
Коло виру. Віталій Портников. 17.05.2026.
Eines der tragischsten Landschaftsbilder von Isaak Levitan hat der Künstler treffend benannt. Der Titel ist präzise und vielsagend: Er beschreibt genau den Ort, an dem das Werk entstand. „Am Rand des Strudels“. Und tatsächlich: Auf den ersten Blick ist es einfach nur eine professionell gemalte russische Landschaft an den Ufern eines Flusses mit dem sprechenden Namen Tma – „Finsternis“. Ein Strudel auf der Tma, mit wackligen Brücken, die in einen undurchdringlichen dunklen Wald führen – handelt das wirklich nur von einer Landschaft?
Es handelt von Russland.
Während meiner Jahre der Arbeit in Moskau ging ich gern in die Tretjakow-Galerie und betrachtete dieses Bild lange. Von dem Gemälde blieb immer ein Gefühl bedrückender Hoffnungslosigkeit zurück, und doch half es mir, das Land, in dem ich lebte und über das ich schrieb, besser zu verstehen. Wahrscheinlich werde ich dieses Werk nie wieder in meinem Leben sehen, doch aus professioneller Sicht ist das auch nicht nötig: Das ganze Leben im heutigen Russland hat sich in diese Landschaft Levitans verwandelt – in den Strudel auf der Tma unweit des undurchdringlichen Waldes …
Ich erinnerte mich an Levitans Bild, als ich vom Selbstmord der Menschenrechtsaktivistin Nina Litwinowa erfuhr. Litwinowa, die leibliche Schwester von Pawel Litwinow – einem der acht Mutigen, die am 25. August 1968 auf den Roten Platz gingen, um gegen die sowjetische Invasion in die Tschechoslowakei zu protestieren –, war bei weitem nicht so bekannt wie ihr berühmter Bruder. Doch jahrzehntelang half sie politischen Gefangenen sowohl in der Sowjetunion als auch im Russland Putins: Sie lief Gerichte ab, fuhr in Strafkolonien – und betrachtete dies niemals als Heldentat.
Sie ging aus dem Leben, weil ihr in diesem alles verschlingenden dunklen Strudel schlicht die Kraft und die Hoffnung ausgegangen waren. Sie ging leise und wollte ihren Abschied keineswegs öffentlich machen. Erst nachdem die offiziellen russischen Medien den Willen der Verstorbenen missachtet und über die Umstände ihres Todes berichtet hatten, veröffentlichte die Cousine von Nina Litwinowa – meine langjährige Kollegin Maria Slonim – einen Auszug aus ihrem Abschiedsbrief. Er war nicht an uns gerichtet, sondern an ihre Familie, ihre Angehörigen. Doch diese durchdringenden Worte machen auch uns zu ihren Nahestehenden.
„Ich muss gehen, das Leben ist für mich unerträglich. Seit Putin die Ukraine angegriffen hat und unschuldige Menschen tötet und bei uns endlos Tausende Menschen ins Gefängnis wirft, die dort leiden und sterben, weil sie – wie ich – gegen den Krieg und gegen das Töten sind. […] Ich habe versucht, ihnen zu helfen, aber meine Kräfte sind erschöpft, und Tag und Nacht leide ich unter meiner Ohnmacht. Ich schäme mich, aber ich habe aufgegeben. Bitte verzeiht mir.“
Es gibt nichts Schrecklicheres als einen solchen Tod in diesem dunklen Strudel. Und vielleicht gibt es zugleich keinen würdigeren Tod, der an Edelmut erinnert in einer Welt, in der dieses Wort hoffnungslos entwertet worden ist. Wohin soll ein mitfühlender Mensch in einem schrecklichen Land gehen, in dem die wackligen Brücken entweder in den Strudel oder in den schwarzen Wald führen, in dem Wolfsrudel umherstreifen?
Im heutigen Russland, in dem fast alles Lebendige bereits zerstört worden ist, wird man versuchen, Nina Litwinowa zu vergessen. Ich schließe nicht aus, dass irgendwann, wenn das heutige Regime fällt, in Moskau sogar eine Straße nach ihr benannt wird – doch das bedeutet keineswegs, dass die Mehrheit der Moskauer verstehen wird, wofür die Menschenrechtsaktivistin gestorben ist. Schließlich gibt es in Moskau schon heute einen Prospekt des Akademikers Andrei Sacharow – und geändert hat das nichts.
Die Frage ist, ob wir selbst die Erinnerung an jene bewahren können, die bereit waren, aus dem Leben zu gehen, nur um nicht in einem Land zu leben, das uns angegriffen hat. Nicht um zu protestieren, sondern aus Scham und Bitterkeit angesichts der Ohnmacht, dieses niederträchtige Gemetzel aufzuhalten. Denn die dankbare Erinnerung an solche Menschen zu bewahren – das ist unsere Aufgabe und überhaupt die Aufgabe der zivilisierten Welt.
Doch dafür muss man zwei Dinge verstehen.
Erstens: Es gibt keine „guten Russen“ und „schlechten Russen“. Genauso wenig wie ein ukrainischer Pass irgendeine Art von Ablassbrief ist, der Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft des eigenen Landes oder sogar Mitschuld an seiner Zerstörung rechtfertigen könnte. Es gibt einfach Menschen – und Unmenschen.
Und zweitens: Unsere wichtigste Aufgabe besteht nicht einfach darin, die Aggression abzuwehren. Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, nicht an das Ufer dieses dunklen Flusses zu geraten, nicht in den Strudel zu geraten, aus dem es keine Rettung gibt. Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, uns selbst zu bewahren und die Kraft zum Kampf und zum Widerstand zu erhalten – wenigstens im Namen der Erinnerung an jene, denen dieser ewige Kampf mit dem Strudel sowohl die Kräfte als auch den Wunsch zu leben genommen hat.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Коло виру. Віталій Портников. 17.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 17.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.