Ich bin gerade vom Prospekt Swobody in Lwiw zurückgekehrt, wo der sogenannte Pappschilder-Protest mit der Forderung fortgesetzt wird, Mychajlo Fedorow im Amt des Verteidigungsministers der Ukraine zu belassen.
Solche Proteste finden derzeit in der ukrainischen Hauptstadt und in anderen Städten unseres Landes statt – mit Hunderten, ja Tausenden Teilnehmern. Das zeigt grundsätzlich, dass es einen gesellschaftlichen Auftrag gibt, den die Staatsführung bei ihren weiteren Entscheidungen berücksichtigen sollte.
Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass es das verfassungsmäßige Recht des Präsidenten ist, einen Kandidaten für das Amt des Verteidigungsministers vorzuschlagen und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu ernennen. Und ich glaube, dass niemand dieses verfassungsmäßige Recht infrage stellt.
Die Frage der Kommunikation mit der Gesellschaft bleibt jedoch ebenfalls ein wichtiges und dringendes Thema, das unmittelbar mit dem weiteren Funktionieren der staatlichen Institutionen unter den Bedingungen dieses großen Krieges zusammenhängt.
Ich habe bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass der Gesellschaft im Grunde nie erklärt wird, warum bestimmte Personalentscheidungen getroffen werden. Weshalb werden bestimmte Personen zu Premierministern, Ministern oder Leitern wichtiger staatlicher Institutionen ernannt? Das geschieht ausschließlich aus der Perspektive der Möglichkeit der Staatsführung, die jeweils gewünschten Personalentscheidungen zu treffen.
Wenn es im Land eine Koalition gäbe, wenn es eine Regierung der nationalen Einheit gäbe, deren Bildung ich seit 2022, seit den ersten Tagen des großen Krieges zwischen Russland und der Ukraine fordere, dann gäbe es selbstverständlich eine Debatte. Dann gäbe es Personen mit unterschiedlichen Reputationen, unterschiedlichen Fähigkeiten oder umgekehrt mit unterschiedlichen Risiken. Darüber würde nicht nur gesprochen – wir wüssten, wer diese Menschen sind und warum sie auf bestimmte Positionen gelangen.
Wenn aber die Ernennung sowohl des Premierministers als auch der Minister seit Jahren einer Art Lotterie gleicht, dann ist das ein Problem. Ich habe bereits versucht zu erklären, dass auch die Ernennung Mychajlo Fedorows eine solche offensichtliche Lotterie war. Hätte es den bekannten Korruptionsskandal und die Notwendigkeit, die vakante Stelle des Energieministers rasch neu zu besetzen, nicht gegeben – nachdem der frühere Premierminister Denys Schmyhal, der damals Verteidigungsminister war, dorthin versetzt worden war –, dann wäre Mychajlo Fedorow auch heute noch Digitalisierungsminister geblieben, und seine Ernennung zum Verteidigungsminister hätte nie stattgefunden.
Gerade deshalb muss die Staatsführung mit der Gesellschaft sprechen, wenn Ernennungen auf diese Weise, nach dem Prinzip einer Lotterie, erfolgen. Sie muss die Logik ihres Handelns erklären. Sie muss erklären, warum eine bestimmte Person ein bestimmtes Amt erhält und warum beschlossen wird, sie wieder aus diesem Amt zu entfernen – noch dazu in einer Situation, in der in der Gesellschaft die klare Überzeugung herrscht, dass diese Person gerade am richtigen Platz war, wie es bei Mychajlo Fedorow der Fall ist. Genau dieses öffentliche Bild des Verteidigungsministers hat sich in den vergangenen Monaten vor dem Hintergrund bestimmter Veränderungen im Krieg in den Augen vieler Menschen herausgebildet.
Ja, ein Teil dieser Veränderungen ist zweifellos evolutionärer Natur, weil sich der Krieg seit 2022 verändert und sich weiter verändern wird – mit Fedorow oder ohne Fedorow, mit Syrsky oder ohne Syrsky. Das entspricht der Logik aller großen Kriege und der technologischen Entwicklung. Gleichzeitig verstehen wir aber sehr wohl, dass der inzwischen ehemalige Minister an vielen dieser Veränderungen tatsächlich mitgewirkt hat und man sagen kann, ihr Wegbereiter war.
Erinnern wir uns nur an die Abschaltung der Starlink-Terminals für die Russen. Das war eine wichtige Voraussetzung dafür, ihre Möglichkeiten für Angriffe auf die Ukraine einzuschränken. Heute konzentriert sich Präsident Putin auf die Nutzung des sogenannten „ballistischen Fensters“, das durch den offensichtlichen Mangel an Abwehrsystemen gegen ballistische Raketen in der Ukraine und weltweit entstanden ist. Gleichzeitig haben sich unsere Möglichkeiten verbessert, die Ölraffinerien und die militärisch-industrielle Infrastruktur der Russischen Föderation zu zerstören – eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, den Krieg in den 2020er- oder 2030er-Jahren zu beenden.
Natürlich wünschen sich alle Menschen, dass dieser Krieg, der nun schon seit Jahren andauert und noch viele weitere Jahre dauern könnte, möglichst bald endet. Es geht um das Leben jedes Einzelnen. Es geht um das Überleben derjenigen, die an der Front für die Ukraine kämpfen, und um das Überleben der Zivilbevölkerung, die in den kommenden Monaten und Jahren Opfer russischer Angriffe werden könnte. Selbstverständlich wünschen sich die Menschen, dass der Widerstand gegen die russische Aggression wirksam ist.
Wenn der Präsident erklärt, sein Hauptvorwurf gegenüber dem Verteidigungsminister habe darin bestanden, dass zwischen dem Minister und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte keine Einigkeit bestanden habe, dann bin ich gerade der Auffassung, dass die wichtigste Managementaufgabe eines Staatsoberhauptes nicht darin besteht, „Einheit“ als Schlagwort zu verkünden, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen in hohen Ämtern, die zunächst keine gemeinsame Sprache finden, schließlich doch zu einer Verständigung gelangen.
Das entspricht der Logik jedes großen Unternehmens. Wenn ich Eigentümer oder Generaldirektor eines großen Unternehmens bin und wertvolle Mitarbeiter habe, die sich nicht verstehen, weil sie unterschiedliche Vorstellungen über die Entwicklung der Firma haben oder weil sie – was völlig normal ist – eigene Ambitionen besitzen, dann muss ich als oberster Verantwortlicher die Voraussetzungen dafür schaffen, dass jeder von ihnen zur Entwicklung des Unternehmens beiträgt. Ich darf nicht einfach einen von ihnen entlassen, um den Konflikt zu beseitigen – oder gar beide. Denn einen Konflikt durch Entlassungen zu lösen, dient ausschließlich dazu, das eigene Leben bequemer zu machen, nicht aber der Entwicklung des Unternehmens.
Auf den Staat übertragen – wenn wir nicht über Politik, sondern über staatliches Management sprechen – funktioniert ausschließlich dieser Ansatz, kein anderer. Wenn jemand nicht in der Lage ist, einen solchen Ansatz in den Staatsgeschäften umzusetzen, und zugleich versteht, dass eine Wiederwahl noch in weiter Ferne liegt, weil dieser grausame Krieg andauert, dann muss er das lernen – auch wenn es seinen eigenen Vorstellungen von Komfort oder Bedeutung widerspricht. Tut er das nicht, dann kommt es zwangsläufig zu gesellschaftlichen Protesten.
Dabei brauchen wir – und in diesem Punkt stimme ich dem Präsidenten der Ukraine vollkommen zu – keinen Protest, sondern Einigkeit. Doch Einigkeit entsteht nur durch die Verbesserung der professionellen Instrumente staatlicher Führung.
Das ist die einzige Schlussfolgerung, die sich aus den Ereignissen ziehen lässt, die wir heute in Kyiv, Lwiw und anderen Städten der Ukraine beobachten konnten, die zum Zentrum des neuen Pappschilder-Protests geworden sind.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: «Картонковий протест» шириться | Віталій Портников. 17.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 17.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.