
Einer der überraschendsten Eindrücke meiner letzten schwierigen Tage der „Aufeinandertreffen zweier Kriege“ sind die Schlangen in Lwiw vor den Bildern von Taras Schewtschenko. Natürlich ist das nicht die erste große Schlange vor einer Ausstellung eines Künstlers, die ich in meinem Leben beobachte. Aber gewöhnlich hängen solche langen Schlangen mit dem Wunsch zusammen, etwas zu sehen, dem man vielleicht im ganzen restlichen Leben nie wieder begegnen wird – so ist es bei großen persönlichen Ausstellungen von Künstlern, für die Werke buchstäblich von allen Kontinenten zusammengetragen werden, und ein Bild, das in einem Museum in Rom ausgestellt ist, kann neben einem Werk aus einer privaten Sammlung in Detroit hängen. Hier aber geht es um den Wunsch, Gemälde zu sehen, die seit Jahrzehnten an den Wänden des Nationalen Taras-Schewtschenko-Museums hängen – und in seinen Sälen gibt es gewöhnlich nicht besonders viele Besucher, von Schlangen ganz zu schweigen.
Doch ich glaube, dass unter denen, die zur Ausstellung in die Galerie ZAG kommen, viele Menschen sind, die die Bilder in Kyiv tatsächlich nie gesehen haben. Es kann auch sein, dass manche diese Werke im Interieur einer modernen Galerie ganz anders betrachtet haben – und Schewtschenko für sich neu entdeckt haben. In diesem Fall können wir von der Notwendigkeit sprechen, die Präsentation des schöpferischen Erbes von Taras zu „modernisieren“ – sowohl als Maler als auch als Dichter – und von der Unterschätzung seines Schaffens und seiner Persönlichkeit. So etwas kommt vor: Wenn ein Mensch zur Ikone gemacht wird, beginnt seine wahre Größe hinter dem kanonischen Bild zu verschwinden.
Wer in dieser Lwiwer Schlange gestanden hat, konnte sich einmal mehr davon überzeugen, worauf Schewtschenko um seines Traums von der Ukraine und vom ukrainischen Volk willen verzichtet hat, mit welch außergewöhnlicher Begabung er ausgestattet war, welch feine Psychologie seinen Porträts eigen ist. Und ja, man hat ihn nicht aus Mitleid mit dem schweren Schicksal eines Bauernjungen aus der Leibeigenschaft freigekauft, sondern aus Bewunderung für die Größe und die Perspektiven seines Talents. Doch Schewtschenkos Opfer war vor allem kein künstlerisches, sondern ein politisches – denn um der Ukraine willen geriet er in Konflikt mit dem Imperium selbst. Und der Gedanke: aus Taras hätte, wäre da nicht der Militärdienst und die Verbannung gewesen, ein großer Künstler werden können (ein großer russischer Künstler natürlich), geworden sei aber ein – wenn auch großer – ukrainischer (also provinzieller) Dichter, ist ein typisches imperiales Narrativ, das noch dazu in der späten kommunistischen Epoche verbreitet wurde.
Der Trick besteht darin, dass Schewtschenko zu seinen Lebzeiten überhaupt kein provinzieller Dichter war, und zwar aus dem einfachen Grund, dass die Ideologie des Imperiums die Existenz eines einzigen russischen Volkes mit Großrussen, Kleinrussen und Belarussen und ihren „Dialekten“ anerkannte (wobei Petersburg allerdings das „kleinrussische“ und das belarussische konsequent auszurotten versuchte – doch das ist weder die erste noch die letzte russische imperiale „Konsequenz“). Jedenfalls war Schewtschenko für seine Zeitgenossen nicht nur der „kleinrussische Kobzar“, sondern auch ein Schriftsteller des Russischen Imperiums. Und genau diese Sicht auf ihn – und nur auf ihn – wurde auch in der Sowjetzeit weitergetragen. Den Ukrainern schien man zwar das Recht auf Existenz als eigenständige Nation nicht mehr abzusprechen, doch Schewtschenko wurde bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion weiterhin im Schulunterricht der russischen Literatur behandelt. Und ja, keinen einzigen weiteren nichtrussischen Schriftsteller gab es in diesem Kurs. Und warum?
Man könnte natürlich sagen: weil Schewtschenko ein Genie war und die Russen, wie es bei ihnen oft vorkommt, auch ihn vereinnahmen wollten – Gogol genügte ihnen offenbar nicht. Doch im russischen Ikonostas gibt es genügend große Schriftsteller, sodass man nicht auch noch Anspruch auf Schewtschenko erheben müsste. Es geht hier nicht um Genialität, sondern um Maßstab. Denn weder vor noch – erst recht nicht – nach dem Zusammenbruch des Russischen Imperiums gab es einen Schriftsteller mit einem derart klaren und leuchtenden antiimperialen Programm. Es gab keinen Menschen, der Russland eine so klare Diagnose stellen konnte, der an die Misshandlungen der „Fremdvölkischen“ erinnern konnte, der verstehen konnte, dass Russland, solange es ein Imperium bleibt, ein unsagbares Übel bleiben wird.
Bei den russischen Zeitgenossen Schewtschenkos werden Sie einen solchen Gedanken nicht finden. Selbst die „fortschrittlichsten“ werden höchstens mit den unglücklichen Bauern Mitleid haben oder die Grausamkeit der russischen Armee im Kaukasus beschreiben – aber gleichzeitig auch mit den Zielen des Imperiums sympathisieren. Russland, seine Armee und seine Geheimdienste verübten unsagbare Grausamkeiten gegen die Völker, die in den Schatten des Imperiums gerieten – und diese ganze Geschichte der Verbrechen ging an der „großen russischen Kultur“ vorbei, während publizistische Zeugnisse darüber höchstens in Emigrantenpublikationen wie der „Kolokol“ von Alexander Herzen erschienen. Von den Schriftstellern, die innerhalb des Imperiums über das Böse des Imperiums sprachen, blieb nur Schewtschenko übrig – und deshalb mussten die russischen Bolschewiki seine Werke einfach in den Kurs ihrer eigenen Literatur aufnehmen, denn eigene Schriftsteller, die ein wahrheitsgetreues Porträt des „Völkergefängnisses“ entsprechend ihrer damaligen pseudo-internationalistischen Ideologie geschaffen hätten, hatten sie schlicht nicht.
Und diese durch Größe und Prophetie bedingte (denn Schewtschenkos Blick auf das russische Imperium ist auch heute noch aktuell) Präsenz von Taras im fremden Schulkanon erlaubt es, noch ein weiteres Stereotyp loszuwerden – den Mythos von Schewtschenko als „Bauernpoeten“. Nein, er war kein Bauernpoet, und das wird auch auf seiner Kunstausstellung deutlich. Ja, er wurde in einer Bauernfamilie geboren, und ein großer Teil seiner Leser war bäuerlich (was für das damalige Russische Imperium ebenfalls phänomenal war, in dem Nikolai Nekrasow nur davon träumte, dass Bauern „ihre“ Schriftsteller lesen und Belinski und Gogol vom Markt nach Hause tragen würden – während die Ukrainer Schewtschenko längst lasen und abschrieben, ganz ohne Nekrasows Aufrufe). Doch das lag einfach daran, dass es in dem Land, in dem Schewtschenko wirkte, noch keine industrielle Revolution gegeben hatte. Aber Schewtschenko war kein Dichter, der sich auf die Besingung des Landlebens konzentrierte – er erhob sich buchstäblich darüber. Über die Geschichte, über den Alltag, über die Religion – das war einer der ersten solchen Aufstiege in der Weltliteratur, und die Ukrainer hatten schlicht Glück, dass ihr erster nationaler Klassiker über eine solche Größe des Denkens verfügte und die Welt und den Staat, in dem er lebte, so genau erkannte. Vielleicht wäre diese Sicht nicht entstanden, wenn Schewtschenko die Welt nur mit den Augen eines Dichters gesehen hätte – doch er konnte sie auch mit den Augen eines außergewöhnlichen Malers betrachten. Eines Malers, zu dessen Bildern sich in den schwierigsten Zeiten für das ukrainische Volk Schlangen bilden – denn jetzt wissen die Menschen, warum sie dorthin gehen.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Черга до Тараса. Віталій Портников. 09.03.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:
Original ansehen
Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.