Jermak wurde hinter Gitter geschickt | Vitaly Portnikov. 14.05.2026.

Zunächst möchte ich den Angehörigen und Freunden derjenigen, die während des heutigen massiven russischen Angriffs auf Kyiv und andere Orte der Ukraine ums Leben gekommen sind, mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Ebenso gilt mein herzliches Mitgefühl allen, die bei diesem Bombardement verletzt wurden.

Das Hohe Antikorruptionsgericht der Ukraine hat entschieden, den ehemaligen Leiter des Büros des Präsidenten der Ukraine, Andrij Jermak, in Untersuchungshaft zu nehmen – mit der Möglichkeit einer Freilassung gegen Kaution in Höhe von 140 Millionen Hrywnja. Gegen ihn war zuvor der Verdacht erhoben worden, an der Legalisierung von Geldern in Höhe von 460 Millionen Hrywnja bei einem Elite-Bauprojekt nahe der ukrainischen Hauptstadt beteiligt gewesen zu sein.

Jermak erklärte, dass er hoffe, Freunde und Bekannte würden ihm helfen, dass er aber – wie er sagte – in der Ukraine bleiben wolle und selbst kein Geld habe, um eine derartige Kaution zu hinterlegen. Ein erwartbares Finale. Und offensichtlich kann sich das Gerichtsverfahren gegen Andrij Jermak nun über längere Zeit hinziehen.

Doch schon das, was während dieses Prozesses geschieht, ist eine weitere Illustration der sogenannten Krankheit des Favoritismus in der Ukraine. Ein Mensch, den man bis vor Kurzem beinahe als Vizepräsidenten des Landes bezeichnete, ohne dessen Beteiligung keine ernsthafte Personalentscheidung getroffen wurde, steht nun praktisch allein dem Gericht gegenüber.

Niemand von denen, die über Jahre gemeinsamer Arbeit im Präsidialamt mit Andrij Jermak verbunden waren, erschien vor Gericht, um ihn wenigstens moralisch zu unterstützen. Weder Abgeordnete der Werchowna Rada aus der Partei Diener des Volkes waren anwesend, obwohl Andrij Jermak gerade mit dieser Fraktion über viele Jahre eng zusammengearbeitet hatte. Es erschienen weder Vertreter der ukrainischen Regierung noch der Wirtschaft. All diese Menschen, die noch vor wenigen Monaten – kann man sagen – Andrij Jermak ununterbrochen anriefen und auf Unterstützung oder Ernennungen hofften, haben seine Existenz augenblicklich vergessen.

Nun, ich werde gar nicht erst vom Schweigen des Präsidenten der Ukraine sprechen, der sich einst mit höchstem Lob über den Leiter seines Büros geäußert und betont hatte, dass Andrij Jermak mit ihm gekommen sei und mit ihm auch gehen werde. Ganz zu schweigen davon, dass bei der Gerichtssitzung kein einziger Vertreter des Büros des Präsidenten der Ukraine erschien. Auch das scheint mir bezeichnend für jene zu sein, die in dieser Institution arbeiten.

Denn vergessen wir nicht: Während der gesamten Präsidentschaft von Volodymyr Zelensky gab es drei Leiter seines Büros. Der erste steht unter Präsidialsanktionen und hat angespannte Beziehungen zum Staatsoberhaupt. Der zweite befindet sich nun in Haft mit der Möglichkeit einer Freilassung gegen Kaution. Und an ihn erinnert man sich im Präsidialamt höchstens dann, wenn man die Verbindung dieser Institution zu irgendwelchen dubiosen lWahrsagern zurückweisen muss, deren Tätigkeit ebenfalls Einfluss auf Personalentscheidungen und andere wichtige Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Funktionieren des ukrainischen Staates gehabt haben könnte. Und der dritte ist jener Leiter des Präsidialamtes, der dieses Amt derzeit innehat und – um ehrlich zu sein – aus Sicht der Beobachter bislang nicht wie jemand wirkt, der zum Favoritismus neigt.

Deshalb bleibt nur zu hoffen, dass diese schreckliche Krankheit bereits überwunden ist und die Ukraine mithilfe verfassungsmäßiger und rechtlicher Verfahren regiert werden wird – Verfahren, die für das Überleben des ukrainischen Staates in den kommenden schweren Jahren so notwendig sind –, und nicht durch die Suche nach Favoriten.

Im Grunde gibt es jedoch auch hier Fragen. Wie ich bereits mehrfach gesagt habe, ist die Krankheit des Favoritismus Politikern eigen, die ohne jegliche reale Erfahrung in jenen Amtsstuben an die höchsten Positionen des Staates gelangen, in denen die wichtigsten Entscheidungen für die Existenz von Ländern und Völkern getroffen werden. Und Favoriten existieren praktisch genau bis zu jenem Moment, in dem die Person, die Entscheidungen treffen muss, erkennt, dass sie diese Entscheidungen auch ohne die Hilfe eines Favoriten treffen kann. So war es, könnte man sagen, bereits seit dem Mittelalter.

Und moderne Politiker, die auf der Welle populistischen Enthusiasmus an die Macht kommen, erinnern mich nicht an demokratische Führer des 21. Jahrhunderts, sondern gerade an mittelalterliche Monarchen längst vergangener Zeiten. Und deshalb beginnt ein solcher quasi monarchischer Herrscher, sobald er erkennt, dass er den Staat autokratisch und ohne Hilfe eines Favoriten regieren kann, Entscheidungen selbstständig zu treffen, und man vergisst allmählich, dass neben ihm eine Person stehen sollte, die die Entscheidungen des Präsidenten dupliziert oder der ersten Person im Staat Entscheidungen vorschlägt. So könnte es auch im ukrainischen Fall sein.

Nur ist es sehr wichtig, dass wir nicht einfach nur das favoritistische Modell der Staatsführung aufgeben, das in der Regel unglaublich gefährlich und inkompetent ist. Sehr wichtig ist, dass wir zur Republik zurückkehren. Und nicht einfach nur zu einer Republik, die die Verantwortung aller Gewalten vorsieht, die tatsächliche Existenz eines Parlaments im Land und die tatsächliche Existenz einer Regierung – statt einer Führung durch einige wenige Manager, von denen jeder jederzeit im Gerichtssaal landen kann. Wir müssen zu einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik zurückkehren, damit sich das Staatsoberhaupt auf seine verfassungsmäßigen Funktionen konzentrieren kann, die unter den Bedingungen der kommenden Monate und Jahre des zermürbenden russisch-ukrainischen Krieges so wichtig sind.

Das wäre die beste Schlussfolgerung aus dieser ganzen Geschichte über den Sturz eines Favoriten, die sich – wie in mittelalterlichen Theaterstücken – vor unseren Augen im Saal des Hohen Antikorruptionsgerichts der Ukraine abspielt. Kehren wir endlich in die Moderne zurück, sofern wir dazu natürlich die Möglichkeit haben.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Єрмака відправили за ґрати | Віталій Портников. 14.05.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 14.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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