Leben in Cherson im Jahr 2026… Wie ist das? Inna Kormilenko.

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Hier gibt es keine Sirenen, die warnen und deinen Weg oder deine Pläne ändern.

Aber hier gibt es Geräusche, nach denen es schon zu spät ist, noch zu überlegen…

Eine Drohne klingt wie eine Mücke. Ein dünnes, nerviges Summen, das dich nicht konzentrieren lässt. Es wird dichter – ssssssssss…

Und dir stellen sich die Haare auf dem Kopf von selbst auf. Und dieses verdammte Ding kann direkt über dir stehen bleiben…

Du hältst den Atem an, und dein Herz rast plötzlich und schlägt zwei- bis dreimal so schnell.

Es hängt da, und du weißt nicht, ob es dich auf dem Bildschirm schon als Ziel „sieht“ – oder noch nicht.

Ein FPV ist anders.

Er bleibt nicht stehen. Er jagt. Schon in diesem Wort liegt etwas Auswegloses – „jagt“.

Sein Geräusch – sssSSSSSSSS…

Er kommt schnell näher, und irgendwann hörst du nichts mehr, weil dein Gehirn die Kontrolle den Instinkten überlässt.

Du spürst ihn, verdammt noch mal, mit deiner ganzen Haut, die vor Anspannung fast schmerzt…

Eine KAB fragt nicht.

Du sitzt abends mit Tee und atmest den Duft blühender Bäume ein. Denkst an Liebe, Geborgenheit und Wohlstand… Und du hörst sie lange nicht.

Und genau das ist das Schrecklichste. Es gibt Sekunden, vielleicht zwei – ein dumpfes Pfeifen von oben, als würde etwas Riesiges den Himmel durchschneiden: fuuuuuh… wie ein Flugzeug…

Und sofort weißt du, welcher Einschlag kommt.

Wie eine Druckwelle. BUMM – aber das ist nicht einfach ein „Bumm“.

Es ist eine Welle! Selbst wenn es ein paar Kilometer entfernt ist, trifft sie dich in die Brust, nimmt dir die Luft… Für einen Moment scheint es, als hätte sich die Welt in sich selbst zusammengefaltet.

Artillerie – das ist die Sprache des Militärs zu den Menschen in Cherson.

Sie spricht in Salven zu uns.

Weit weg – boom… boom… boom…

Und du zählst, selbst wenn du es nicht willst.

Vielleicht einmal – oder dieses schreckliche Wort „Grad“, wenn du dich verzählst…

Wenn es näher ist (und das ist oft so) – der Abschuss: ein dumpfes, kurzes „puff“ und dann – ein Pfeifen: schschschschsch…

Und – die Explosion. Das sind nicht einmal Minuten – Sekunden…

Das Schreckliche ist, dass du oft nur den Einschlag hörst.

Er ist immer plötzlich. Splitter kommen danach. Sie fragen nicht, wohin sie fliegen.

Sie pfeifen, wie Blitze, mit wahnsinniger Geschwindigkeit, wie zerrissenes Metall – ssssssssss – klirr! gegen etwas Hartes, oder dumpf – in den Boden, in Wände, in Autos… In Menschen. Manchmal klingt es wie Regen. Aber das ist kein Regen.

Phosphor – das ist nicht ganz ein Geräusch.

Es ist ein Zischen. Als würde etwas Lebendiges brennen: schschschsch… und ein Knistern wie bei einem Lagerfeuer. Nachts sieht es schön aus. Aber es bringt weder Wärme noch Ruhe. Nur Reizung und Entsetzen…

„Lebkuchen“ (kleine, oft 3D-gedruckte russische Drohnen-Streumine) auf der Straße – das ist Täuschung. In der Kindheit hat man versprochen, dass auch auf meiner Straße einmal ein Lastwagen mit Lebkuchen kommt. Aber zur Hölle – nicht so! 

Stille.

Ein Schritt.

Und plötzlich – klick – und ein kurzer, trockener

Knall. Nein, kein lauter. Aber genug, damit aus einem Menschen ein „Leichnam zur Evakuierung“ wird. Oft – Körperteile…

Wir lernen, all das gleichzeitig wahrzunehmen.

Du lebst wie eine gespannte Saite.

Ich erinnere mich jeden Tag selbst: „Innussja, es ist sehr wichtig, dir andere Geräusche zu bewahren.

Deinen Atem zum Beispiel. Leise, aber deiner. 

Ein Schluck heißen, duftenden Kaffees – der das Gefühl im Inneren zurückbringt.

Das Rascheln von Kleidung, Schritte, Stimmen – etwas sehr Einfaches, Menschliches, Irdisches.“

Denn wenn nur diese ssss, schschsch, bumm bleiben – hält die Psyche das nicht aus und „…der Verstand setzt aus, setzt einfach aus…“

Und ich fange bewusst und gierig ein, wie mein „Ich lebe“ klingt.…

Jeden Tag gleicht mein Weg einer Lotterie ohne Regeln…

Jeder Mensch aus Cherson verlässt das Haus wie zum letzten Mal. Auch wenn er es nicht laut ausspricht.

Sieben Tausend Kilogramm KABs an einem Tag heute – das ist das Gewicht der Angst. Ein Terror, der sich auf die Stadt legt und sie bis auf die Knochen zusammendrückt.

Und du gehst zur Arbeit. Als wäre es das letzte Mal.

Nicht weil du dramatisierst. Dein Körper weiß einfach schon, was er erlebt hat…

Du schaust in den Himmel, als wäre er etwas Größeres.

Wie ein Geschenk, das heute noch da ist.

Das Licht durchdringt die Wolken mit Strahlen. Mein Gott, wie unglaublich schön das ist. Dieses Bild bedeutet für mich, dass mein Leben noch nicht abgeschaltet wurde.

Der Wind heute – schlägt dir ins Gesicht, kalt, lebendig. Er zerzaust die Haare, als würde er erinnern: du spürst noch – also bist du hier.

Ingwertee auf Schumen… Er breitet sich im Inneren aus, und für eine Sekunde scheint es, als ließe sich die Welt wieder zusammensetzen.

Und fünf Minuten später bist du schon dort, wo „es eingeschlagen hat“. Der Asphalt hat es mit Kratern gezeichnet. Und trägt noch abstrakt die Spuren von rotbraunem Blut..

Menschen mit Besen kehren die Trümmer weg wie Staub nach einer Renovierung. Und mit denselben Besen verwischen sie das Blut, versuchen es zu entfernen, damit zufällige Passanten nicht traumatisiert werden.

Zerbrechliches Glas, wie Splitter eines Lebens, das sich nicht mehr zusammensetzen lässt.

Mir wird unheimlich. Obwohl ich verstehe, dass sie das nicht tun, weil es ihnen egal ist.

Sondern weil man weiterleben muss.

Damit diejenigen, die morgen diesen Weg gehen, nicht genau hier auf dem Bürgersteig „zerbrechen“.

Das Haus daneben steht zerfetzt und aufgerissen wie eine offene Wunde.

Es ist ehrlich und sagt: Hier gab’s gerade Horror.

Die Medien schweigen oft über uns.

Und darüber – der Himmel, blau, grenzenlos, leicht.

Und irgendwo dort oben ist das, worauf du niemals vorbereitet bist – KABs, Artillerie, Drohnen, „Blitze“, FPVs, Phosphor, Splitter, „Lebkuchen“, die sich auf den Straßen verteilen.

Dein Leben in Cherson ist nicht einfach angespannt – es ist wie freigelegt.

Ohne Überflüssiges. Ohne ein „für später“. Ohne Illusionen, dass alles unter Kontrolle ist. Und in all dem wirst du zu dir selbst…

Du spürst den Wind – und das ist ein Ereignis. Du trinkst etwas Heißes – und das ist Wärme, die Bedeutung hat. Du schaust in den Himmel, und das ist fast ein Gebet, selbst wenn du es nicht so nennst.

Aber dafür gibt es einen Preis.

Das Nervensystem arbeitet ohne Pause.

Der Körper lebt im Modus „sei bereit“, selbst wenn du einfach nur dastehst. Im Inneren sammelt sich das, was keine Zeit hat, verarbeitet zu werden.

Und wenn man nichts damit macht – wird selbst diese Tiefe anfangen, dich zu zerbrechen.

Deshalb ist es in all diesem Chaos wichtig, nicht nur zu überleben, sondern sich auch einen Ort zu bewahren, an dem man nicht kämpft.

Wenigstens ein bisschen.

Und das sieht nicht aus wie große Praktiken.

Es sieht so aus:

Anhalten.

Für eine Minute.

Und sich sagen:

Jetzt kontrolliere ich nichts. Und ich muss es auch nicht.

Einatmen.

Ausatmen.

Einfach damit der Körper sich erinnert, dass er nicht nur fürs Überleben da ist.

Benennen, was geschieht.

So wie du es gerade getan hast.

Denn wenn Worte nach außen kommen, zerreißen sie dich innen weniger.

Sich am Kleinen festhalten.

Am Kaffee.

Am Wind.

Am Himmel.

Nicht als Flucht, sondern als Punkte, an denen das Leben noch da ist.

Und noch etwas.

Du musst nicht die ganze Zeit stark sein.

Du darfst manchmal innerlich zerbrechen.

Darfst Angst haben.

Darfst das alles hassen. Das ist normal!

Das macht dich nicht schwach.

Das macht dich lebendig.

Denn wahre Stärke hier ist nicht, nichts zu fühlen.

Sondern all das zu fühlen und trotzdem das Haus zu verlassen.

Und zu leben und zu lieben.

Selbst wenn jeder Tag wie der letzte ist.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Жити в Херсоні у 2026 році… Інна Корміленко. 09.04.2026.
Autor: Інна Корміленко
Veröffentlichung / Entstehung: 09.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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