ein geschnittener Ausschnitt selten den vollständigen Vorgang beweist.
Eine mögliche Provokation rechtfertigt keine Gewalt. Aber das Wegschneiden einer Provokation macht aus einer Reaktion auch noch keine zuverlässige Gesellschaftsanalyse.
Und falls sich das Klima tatsächlich verschlechtert hat, kommt diese Entwicklung nicht aus dem Nichts. Für viele Polen lautet die Erfahrung ungefähr so:
Polen öffnete nach dem russischen Überfall seine Grenze, seine Häuser und seine Infrastruktur, lieferte Waffen und übernahm enorme wirtschaftliche und politische Belastungen. Gleichzeitig blieben polnische Opfer über Jahre ohne Exhumierung, obwohl deutsche Exhumierungen in der Ukraine möglich waren. Organisationen und Personen, die in Polen für die planmäßige Ermordung polnischer Zivilisten stehen, wurden weiter zu Helden erklärt. Selenskyj rückte Polen mitten im Getreidestreit vor der UN und kurz vor der polnischen Wahl öffentlich in die Nähe Moskaus, während er Deutschland für einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat empfahl. Für viele Polen war das auch historisch bitter: Piłsudski hatte einst wie kaum ein anderer europäischer Staatsmann für eine souveräne Ukraine eingestanden, während einflussreiche ukrainische Nationalisten später die Zusammenarbeit mit Deutschland suchten. Hinzu kommen bewusst oder grob fahrlässig provozierende Aktionen, etwa die Fahrt mit dem Auto bis zum Morskie Oko, die anschließend für maximale Aufmerksamkeit ins Netz gestellt wird.
Das alles rechtfertigt keinen einzigen Angriff auf einen Ukrainer. Aber es erklärt, warum aus außergewöhnlicher Solidarität Enttäuschung, Misstrauen und bei manchen Menschen Ressentiment geworden sind.
Erklärung ist nicht Entschuldigung. Diesen Unterschied konsequent zu verwischen, ist der zentrale Trick Ihrer Argumentation.
Sie wollen ausschließlich über die polnischen Symptome reden, aber jede Frage nach den Ursachen als „Ablenkung auf Bandera“ disqualifizieren. So entsteht eine bequem geschlossene Erzählung: Polen handeln, Ukrainer erleben. Polen provozieren, Ukrainer reagieren. Polen tragen historische Komplexe, die Ukraine arbeitet ihre Traumata vorbildlich auf. Jede ukrainische Entscheidung, die das Verhältnis belastet, wird aus dem Bild geschnitten.
Genau so funktioniert auch der Essay: Er beginnt nicht mit einer ergebnisoffenen Frage nach dem Zerfall des gegenseitigen Vertrauens. Das Urteil steht von Anfang an fest. Polen habe einen Opferkomplex, könne nicht vergeben, entwickle sich in Richtung der 1930er Jahre und ersetze die Juden durch Ukrainer. Ukrainische Ressentiments, ukrainische Erinnerungspolitik und ukrainische Verantwortung für das bilaterale Klima kommen praktisch nicht vor.
Das ist keine Ursachenanalyse. Das ist Ursachenwäsche.
Die rote Linie ist dabei sehr einfach:
Ein ukrainisches Kind ist nicht für Selenskyj, Bandera oder die UPA verantwortlich. Wer es wegen seiner Herkunft oder Sprache angreift, begeht eine widerwärtige Tat.
Aber ein Pole, der die Verherrlichung der UPA, blockierte Exhumierungen oder politische Provokationen kritisiert, ist deshalb weder ukrainophob noch ein Neonazi.
Eine ukrainische Fahne ist nicht die UPA. Ukrainisch zu sprechen ist keine Provokation. Aber die UPA zu glorifizieren ist auch keine harmlose Form ukrainischer Identität, die Polen widerspruchslos akzeptieren müssten.
Sie haben bereits eingestanden, dass die brutalsten Behauptungen des Essays nicht haltbar sind. Nun fehlt nur noch der nächste ehrliche Schritt: anzuerkennen, dass auch seine Grundgeschichte einseitig ist. Sie verklärt die Ukraine, pathologisiert Polen und erklärt die polnische Enttäuschung zum nationalen Charakterfehler, während sie alles ausblendet, was zu dieser Enttäuschung beigetragen hat.
Das ist keine Empathie mit Ukrainern. Es ist nationale Selbstentlastung auf Kosten der Polen.
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Ich glaube, wir reden aneinander vorbei.
Der Text ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein Essay – und vor allem eine Stimme aus der Ukraine. Er spiegelt wider, wie viele Ukrainer die Entwicklung Polens heute wahrnehmen. Diese Wahrnehmung verschwindet nicht dadurch, dass man jede Zuspitzung des Textes einzeln widerlegt.
Sie schreiben, die Aussage über „jeden fünften Polen“ sei unhaltbar. So eindeutig ist das nicht. Bei der Präsidentschaftswahl 2025 erreichte Sławomir Mentzen knapp 15 %, Grzegorz Braun weitere über 6 %. Zusammen sind das über 20 % der Stimmen für zwei Kräfte rechts der PiS, wobei die PiS dabei noch gar nicht mitgezählt wird. Ob man dafür den Begriff „Neonazis“ verwendet, darüber kann man streiten. Dass aber rund jeder fünfte Wähler Parteien am äußersten rechten Rand unterstützt, ist keine frei erfundene Behauptung.
Mein Anliegen ist allerdings ein anderes.
Ich sehe es als meine Aufgabe, ukrainischen Stimmen Raum zu geben – auch dann, wenn sie unbequem sind oder Polen kritisch sehen. Gerade weil sich die Wahrnehmung Polens in der Ukraine in den letzten Jahren spürbar verändert hat, halte ich solche Texte für veröffentlichungswürdig.
Das bedeutet nicht, dass ich jede Formulierung unterschreibe. Es bedeutet, dass ich diese Perspektive für diskussionswürdig halte.
Und genau deshalb freue ich mich auch über kontroverse Kommentare wie den Ihren und veröffentliche sie gerne. Eine Debatte lebt davon, dass unterschiedliche Sichtweisen sichtbar werden. Was sie allerdings nicht weiterbringt, ist der Versuch, den Eindruck vieler Ukrainer als bloßes Missverständnis oder unfaire Verzerrung abzutun.
Die eigentliche Frage bleibt für mich: Warum blicken heute so viele Ukrainer mit Enttäuschung und Bestürzung auf Polen – und warum meiden inzwischen nicht wenige das Land bewusst? Darüber lohnt es sich zu sprechen.
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P.S.: Mit der dritten Säule ist die Behauptung gemeint, für polnische Ultrarechte hätten Ukrainer heute die Rolle eingenommen, die Juden für deutsche Nationalsozialisten Anfang der 1930er Jahre spielten. Sie haben diesen Satz zwar nicht ausdrücklich zurückgenommen. Wenn Sie aber bereits den Deutschlandvergleich als überzogen anerkennen, kann diese noch drastischere Zuspitzung kaum stehen bleiben. Inhaltlich waren es daher drei Säulen – auch wenn Sie nur zwei davon ausdrücklich eingeräumt haben.
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Ich sehe in dem Kommentar einen grundlegenden Widerspruch. Es wird Viktorija vorgeworfen, einseitig zu argumentieren und mit zweierlei Maß zu messen. Nach meinem Eindruck passiert jedoch genau das im Kommentar selbst.Viktorija beschreibt in erster Linie Entwicklungen im heutigen Polen: die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung, den wachsenden Nationalismus und die steigende Zahl fremdenfeindlicher Übergriffe auf Ukrainer. Anstatt sich mit diesen aktuellen Problemen auseinanderzusetzen, weicht der Kommentar immer wieder auf die ukrainische Geschichtspolitik, die OUN und die UPA aus. Das beantwortet ihre eigentliche Kritik nicht. Natürlich muss sich auch die Ukraine ihrer Geschichte stellen. Darüber besteht kein Zweifel. Aber dieselben Maßstäbe müssen auch für Polen gelten. Genau hier sehe ich die Schwäche des Kommentars. Polen fordert seit Jahren zu Recht eine ehrliche Aufarbeitung der Verbrechen von OUN und UPA. Gleichzeitig fällt es Teilen der polnischen Politik und Erinnerungskultur schwer, mit derselben Offenheit über eigene historische Verbrechen zu sprechen. Polen versteht sich als Opfer deutscher und sowjetischer Aggression. Doch daraus darf kein moralischer Sonderstatus entstehen, der die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Verbrechen erschwert. Auch Polen hat Kapitel seiner Geschichte, die bis heute kontrovers sind. Historiker haben Verbrechen polnischer Einheiten an Ukrainern, Litauern, Belarussen und Juden dokumentiert. Trotzdem werden manche Widerstandsorganisationen oder einzelne ihrer Angehörigen nahezu ausschließlich als nationale Helden dargestellt. Heldengedenken und historische Verantwortung schließen sich aber nicht gegenseitig aus. Wer von anderen historische Ehrlichkeit verlangt, muss sie auch selbst aufbringen.Genau deshalb halte ich Viktorijas Hinweis auf einen polnischen Opferkomplex für diskussionswürdig. Damit ist nicht gemeint, dass Polen kein Opfer war. Gemeint ist vielmehr, dass sich ein Teil der politischen und gesellschaftlichen Debatte so stark auf das eigene Leid konzentriert, dass die Anerkennung eigener Verantwortung oft in den Hintergrund tritt. Ein weiterer Punkt stört mich besonders. Dem Text wird unterstellt, Millionen Polen zu Neonazis zu erklären. Das lese ich dort nicht. Viktorija kritisiert Fremdenfeindlichkeit, Ukrainophobie und eine gesellschaftliche Entwicklung die die eigene Schuldfrage verdrängt. Aber daraus zu machen, sie erkläre ein ganzes Volk zu Neonazis, ist eine Verzerrung ihrer Aussagen und lenkt von der eigentlichen Diskussion ab. Ebenso bleibt ihre wichtigste Frage unbeantwortet: Warum erleben heute immer mehr Ukrainer in Polen Anfeindungen, Beleidigungen und teilweise sogar körperliche Gewalt? Warum fällt es einem Teil der polnischen Gesellschaft offenbar schwer, Ukrainern dieselbe Offenheit entgegenzubringen, die Millionen Polen jahrzehntelang selbst in Deutschland, Großbritannien oder anderen europäischen Ländern erfahren haben? Statt auf diese Frage einzugehen, wird erneut über ukrainische Geschichte diskutiert.Gerade das bestätigt für mich Viktorijas Kernthese. Solange Polen vor allem die historischen Fehler anderer Nationen thematisiert, die eigenen blinden Flecken aber deutlich zurückhaltender behandelt, entsteht der Eindruck unterschiedlicher moralischer Maßstäbe.Eine ehrliche polnisch-ukrainische Verständigung kann nur gelingen, wenn beide Seiten bereit sind, sich ihrer Geschichte vollständig zu stellen – ohne Relativierungen und ohne nationale Sonderrechte. Das gilt für die Ukraine ebenso wie für Polen. Wer ausschließlich die Verantwortung des Nachbarn betont und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte scheut, wird keine dauerhafte Versöhnung erreichen.Deshalb halte ich Viktorijas Antwort im Kern für berechtigt. Sie fordert keine einseitige Verurteilung Polens, sondern dieselben Maßstäbe für beide Nationen. Genau das sollte der Ausgangspunkt jeder ernsthaften historischen und gesellschaftlichen Debatte sein.
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Der grundlegende Widerspruch liegt nicht in meinem Kommentar, sondern in Ihrer Verteidigung. Dabei muss man zwei Dinge sauber trennen: den von Viktorija veröffentlichten Beitrag eines anonymen Autors und Viktorijas eigenen Kommentar, mit dem sie diesen Text verteidigt. Ich kritisiere den Autor für seine Aussagen – und Viktorija dafür, dass sie deren Schärfe nachträglich herunterspielt, während sie an der daraus abgeleiteten Anklage gegen Polen festhält.
Wenn der Vergleich mit Deutschland Anfang der 1930er Jahre überzogen ist und die Behauptung über „Neonazis“ nicht belegt werden kann, dann betrifft das nicht ein paar missglückte Nebensätze. Dann brechen die Säulen der gesamten Diagnose zusammen, Polen befinde sich auf dem Weg in eine beinahe faschistische Gesellschaft.
Eine Präzisierung gestehe ich Ihnen zu: Der anonyme Autor schreibt nicht wörtlich, jeder fünfte Pole sei Neonazi. Er schreibt, jeder fünfte Pole wähle Neonazis. Aber wer Neonazis wählt, unterstützt Neonazis und muss sich folgerichtig selbst als Teil dieses politischen Milieus behandeln lassen. Nach der Logik des Autors wären damit Millionen polnischer Wähler Nazis oder zumindest bewusste Unterstützer von Nazis.
Nur muss er zuerst beweisen, welche Parteien überhaupt neonazistisch sein sollen und anhand welcher Kriterien. Genau das tut er nicht. Er setzt die Behauptung einfach voraus und leitet daraus anschließend die moralische Verurteilung von Millionen Menschen ab. Aus einer falschen oder unbelegten Prämisse lässt sich problemlos alles Mögliche „schlussfolgern“. Stichhaltig wird es dadurch nicht.
Auch Ihr Ruf nach „denselben Maßstäben“ klingt vernünftig, funktioniert aber nur, wenn man Gleiches gleich und Unterschiedliches unterschiedlich behandelt. Ja, es gab polnische Verbrechen an Ukrainern, Litauern, Belarussen und Juden. Sahryń, Pawłokoma, Dubingiai oder Jedwabne dürfen weder geleugnet noch beschönigt werden. Verbrechen bleiben Verbrechen, unabhängig davon, welche Uniform die Täter trugen.
Aber gleiche Maßstäbe bedeuten keine falsche Symmetrie.
Entscheidend sind nicht nur die Opferzahlen, sondern mehrere Ebenen zugleich: Wer plante die Gewalt? Welches politische Ziel verfolgte sie? War die Ermordung und Vertreibung von Zivilisten zentraler Bestandteil der Strategie oder ein lokales Verbrechen einzelner Einheiten? Richtete sich die Haupttätigkeit der Organisation gegen eine Zivilbevölkerung oder überwiegend gegen militärische Besatzer? Und wie war das Verhältnis zwischen zivilen und militärischen Opfern?
Man kann Verbrechen einzelner AK-Einheiten und die Verantwortung konkreter Kommandeure klar benennen, ohne so zu tun, als sei die polnische Untergrundarmee als Organisation mit OUN und UPA gleichzusetzen. Die AK war Teil des Polnischen Untergrundstaates und kämpfte grundsätzlich gegen die Besatzungsmächte. Bei OUN und UPA gehörte die gewaltsame Entfernung der polnischen Zivilbevölkerung aus bestimmten Gebieten zum politischen Ziel. Das ist ein Unterschied auf der Ebene der Organisation, der Absicht, der Zielgruppe und des Verhältnisses zwischen zivilen und militärischen Opfern.
Eine Aufzählung kontroverser polnischer Figuren beseitigt diesen Unterschied nicht. Dmowski, Miłosz, Kominek oder Łupaszko werden vom anonymen Autor neben Solidarność in einen großen Korb aus „Engeln und Dämonen“ geworfen, als entstünde dadurch automatisch ein polnisches Gegenstück zur UPA. Keiner dieser Namen steht jedoch für die Planung und systematische Durchführung einer ethnischen Säuberung in der Art, wie OUN-UPA sie gegen polnische Zivilisten betrieb.
Eine Namenscollage ist noch kein historischer Vergleich.
Sie behaupten außerdem, OUN und UPA seien eine Flucht vor dem eigentlichen Thema. Das wäre vielleicht richtig, hätte der anonyme Autor dieses Thema nicht selbst eröffnet. Er bezeichnet die Kritik am ukrainischen Kult um nationalistische und kollaborationistisch belastete Akteure ausdrücklich als polnische „Projektion“. Darauf zu antworten ist kein Themenwechsel.
Und die Exhumierung polnischer Opfer, staatliche Ehrungen für die UPA oder die Benennung militärischer Einheiten sind keine abgeschlossene Geschichte aus einem Archiv. Das sind gegenwärtige politische Entscheidungen mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Folgen. Geschichte wird zur aktuellen Politik, wenn man ihre Täter heute zu Helden erklärt und ihren Opfern über Jahre ein würdiges Grab verweigert.
Bei Ihrer wichtigsten Frage werden zwei verschiedene Ebenen vermischt:
Warum greift jemand ein ukrainisches Kind oder einen Menschen wegen seines Akzents an?
Weil dieser Täter gewalttätig und fremdenfeindlich handelt. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Ein ukrainisches Kind ist weder für Selenskyj noch für Bandera, die UPA oder irgendeine Entscheidung des ukrainischen Staates verantwortlich.
Warum hat sich das gesellschaftliche Klima zwischen Polen und Ukrainern möglicherweise verschlechtert?
Das ist eine andere Frage. Und darauf lautet die Antwort nicht ausschließlich, in Polen seien plötzlich irgendwelche nationalen Dämonen erwacht.
Kriegs- und Aufnahmeermüdung, soziale Spannungen, russische Propaganda, politische Instrumentalisierung und gewöhnliche Fremdenfeindlichkeit spielen sicher eine Rolle. Aber ebenso der Verlust von Vertrauen: jahrelang blockierte Exhumierungen, die fortgesetzte Heroisierung der UPA, der Getreidestreit, Selenskyjs Angriff vor der UN kurz vor der polnischen Wahl und öffentlichkeitswirksame Provokationen, deren Reaktionen anschließend teilweise in selektiv geschnittenen Videos verbreitet werden.
Ein kurzer Clip kann belegen, dass eine Beschimpfung gefallen ist. Er beweist nicht automatisch, was vorher geschah, wer die Eskalation begann oder dass der Vorfall für eine ganze Gesellschaft repräsentativ ist. Nach dem vollständigen Ablauf zu fragen, entschuldigt keine Gewalt. Es verhindert nur, dass aus einem Ausschnitt eine fertige nationale Anklageschrift konstruiert wird.
Das alles rechtfertigt keinen einzigen Übergriff. Aber es erklärt, weshalb aus der außergewöhnlichen polnischen Solidarität von 2022 bei einem Teil der Gesellschaft Enttäuschung, Misstrauen und Ressentiment entstanden sind.
Erklärung ist nicht Rechtfertigung. Wer jede Ursachenanalyse bereits als Entschuldigung von Gewalt behandelt, will die Ursachen offenbar gar nicht untersuchen.
Auch der Vergleich mit der Aufnahme polnischer Migranten in Westeuropa trägt nur begrenzt. Erstens haben Polen dort keineswegs immer nur Offenheit erlebt. Zweitens ist die Sicherheit ukrainischer Menschen in Polen kein Tauschgeschäft. Ukrainer dürfen selbstverständlich Ukrainisch sprechen, ihre nationale blau-gelbe Fahne zeigen und ohne Angst leben – unabhängig davon, was ihre Regierung tut.
Das gilt aber nicht automatisch für die schwarz-rote OUN-UPA-Symbolik. Sie ist für viele Polen keine neutrale ukrainische Nationalfarbe, sondern ein Symbol, das mit der Ermordung ihrer Familien und der Vertreibung polnischer Zivilisten verbunden ist. Eine ukrainische Nationalflagge ist nicht die UPA. Ukrainisch zu sprechen ist keine Provokation. Aber von Polen zu verlangen, die schwarz-rote Symbolik als harmlose Folklore zu behandeln, ist ebenso falsch.
Der eigentliche doppelte Maßstab liegt deshalb im anonymen Essay und in Viktorijas Verteidigung:
Ukrainer „arbeiten ihre Traumata auf“, Polen „sakralisieren ihren Opferkomplex“.
Ukrainische Enttäuschung gilt als nachvollziehbare Reaktion, polnische Enttäuschung als psychische Störung.
Ukrainische Erinnerungspolitik soll mit maximalem Kontext verstanden werden, polnische Reaktionen werden auf Nationalismus, Ukrainophobie und mangelnde Vergebungsfähigkeit reduziert.
Ukrainische Provokationen und antipolnische Ressentiments erscheinen als irrelevante Einzelfälle. Polnische Einzelfälle werden zum Beweis einer nationalen Entwicklung.
Das sind nicht dieselben Maßstäbe. Das ist ukrainische Selbstbeweihräucherung, für die Polen als möglichst dunkler moralischer Hintergrund gebraucht wird.
Die rote Linie ist einfach: Polen muss seine eigenen Verbrechen benennen und verurteilen. Die Ukraine muss dasselbe tun. Kein unschuldiger Ukrainer darf für historische oder politische Konflikte verantwortlich gemacht werden. Aber kein Pole wird dadurch zum Neonazi oder Ukrainophoben, dass er blockierte Exhumierungen, die Heroisierung der UPA, die schwarz-rote Symbolik oder politische Provokationen kritisiert.
Versöhnung verlangt Selbstkritik auf beiden Seiten. Was hier verteidigt wird, ist etwas anderes: Polen soll seine Schuld, seine angeblichen Komplexe und seine gegenwärtige Fremdenfeindlichkeit aufarbeiten, während jede Frage nach ukrainischer Verantwortung bereits als Ablenkung gilt.
Das ist keine Gleichheit der Maßstäbe. Das ist die Forderung nach einseitiger polnischer Buße.
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@Viktoria:
Jetzt wird der argumentative Rückzug sichtbar. Der anonyme Autor schrieb: „Heute stimmt in Polen jeder Fünfte für Neonazis.“ Sie antworten nun, Mentzen und Braun hätten zusammen über 20 Prozent erhalten, und fügen hinzu: „Ob man dafür den Begriff Neonazis verwendet, darüber kann man streiten.“
Nein – genau darüber wurde gestritten. Sie haben das entscheidende Wort einfach ausgetauscht.
Die Addition stimmt: Mentzen erhielt 14,81 Prozent, Braun 6,34 Prozent. Aber ein Taschenrechner definiert keine Ideologie. „Am äußersten rechten Rand“ und „neonazistisch“ sind nicht dasselbe. Zudem wurden bei einer Präsidentschaftswahl Kandidaten gewählt, nicht zwei Parteiprogramme als Gesamtpaket. Wenn Mentzen und Braun tatsächlich Neonazis wären, hätte der anonyme Autor Millionen Polen zu bewussten Unterstützern von Neonazis erklärt. Gerade deshalb müsste er zunächst beweisen, wer hier aufgrund welcher Ideologie als Neonazi einzustufen ist. Das tut er nicht. Auch der Nachsatz, PiS sei „noch gar nicht mitgezählt“, ist keine Begründung, sondern eine weitere Unterstellung mit hochgezogener Augenbraue.
Man muss weder Mentzen noch Braun mögen, um diese begriffliche Grenze einzuhalten. Gerade über Braun gibt es genug Kritikwürdiges. Aber wer jede radikale, nationalistische oder provokative Position kurzerhand „neonazistisch“ nennt, analysiert nicht mehr. Er greift lediglich zum maximal belastenden Etikett.
Auch der Rückzug auf „Essay“, „ukrainische Stimme“ und „Wahrnehmung“ löst das Problem nicht. Ein Essay darf subjektiv und zugespitzt sein. Er erhält dadurch aber keinen Freibrief für falsche Tatsachenbehauptungen und maßlose historische Vergleiche.
Eine Wahrnehmung ist als Wahrnehmung real. Sie ist deshalb noch lange nicht als Beschreibung der Wirklichkeit richtig.
Und wenn die tragenden Behauptungen einer Wahrnehmung widerlegt werden, kann man nicht einfach sagen, die Wahrnehmung bleibe trotzdem bestehen. Ein Gefühl kann eine Widerlegung überleben. Ein Argument nicht.
Genau hier wechseln Sie ständig die Ebene: Sobald die Aussagen des anonymen Autors geprüft werden, ist der Text plötzlich nur noch eine persönliche, ukrainische Stimme. Sobald daraus ein Urteil über Polen abgeleitet werden soll, wird dieselbe anonyme Stimme unvermittelt zur Wahrnehmung „vieler Ukrainer“. Dafür fehlt weiterhin jeder Nachweis. Auch Ihre neue Formulierung, „so viele“ Ukrainer blickten bestürzt auf Polen und „nicht wenige“ mieden das Land bewusst, enthält bereits zwei unbelegte Prämissen. Wie viele sind „so viele“? Wie viele meiden Polen tatsächlich? Und woher wissen Sie, weshalb?
Dass Sie ukrainischen Stimmen Raum geben, ist selbstverständlich legitim. Dass Sie meinen Kommentar veröffentlichen, rechne ich Ihnen ebenfalls an. Aber mein Kommentar ist nicht „kontrovers“, weil er falsche Behauptungen überprüft. Kontrovers ist die Behauptung, Millionen Polen wählten Neonazis und Polen ähnele Deutschland am Beginn der 1930er Jahre.
Sie müssen sich nicht jede Formulierung des anonymen Autors zu eigen machen. Dann können Sie aber auch nicht erst seine tragenden Säulen entfernen und anschließend behaupten, seine Diagnose stehe weiterhin. Ohne den Neonazi-Vorwurf, ohne den Deutschlandvergleich und ohne die Analogie zwischen Ukrainern und den Juden der 1930er Jahre bleibt eine ernst zu nehmende Klage über Fremdenfeindlichkeit und konkrete Übergriffe. Was nicht übrig bleibt, ist der Beweis für die moralische Degeneration Polens.
Ihre eigentliche Frage lässt sich durchaus beantworten: Das Verhältnis hat sich verschlechtert, weil Vertrauen auf beiden Seiten beschädigt wurde. Viele Polen glaubten 2022 an einen echten Neustart und setzten dafür außerordentlich viel ein. Danach erlebten sie jahrelang blockierte Exhumierungen, die fortgesetzte staatliche Heroisierung der UPA und Selenskyjs UN-Rede während des Getreidestreits, in der europäische „Freunde“ als Helfer einer Moskauer Inszenierung dargestellt wurden. 2026 erhielt dann sogar ein ukrainisches militärisches Zentrum den Namen „Helden der UPA“. Das sind keine Ablenkungen in eine ferne Vergangenheit, sondern aktuelle Entscheidungen mit aktuellen politischen Folgen.
Keines dieser Ereignisse rechtfertigt die Beschimpfung oder den Angriff auf einen Ukrainer. Ein ukrainisches Kind trägt keine Verantwortung für Selenskyj, Bandera oder die ukrainische Erinnerungspolitik. Wer Menschen wegen ihrer Sprache oder Herkunft angreift, handelt fremdenfeindlich und gehört entsprechend behandelt.
Aber Erklärung ist nicht Rechtfertigung. Wer verstehen will, weshalb aus außergewöhnlicher Solidarität bei manchen Polen Enttäuschung wurde, darf die ukrainischen Beiträge zum Vertrauensverlust nicht einfach aus dem Bild schneiden.
Und genau hier ist der veröffentlichte Essay selbst Teil der Antwort auf Ihre Frage. Viele Polen lesen darin sinngemäß:
Wir haben unsere Grenze, unsere Häuser und unsere Waffenlager geöffnet – und werden nun als laute, grobe, unversöhnliche Menschen mit einem krankhaften Opferkomplex beschrieben, von denen angeblich jeder Fünfte Neonazis wählt und die den Deutschen der frühen 1930er Jahre ähneln.
Solche Texte dokumentieren die Verschlechterung der Beziehungen nicht nur. Sie befeuern sie. Der Text ist kein neutrales Thermometer – er dreht selbst an der Heizung.
Das Muster ist dabei nahezu unangreifbar konstruiert: Widerspricht ein Pole nicht, bleiben die Anschuldigungen stehen. Widerspricht er, gilt bereits der Widerspruch als Beweis dafür, dass Polen ukrainische Stimmen nicht hören wolle und zur Selbstkritik unfähig sei. So wird jede Widerlegung in eine Bestätigung der ursprünglichen Anklage umgedeutet.
Die rote Linie bleibt klar: Ukrainer müssen in Polen sicher leben, Ukrainisch sprechen und ihre blau-gelbe Nationalflagge zeigen können. Gleichzeitig dürfen Polen die schwarz-rote OUN-UPA-Symbolik, die Heroisierung von Tätern und politische Angriffe auf Polen zurückweisen, ohne deshalb zu Ukrainophoben oder Neonazis erklärt zu werden.
Wer wirklich verstehen will, was zwischen beiden Gesellschaften geschieht, darf deshalb nicht nur fragen:
Warum sind Ukrainer von Polen enttäuscht?
Er muss ebenso fragen:
Warum fühlen sich so viele Polen nach ihrem enormen Vertrauensvorschuss von der Ukraine enttäuscht oder sogar verraten?
Wenn nur die erste Frage gestellt wird, steht das Ergebnis von Anfang an fest: Die Ukraine ist die moralische Zeugin, Polen sitzt auf der Anklagebank. Das ist keine offene Debatte zwischen zwei Perspektiven. Es ist eine einseitige Anklageschrift mit freigeschalteter Kommentarfunktion.
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Ich glaube, wir kommen an diesem Punkt nicht mehr weiter.
Mir fällt vor allem auf, dass Sie den Eindruck, den dieser Essay beschreibt, unbedingt widerlegen möchten, statt ihn zunächst einmal als das zu akzeptieren, was er ist: eine ukrainische Außenperspektive auf Polen.
Genau solche Reaktionen erlebe ich in den letzten Monaten immer wieder. Statt sich zu fragen, warum viele Ukrainer Polen heute mit Enttäuschung oder Bestürzung betrachten, wird versucht, jede Formulierung zu widerlegen – als würde dadurch auch diese Wahrnehmung verschwinden.
Sie verschwindet aber nicht.
Dieser Essay ist kein Einzelfall. Er steht für eine Stimmung, die ich bei vielen Ukrainern wahrnehme. Viele sehen die Entwicklung in Polen mit Sorge, manche meiden das Land inzwischen bewusst.
Deshalb veröffentliche ich solche Texte. Nicht weil sie unfehlbar sind, sondern weil ich es wichtig finde, auch diese ukrainische Stimme sichtbar zu machen.
Genauso veröffentliche ich Ihre Kritik. Die Leser können beide Perspektiven lesen und sich ihr eigenes Urteil bilden.
Ich denke, mehr kann eine Debatte am Ende kaum leisten.
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Ich verstehe den Unterschied zwischen einer Tatsache und einer Wahrnehmung durchaus. Nur scheint genau das der Punkt zu sein, an dem wir auseinandergehen.
Ich habe nie bestritten, dass viele Ukrainer heute enttäuscht auf Polen blicken. Im Gegenteil: Ich habe mehrfach erklärt, warum ich glaube, dass sich diese Stimmung entwickelt hat und bereit ende 2023, nach der Rede Selenkeyys vor der UN, seiner Einmischung in den Wahlkampf und den Streit der an der Greneze eskalliert hatte, genau diese Tendenz prophezeit. Desto weniger amüsieren mich nachträgliche Versuche diese Geschichte aussen vor zu lassen und nach anderen Ursachen Gott weiss sonst wo zu suchen. Ich würde hier gerne noch mal an den Kitchen Talk Space erinnern, wo in der Einleitung völlig ignorier wurde, dass Selenkeyy so eben eine Brigade als Helde der UPA beitelte und so getan wurde, als ob die Eskalation auschliesslich von Nawrocki ausginge.
Genau dieses Level von Einseitige Ausblendung, wird auch eben in diesen Beitrag offenbart und ist die eigntliche Ursache für den Konflikt zwischen Polen under Ukraine.
Eine Wahrnehmung verdient es, gehört zu werden. Sie ist dadurch aber nicht automatisch eine zutreffende Beschreibung der Realität. Genau deshalb habe ich den Essay eingeordnet. Nicht um ukrainische Gefühle zu widerlegen, sondern um zu zeigen, wo aus Wahrnehmung Pauschalisierung, aus Einzelfällen nationale Charaktereigenschaften und aus Enttäuschung historische Vergleiche werden.
Sie schreiben, der Essay stehe für eine Stimmung vieler Ukrainer. Das glaube ich Ihnen sogar. Aber genau diese Stimmung ist inzwischen selbst Teil des Problems. Wenn antipolnische Ressentiments, die Heroisierung der UPA, jahrelang blockierte Exhumierungen oder politische Entscheidungen des ukrainischen Staates aus dieser Wahrnehmung konsequent ausgeblendet werden, entsteht zwangsläufig ein Bild, in dem Polen als alleiniger Verursacher erscheint. Und genau ein solches Bild transportiert der Essay – auf die Gefahr hin mich zu wiederholen – aber ohne dass es ankommt, werden wir nur noch „aneinander vorbei“ reden.
Deshalb habe ich nie versucht, ukrainische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Ich habe lediglich denselben Maßstab eingefordert, den Polen seit Jahren gegenüber sich selbst hören: Gefühle erklären, aber Behauptungen prüfen. Wahrnehmungen respektieren, aber historische und politische Schlussfolgerungen hinterfragen.
Vielleicht ist das tatsächlich der Punkt, an dem wir nicht weiterkommen. Sie möchten vor allem dokumentieren, wie viele Ukrainer Polen heute sehen. Ich versuche zu erklären, warum immer mehr Polen genau diese Sicht als ungerecht und einseitig empfinden. Solange beide Seiten nur ihre Enttäuschung beschreiben, wird sich das Verhältnis kaum verbessern. Der erste Schritt wäre anzuerkennen, dass die Enttäuschung nicht nur auf ukrainischer Seite existiert – und dass sie auf beiden Seiten Ursachen hat.
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Ich muss mich nicht philosophisch mit jedem einzelnen Wort auseinandersetzen. Entscheidend ist die historische Betrachtung und die Frage, wie wir mit Geschichte umgehen. Ein Mensch, der ermordet wurde, ist nicht weniger wert als zehn ermordete Menschen. Opferzahlen dürfen niemals dazu benutzt werden, Verbrechen gegeneinander aufzurechnen oder eine eigene Verantwortung kleiner erscheinen zu lassen. Jeder brutale Mord an unschuldigen Menschen ist ein Verbrechen. In vielen Diskussionen wird Stepan Bandera ausschließlich mit den Verbrechen der UPA verbunden. Dabei wird oft ausgeblendet, dass Bandera während der Massaker von Wolhynien 1943/44 im deutschen Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war und somit keinen direkten Einfluss auf viele der damaligen lokalen Entscheidungen hatte. Bandera sahs im KZ Sachsenhausen zwei Zellen vom Oberbefehlshaber der Armia Krajowa, Stefan Rowecki („Grot“) entfernt. Gleichzeitig befanden sich auch Vertreter der polnischen Untergrundbewegung in deutschen Gefängnissen und Lagern. Die historische Verantwortung muss deshalb differenziert betrachtet werden und darf nicht auf einzelne Personen reduziert werden. Die Geschichte der Region beginnt aber nicht erst mit den Verbrechen der UPA. Die Vorgeschichte wird in vielen Diskussionen kaum erwähnt. Über Jahrhunderte lebten Ukrainer ohne eigenen unabhängigen Staat unter verschiedenen Herrschaften. Besonders in der Zwischenkriegszeit nach 1918 entstanden zwischen Teilen der ukrainischen Bevölkerung und dem polnischen Staat erhebliche Spannungen. Viele Ukrainer fühlten sich politisch, kulturell und wirtschaftlich benachteiligt. Es gab Konflikte um Sprache, Bildung, Landbesitz und Verwaltung. Die Politik der damaligen polnischen Regierung gegenüber ukrainischen Minderheiten führte bei Teilen der Bevölkerung zu wachsendem Frust und Radikalisierung. Das erklärt niemals Gewalt gegen Zivilisten, aber ohne diese Vorgeschichte versteht man nicht, warum nationalistische Bewegungen überhaupt solchen Zulauf bekamen. Auch Polen hatte in dieser Zeit starke nationalistische und rechtsradikale Strömungen. Die Nationalradikales Lager (ONR) vertrat in den 1930er Jahren autoritäre und antisemitische Positionen. Teile der nationalistischen Bewegung in Polen lehnten Minderheitenrechte ab und strebten eine starke ethnisch geprägte Nationalstaatlichkeit an. Diese historischen Entwicklungen gehören ebenfalls zur vollständigen Betrachtung. Trotzdem darf man nicht den Fehler machen, alle Polen oder alle Ukrainer für die Taten extremistischer Gruppen verantwortlich zu machen. Es gab auf beiden Seiten Täter, Opfer, Mitläufer und Menschen, die anderen geholfen haben. Die Verbrechen in Wolhynien sind eine historische Tatsache. Tausende polnische Zivilisten wurden von ukrainischen Nationalisten ermordet. Gleichzeitig wurden auch ukrainische Zivilisten durch polnische Einheiten getötet. Die genaue Zahl der Opfer wird unter Historikern weiterhin diskutiert. Wissenschaftliche Forschung muss sich auf Quellen stützen und darf nicht ausschließlich von politischen Interessen bestimmt werden. Was ich kritisch sehe, ist, wenn historische Ereignisse heute benutzt werden, um ganze Nationen zu verurteilen. Erinnerung darf nicht zu einem politischen Werkzeug werden. Auch die Frage der deutschen Verantwortung wird oft emotional geführt. Deutschland trägt zweifellos eine besondere historische Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Diese Verantwortung bedeutet aber nicht, dass heutige politische Forderungen automatisch aus der Geschichte abgeleitet werden können. Internationale Verträge, politische Entscheidungen und heutige Rechtsgrundlagen müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Ebenso sollte man die Erinnerungskultur jedes Landes betrachten. Polen ehrt Personen, die aus polnischer Sicht Teil der nationalen Geschichte sind, auch wenn einzelne davon international oder in anderen Ländern umstritten sind. Gleichzeitig wird der Ukraine oft vorgeworfen, bestimmte historische Persönlichkeiten zu ehren. Aber kein Staat kann einem anderen Land vollständig vorschreiben, welche Personen Teil seiner nationalen Erinnerung sein dürfen. Entscheidend ist, dass problematische Aspekte offen benannt werden. Auch in Polen gibt es bis heute politische Kräfte, die eine stark nationalistische Geschichtserzählung vertreten. Wie in vielen europäischen Ländern existieren dort rechte und rechtsextreme Gruppen. Das bedeutet nicht, dass die polnische Gesellschaft insgesamt extremistisch ist, aber es zeigt, dass kein Land frei von schwierigen historischen Debatten ist. Was mich besonders stört, ist die zunehmende Feindseligkeit in sozialen Netzwerken. Dort werden häufig ganze Völker für die Taten einzelner Gruppen verantwortlich gemacht. Das führt nicht zu Wahrheit und Versöhnung, sondern zu neuem Hass. Geschichte sollte kein Wettbewerb sein, wer das größere Opfer war. Polen hat großes Leid erfahren – durch Deutschland, die Sowjetunion und andere historische Entwicklungen. Ukrainer haben ebenfalls jahrhundertelang Unterdrückung, Fremdherrschaft und den Verlust eigener Staatlichkeit erlebt. Beide Erfahrungen gehören zur europäischen Geschichte. Ein Mord bleibt ein Mord. Ein Opfer ist nicht weniger wert als zehn Opfer. Die richtige Schlussfolgerung aus Geschichte kann nur sein: Wir müssen alle Opfer anerkennen, die Täter klar benennen und verhindern, dass vergangenes Leid heute wieder benutzt wird, um neue Feindbilder zu schaffen. Ein Punkt, der in vielen Diskussionen über polnisch-ukrainische Geschichte fehlt, ist, dass auch Polen eine Geschichte starker nationalistischer und rechtsradikaler Bewegungen besitzt. Bereits in der Zwischenkriegszeit entstanden in Polen nationalistische Organisationen, die eine ethnisch definierte Nation vertraten. Besonders die Nationale Demokratie (Endecja) und später das Nationalradikale Lager (ONR), gegründet 1934, standen für einen stark nationalistischen Kurs. Teile dieser Bewegungen vertraten antisemitische und autoritäre Positionen und lehnten weitgehende Rechte für nationale Minderheiten, darunter Ukrainer, ab. Diese politischen Strömungen entstanden nicht im luftleeren Raum. Nach der Wiederentstehung Polens 1918 standen sich verschiedene nationale Interessen gegenüber. Die polnische Regierung wollte einen starken Nationalstaat aufbauen, während viele Ukrainer innerhalb Polens mehr kulturelle und politische Rechte forderten. Konflikte um Sprache, Bildung, Landbesitz und Verwaltung verschärften die Spannungen. Diese Entwicklungen trugen auf beiden Seiten zur Radikalisierung nationalistischer Gruppen bei. Auch in der heutigen Zeit zeigen Umfragen und Wahlergebnisse, dass nationalkonservative und rechtsradikale Kräfte in Polen einen bedeutenden gesellschaftlichen Einfluss haben. Die Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) ist eine nationalkonservative Kraft, während die Konfederacja und die Konfederacja Korony Polskiej deutlich weiter rechts eingeordnet werden. Bei Umfragen erhielten rechte und EU-skeptische Parteien zusammen zeitweise einen sehr hohen Anteil der Zustimmung. In einer Umfrage von 2025 kamen PiS, Konfederacja und weitere nationalistische Parteien zusammen auf knapp die Hälfte der Stimmenabsichten. Auch bei der jüngeren politischen Entwicklung zeigte sich ein Wachstum radikalerer rechter Kräfte. Die rechtsradikale Konfederacja erreichte in verschiedenen Umfragen zweistellige Werte und wurde zu einer festen politischen Kraft. Bei großen nationalistischen Veranstaltungen wie dem Unabhängigkeitstag in Warschau nehmen regelmäßig zehntausende Menschen teil. Einige dieser Veranstaltungen wurden in den vergangenen Jahren von rechtsextremen, anti-europäischen und teilweise anti-ukrainischen Gruppen geprägt. Das bedeutet nicht, dass Polen insgesamt rechtsradikal ist. Millionen Polen unterstützen demokratische, europäische und liberale Parteien. Aber es zeigt: Auch Polen hat – wie viele europäische Länder – eigene Probleme mit Nationalismus und extremen politischen Strömungen. Deshalb sollte historische Verantwortung nicht nur einseitig betrachtet werden. Wenn die Ukraine aufgefordert wird, sich kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, muss das gleiche Prinzip für alle Länder gelten. Eine ehrliche Geschichtsbetrachtung bedeutet, die Verbrechen der eigenen Seite ebenso anzuerkennen wie die der anderen Seite. Ein weiterer starker Punkt für deine Diskussion wäre noch: Polnischer Nationalismus richtete sich historisch nicht nur gegen Ukrainer, sondern auch gegen andere Minderheiten (Juden, Weißrussen, Litauer, Deutsche). Das ist wissenschaftlich gut dokumentiert und zeigt, dass die damaligen Konflikte nicht ausschließlich ein „Polen gegen Ukraine“-Problem waren, sondern Teil der Nationalstaatskonflikte in Osteuropa nach 1918.
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Sie versuchen auf fast jeder Ebene eine Symmetrie herzustellen: Nationalismus hier – Nationalismus dort. Minderheitenpolitik hier – Minderheitenpolitik dort. Rechte Parteien heute hier – rechte Parteien heute dort. Rowecki im KZ – Bandera im KZ. Tote hier – Tote dort.
Das klingt zunächst ausgewogen. Tatsächlich verschwinden dadurch aber genau jene Unterschiede, die Historiker überhaupt erst untersuchen.
Der Vergleich zwischen Stefan Rowecki und Stepan Bandera zeigt das vielleicht am deutlichsten.
Beide saßen in Sachsenhausen. Beide kämpften für die Unabhängigkeit ihres Landes. Beide gerieten mit den Deutschen in Konflikt.
Bis hierhin lässt sich tatsächlich eine gewisse historische Parallele ziehen.
Ab diesem Punkt endet sie jedoch.
Rowecki wurde verhaftet, weil er als Oberbefehlshaber der Armia Krajowa einer der gefährlichsten Gegner des Deutschen Reiches war. Er organisierte den bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Besatzung, lehnte jede Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten ab und unterstützte sogar den jüdischen Widerstand im Warschauer Ghetto. Für Himmler war er deshalb ein Feind, den man zunächst zu brechen versuchte und schließlich ermordete.
Bandera wurde dagegen nicht verhaftet, weil er Deutschland bekämpfte.
Er wurde verhaftet, weil er die ukrainische Unabhängigkeit eigenmächtig ausgerufen hatte und sich weigerte, diese Erklärung zurückzunehmen. Der Konflikt bestand also nicht darin, ob man mit Deutschland zusammenarbeiten sollte, sondern unter welchen Bedingungen. Hitler wollte eine Kolonie. Bandera wollte einen ukrainischen Staat.
Dass diese Ziele kollidierten, macht aus Bandera keinen Gegner des Nationalsozialismus im Sinne Roweckis.
Noch deutlicher wird der Unterschied nach ihrer Haft.
Rowecki wurde auf Himmlers Befehl ermordet.
Bandera wurde 1944 freigelassen, weil das Deutsche Reich hoffte, ukrainische Nationalisten im Kampf gegen die Rote Armee einsetzen zu können.
Allein diese unterschiedlichen Enden erzählen bereits eine historische Geschichte.
Der vielleicht größte Unterschied liegt aber gar nicht in ihrer Haft, sondern in ihrer politischen und moralischen Haltung.
Rowecki führte eine Untergrundarmee, deren Hauptzweck der Kampf gegen die Besatzungsmächte war. Ja, einzelne AK-Einheiten begingen Verbrechen an Zivilisten. Diese müssen benannt und verurteilt werden.
Aber die AK entstand nicht, um ethnische Säuberungen durchzuführen.
Bandera dagegen war Führer einer Organisation, deren Ideologie bereits vor Wolhynien die Vorstellung eines ethnisch homogenen ukrainischen Staates vertrat und Gewalt gegen vermeintliche Feinde ausdrücklich legitimierte. Dass Bandera während eines Teils der Massaker im KZ saß, ändert nichts daran, dass die UPA aus genau dieser politischen Bewegung hervorging und sich auf seine Führung und Ideologie berief.
Genau deshalb überzeugt der Hinweis auf Sachsenhausen nicht.
Man könnte mit derselben Logik behaupten:
“Rowecki und Bandera saßen beide im selben Konzentrationslager. Also waren ihre Biographien im Wesentlichen vergleichbar.”
Nein.
Sie saßen im selben Gebäude.
Sie standen auf entgegengesetzten Seiten der Geschichte.
Der eine wurde eingesperrt, weil er den Nationalsozialismus bekämpfte.
Der andere wurde eingesperrt, weil seine nationalistischen Ziele nicht vollständig mit den deutschen Kolonialplänen vereinbar waren.
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Dasselbe Muster zieht sich durch den gesamten Kommentar.
Der Autor schreibt mehrfach, man dürfe Geschichte nicht gegeneinander aufrechnen.
Dem stimme ich vollständig zu.
Aber anschließend beginnt genau das, was er zuvor ablehnt.
Nicht durch Opferzahlen.
Sondern durch moralische Symmetrisierung.
Aus jedem Unterschied wird eine Ähnlichkeit.
Polnischer Nationalismus?
Gab es.
Ukrainischer Nationalismus?
Gab es auch.
ONR?
OUN.
PiS?
Konfederacja.
Bandera?
Łupaszko.
Rowecki?
Bandera.
AK?
UPA.
Am Ende bleibt der Eindruck zurück, beide Seiten seien historisch im Grunde Spiegelbilder gewesen.
Das sind sie aber nicht.
Geschichte besteht nicht nur aus der Frage, ob Gewalt stattfand.
Sondern auch:
Wer plante sie?
Welches politische Ziel verfolgte sie?
Wer waren die Hauptopfer?
Waren Zivilisten oder militärische Gegner das eigentliche Ziel?
War das Verbrechen Teil der Organisationsdoktrin oder ein Bruch mit ihr?
Wurden Täter später verfolgt oder zu Nationalhelden erhoben?
Genau an diesen Fragen scheitert die behauptete Symmetrie.
Und deshalb nervt das Thema Bandera und UPA viele Polen bis heute so sehr.
Nicht, weil Polen eine perfekte Geschichte hätte.
Nicht, weil Polen keine Nationalisten gehabt hätte.
Nicht einmal, weil Polen eigene Verbrechen leugnen dürfte.
Sondern weil immer wieder versucht wird, durch lange Listen polnischer Fehlentwicklungen den entscheidenden Unterschied zu verwischen:
Die Armia Krajowa war keine Organisation, deren politisches Ziel die ethnische Säuberung einer Zivilbevölkerung war.
Die OUN-B entwickelte genau eine solche Ideologie, und die UPA setzte sie in Wolhynien und Ostgalizien in großem Umfang um.
Deshalb empfinden viele Polen die Gleichsetzung als zutiefst ungerecht.
Nicht weil sie glauben, Polen sei moralisch makellos.
Sondern weil hier aus der richtigen Forderung nach differenzierter Geschichtsschreibung eine nivellierende Geschichtsschreibung wird.
Alles wird auf dieselbe moralische Ebene gezogen.
Und wenn am Ende alles gleich schlimm war, muss sich auch niemand mehr fragen, warum ausgerechnet die UPA bis heute eine derart tiefe Wunde im polnischen historischen Gedächtnis hinterlassen hat.
Vielleicht bringt es ein einfacher Satz auf den Punkt:
Historische Parallelen sind kein Beweis für historische Symmetrie.
Dass Rowecki und Bandera beide in Sachsenhausen saßen, ist eine Parallele.
Warum sie dort saßen, wofür sie kämpften und was ihre Organisationen verkörperten, zeigt, warum eine Symmetrie zwischen ihnen gerade nicht trägt.
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Macelias, du kannst noch so viele lange Abhandlungen schreiben und historische Verbrechen relativieren – dadurch werden sie weder ungeschehen noch ändern sich die historischen Fakten.Die permanente Selbstinszenierung Polens als ausschließliches Opfer verliert international zunehmend an Glaubwürdigkeit. Wer historische Verantwortung einfordert, muss auch bereit sein, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Polen besitzt keine Deutungshoheit über die Geschichte. Historische Forschung lebt von kontroversen Quellen, unterschiedlichen Perspektiven und wissenschaftlicher Debatte. Deshalb kommen zahlreiche renommierte Historiker – darunter auch Dr. Mykola Borovyk – zu deutlich anderen Bewertungen. Hinzu kommt, dass Polen während der Kaczyński-Ära einen zunehmend EU-kritischen und nationalkonservativen Kurs eingeschlagen hat, der das Land innenpolitisch gespalten und seine Stellung innerhalb der Europäischen Union geschwächt hat. Wer historische Debatten politisiert und für nationale Narrative instrumentalisiert, läuft Gefahr, sich international zunehmend selbst ins Abseits zu stellen.
Stepan Bandera wurde übrigens am 15. Oktober 1959 in München ermordet. Der Täter war der KGB-Agent Bohdan Staschynsky,
Ende der Diskussion
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Delicious, genau das ist das Muster, das sich durch alle Ihre Kommentare zieht.
Ich antworte auf Ihre Argumente, Sie wechseln anschließend das Thema.
Ich habe Ihnen ausführlich erklärt, weshalb die historische Symmetrie zwischen Stefan Rowecki und Stepan Bandera nicht trägt. Darauf gehen Sie mit keinem einzigen Satz ein.
Ich habe erläutert, weshalb aus ähnlichen Schicksalswendungen keine moralische Gleichsetzung folgt. Keine Antwort.
Ich habe erklärt, weshalb die AK und die UPA sich in Zielsetzung, Organisationscharakter, Verhältnis zwischen militärischen und zivilen Opfern sowie im Umgang mit den Tätern grundlegend unterscheiden. Keine Antwort.
Stattdessen kommen jetzt Kaczyński, die EU, die internationale Glaubwürdigkeit Polens und plötzlich die Ermordung Banderas 1959 durch den KGB.
Was hat auch nur einer dieser Punkte mit der Frage zu tun, weshalb Bandera und Rowecki historisch eben keine symmetrischen Figuren sind?
Nichts.
Genau deshalb entsteht bei mir der Eindruck, dass Sie weniger an einer historischen Klärung interessiert sind als daran, möglichst viele allgemein bekannte Schlagworte hintereinander aufzuzählen.
Sie schreiben außerdem, ich würde historische Verbrechen relativieren.
Bitte zitieren Sie die Stelle.
Ich habe im Gegenteil mehrfach geschrieben, dass polnische Verbrechen benannt und verurteilt werden müssen.
Der Unterschied ist nur: Ich lehne es ab, aus der Existenz polnischer Verbrechen automatisch eine moralische Gleichsetzung mit OUN und UPA abzuleiten.
Auch Ihre Bemerkung über Kaczyński bleibt eine Behauptung ohne Bezug zur Diskussion. Ob man seine Politik gut oder schlecht findet, ändert nichts an der historischen Bewertung von OUN, UPA, Rowecki oder Bandera.
Im Übrigen ist es bemerkenswert, dass viele Warnungen, für die Kaczyński innerhalb der EU jahrelang belächelt wurde – etwa vor dem russischen Imperialismus, der Abhängigkeit von russischer Energie oder der Notwendigkeit stärkerer Verteidigungsfähigkeit – heute von zahlreichen europäischen Regierungen selbst vertreten werden. Man muss Kaczyński nicht mögen, um anzuerkennen, dass er in diesen Fragen keineswegs nur ideologisch argumentierte.
Und zum Schluss noch eine Anmerkung:
Dass Bandera 1959 vom KGB ermordet wurde, ist historisch unstrittig. Aber weshalb erwähnen Sie das überhaupt?
Rowecki wurde von den Nationalsozialisten ermordet.
Bandera wurde fünfzehn Jahre nach Kriegsende vom KGB ermordet.
Beides sind historische Tatsachen. Keine davon beantwortet die Frage, wofür beide Männer standen, welche Ideologien sie vertraten oder weshalb ihre Organisationen bis heute so unterschiedlich bewertet werden.
Dass jemand von einem totalitären Regime ermordet wird, macht seine politische Biografie nicht automatisch nobel. Andernfalls müssten wir jede von Stalin oder dem KGB ermordete Person rehabilitieren.
Ich glaube deshalb tatsächlich, dass wir am Ende der Diskussion angekommen sind.
Nicht weil Geschichte keine Debatte zulässt.
Sondern weil Sie auf die zentralen Argumente gar nicht mehr eingehen, sondern sie lediglich mit immer neuen Nebenschauplätzen überdecken.
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