Achmetow: Drei Varianten des Friedens | Vitaly Portnikov. 31.05.2026.

Rinat Achmetow gab der britischen Zeitung The Guardian ein Interview. Es ist ein weiterer öffentlicher Auftritt kurz nachdem der Eigentümer des Fußballklubs Schachtar erstmals seit vielen Jahren wieder ein Fußballspiel seiner eigenen Mannschaft besucht hatte. Formal handelt es sich natürlich um ein Interview zu einem sportlichen Thema, und veröffentlicht wurde es auch im Sportteil des Guardian.

Ein aufmerksamer Leser wird in diesem Text jedoch zahlreiche politische Aussagen entdecken. Rinat Achmetow spricht sogar von drei Friedensvarianten, mit denen der russisch-ukrainische Krieg enden könnte.

  • Ein gerechter Frieden, der zur Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine führt und außerdem die Zahlung von Reparationen durch die Russische Föderation für die verursachte Besatzung einschließt.
  • Ein stabiler Frieden, der dazu führen soll, dass die Ukraine ein freies, wohlhabendes, demokratisches europäisches Land wird.
  • Und eine weitere Variante – der falsche Frieden, in den Russland die Ukraine derzeit hineinzuziehen versucht.

Achmetow erklärt, dass ein stabiler Frieden die wahrscheinlichste Variante sei, und überzeugt den Journalisten davon, dass ein solcher Frieden tatsächlich möglich sei, weil es für den russischen Präsidenten Putin keinen Sinn mehr habe, diesen Krieg fortzusetzen, und Russland durch die Fortführung der Kampfhandlungen inzwischen praktisch in eine Sackgasse geraten sei, insbesondere im Hinblick auf die Perspektiven seiner eigenen wirtschaftlichen Entwicklung.

Dies ist nicht die einzige Aussage des reichsten Mannes der Ukraine in diesem Interview, die sich nicht auf den Sport, sondern auf die Politik bezieht. Achmetow äußert sich respektvoll über Präsident Volodymyr Zelensky. Das ist keine Sensation, denn in der Regel pflegte er stets recht tolerante Beziehungen zu jeder Person, die sich im Büro des Präsidenten der Ukraine befand.

Eine Sensation ist jedoch, dass Achmetow über Asow spricht und sogar über seine Gespräche mit dem Kommandeur der Formation, Denys Prokopenko, während der Verteidigung von Asowstal. Auch dies kann, wenn schon nicht als politische Position, so doch zumindest als Ausdruck politischer und menschlicher Sympathie verstanden werden.

Achmetow spricht von seiner Vision der Ukraine als eines demokratischen, wohlhabenden und freien Staates als Antwort auf eine Frage, in der der Journalist ihn daran erinnert, dass viele Menschen in der Ukraine die Loyalität des Oligarchen gegenüber der ukrainischen Staatlichkeit infrage gestellt hätten. Und auch dies ist eine Antwort auf solche Zweifel.

Wenn man also dieses Interview zu einem sportlichen Thema aufmerksam liest, kann man darin ein echtes politisches Programm erkennen. Darin liegt tatsächlich die größte Sensation dieses Interviews. Bislang hatte Rinat Achmetow in der Regel nie derart offensichtliche politische Erklärungen abgegeben. Er tat dies nicht einmal zu jener Zeit, als er formal Abgeordneter der Werchowna Rada der Ukraine war und nicht im Gebäude des Gesetzgebungsorgans erschien, gerade weil er sein völliges Desinteresse an politischer Tätigkeit demonstrierte.

Diese politische Positionierung während des Krieges kann zumindest darauf hindeuten, dass Achmetow weiterhin an die Wiederaufnahme des politischen Prozesses glaubt. Denn ohne eine solche Überzeugung hätte es keinen Sinn, gleichzeitig über Schachtar zu sprechen, das Achmetow ebenfalls als einen Klub mit ukrainischen Werten beschreibt und daran erinnert, dass dessen Name bereits vor langer Zeit von der russischen in die ukrainische Schreibweise überführt wurde, und zugleich über den politischen Prozess in der Ukraine, über seine Vorstellung eines Friedensprozesses und darüber, wie die Nachkriegsukraine aussehen sollte.

Aus Sicht der formalen politischen Logik ergibt das Sinn. Vor dem Hintergrund der faktischen Verringerung der Möglichkeiten der meisten reichsten Menschen der Ukraine und des Verschwindens vieler von ihnen aus der politischen Arena – sowohl als aktive Akteure als auch als Strippenzieher – bleibt Rinat Achmetow weiterhin ein Mensch mit erheblichen Ressourcen und bedeutenden Möglichkeiten, auf jene Wahlprozesse Einfluss zu nehmen, die in der Ukraine nach dem Ende der Kampfhandlungen stattfinden könnten.

Daraus lässt sich jedoch schließen, dass die vier Jahre und einige Monate des großen Krieges, die Achmetow nach eigenen Worten in der Ukraine verbracht hat, nachdem er im Februar 2022 in seine Heimat zurückgekehrt war, sowohl Achmetow selbst als auch seinen Stil der öffentlichen Kommunikation ernsthaft verändert haben.

Obwohl solche Auftritte in internationalen Medien weiterhin episodisch bleiben, kann man sagen, dass wir die berühmte Vorsicht Achmetows nicht mehr beobachten. Einer der reichsten Unternehmer der Ukraine ist nun bereit, offen mit westlichen Journalisten über seine Vorstellungen der politischen Entwicklung des Landes zu sprechen und sogar über jene Friedensvarianten, die derzeit auf höchster politischer Ebene diskutiert werden. Aus wiederum rein formaler Sicht könnte dies wie eine Bewerbung um eine eigene Rolle im politischen Prozess erscheinen.

Man könnte sagen, dass eine solche Beteiligung Rinat Achmetows ebenfalls keine Sensation sei, weil Achmetow wie jeder ukrainische Milliardär schon früher ein aktiver Teilnehmer aller politischen Prozesse war, die auf Wahlebene in unserem Staat stattfanden. Ja, aber früher wirkte diese Beteiligung nicht öffentlich und war auch nicht öffentlich. Sie bestand nicht in der Offenlegung eigener politischer Ansichten, sondern eher in dem Versuch zu verstehen, welches politische Projekt in dem jeweiligen Wahlzyklus erfolgreicher sein könnte.

Ein Achmetow, der nicht nur mit Politikern spricht, sondern selbst mit der Veröffentlichung eines politischen Programms und einer Vision der Zukunft auftritt – das ist natürlich ein völlig anderer Achmetow.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Ахметов: три варіанти миру | Віталій
Портников. 31.05.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 31.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


1 Kommentar

  1. Avatar von Gamma Hans Gamma Hans sagt:

    Vielen Dank für die Übersetzung und die Darstellung der Analyse von Vitaly Portnikov.

    Der Beitrag zeigt überzeugend auf, dass Rinat Achmetow in seinem Guardian-Interview ungewöhnlich offen politische Positionen formuliert hat. Tatsächlich erscheint bemerkenswert, dass er nicht nur über Fußball und Schachtar Donezk spricht, sondern auch über Frieden, die Zukunft der Ukraine, Präsident Selenskyj und die Verteidiger von Asowstal. Insofern ist die Beobachtung nachvollziehbar, dass Achmetow heute deutlich öffentlicher auftritt als in früheren Jahren.

    Gleichzeitig erscheint es wichtig, einige Schlussfolgerungen des Autors kritisch zu hinterfragen. Aus einzelnen politischen Aussagen unmittelbar auf eine zukünftige aktive Rolle Achmetows im politischen Prozess zu schließen, bleibt letztlich eine Interpretation. Es ist ebenso denkbar, dass ein Unternehmer, dessen Heimatregion vom Krieg besonders betroffen ist und dessen wirtschaftliche Interessen massiv beschädigt wurden, schlicht seine Sicht auf die Zukunft des Landes darlegt, ohne daraus zwingend politische Ambitionen abzuleiten.

    Auch die Einschätzung, Russland befinde sich wirtschaftlich in einer Sackgasse und Putin habe keinen rationalen Grund mehr, den Krieg fortzusetzen, entspricht eher einer politischen Bewertung als einer gesicherten Tatsache. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass autoritäre Systeme nicht ausschließlich nach wirtschaftlicher Rationalität handeln. Deshalb sollte man Prognosen über die Kriegsdauer und die Friedensbereitschaft Moskaus mit einer gewissen Vorsicht begegnen.

    Besonders interessant finde ich Achmetows Unterscheidung zwischen einem gerechten, einem stabilen und einem „falschen“ Frieden. Diese Differenzierung spiegelt eine Debatte wider, die weit über die Ukraine hinaus geführt wird: Ist ein Frieden bereits dann erfolgreich, wenn die Waffen schweigen, oder muss er auch Sicherheit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und langfristige Stabilität gewährleisten?

    Insgesamt liefert Portnikov eine lesenswerte Analyse. Dennoch sollte man zwischen den tatsächlich geäußerten Aussagen Achmetows und den politischen Erwartungen oder Projektionen, die daraus abgeleitet werden, sorgfältig unterscheiden. Gerade in Kriegszeiten ist diese Trennung wichtig, um eine ausgewogene und sachliche Diskussion zu ermöglichen.

    Mit respektvollen Grüssen

    Hans Gamma

    Like

Kommentar verfassen