Trump fühlte sich wegen Noworossijsk beleidigt | Vitaly Portnikov. 25.02.2026.

Die Leiterin der ukrainischen diplomatischen Vertretung in den Vereinigten Staaten, Olha Stefanischyna, informierte Journalisten über eine Demarche des US-Außenministeriums im Zusammenhang mit dem ukrainischen Beschuss von Noworossijsk im November 2025. Es geht um Angriffe, die Terminals des Kaspischen Pipeline-Konsortiums beschädigt haben könnten, über die kasachisches Öl transportiert wird.

Ein Teil dieses Konsortiums, ein recht unbedeutender Anteil von bis zu fünf Prozent, gehört amerikanischen Unternehmen. Im Außenministerium teilte man der ukrainischen Botschaft mit, dass die Vereinigten Staaten derzeit keine solchen wirtschaftlichen Interessen in der Ukraine hätten wie in Kasachstan.

Auf den ersten Blick erscheint eine solche Demarche völlig logisch, da es im Wesentlichen um den Schutz amerikanischer Wirtschaftsinteressen geht. Stefanischyna betonte ausdrücklich, dass das Außenministerium die Ukraine keineswegs gebeten habe, auf Angriffe gegen russische Infrastruktur zu verzichten. Es gehe ausschließlich um jene Infrastruktur, die mit amerikanischen Interessen verbunden sei.

Doch das ist nur auf den ersten Blick so. Betrachtet man die Situation realistisch, sieht man, dass außer Zynismus darin nichts steckt. Erstens hat niemand gesagt, dass Kasachstan sein Öl zwingend über einen russischen Hafen transportieren muss. Dieses Land verfügt auch über andere Möglichkeiten.

Wenn die Vereinigten Staaten tatsächlich so große Interessen in Kasachstan hätten – was übrigens nicht der Fall ist –, hätte Washington der Führung in Astana mitteilen müssen, sie solle ihre Energielieferungen so umorientieren, dass sie nicht mit den Kommunikationswegen eines Landes verbunden sind, das weiterhin einen Eroberungskrieg gegen die Ukraine führt und gegen das die Vereinigten Staaten zahlreiche Sanktionen verhängt haben, auch im Energiesektor. Auf diese Weise hätte man Kasachstan an die Risiken seiner Bündnisbeziehungen mit der Russischen Föderation erinnern können. Kasachstan liefert bekanntlich nicht nur sein Öl über Russland, sondern hilft diesem Land auch, westliche Sanktionen zu umgehen, und bleibt Mitglied der OVKS. Würde die US-Regierung ihre wirtschaftlichen Interessen so betrachten, wäre das deutlich sinnvoller.

Zweitens sei daran erinnert, dass Präsident Trump stets vom Abschluss eines Mineralienabkommens mit der Ukraine als einem wichtigen Bestandteil amerikanischer Interessen gesprochen hat und seinen Landsleuten erklärte, welche Milliarden Dollar Amerika durch dieses Abkommen verdienen werde. Da stellt sich die Frage, warum die ständigen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur und die Zerstörung der Möglichkeiten, diese Mineralien zu fördern, die Vereinigten Staaten offenbar wenig kümmern, während fünf Prozent amerikanischer Unternehmen in einem Energiekonsortium sie kümmern.

Drittens hat die Russische Föderation mehrfach Objekte zerstört, die Teil amerikanischer Geschäftsinteressen in der Ukraine waren. Kein einziges Mal – obwohl dies begann, nachdem Donald Trump erneut ins Oval Office eingezogen war – hat die Trump-Administration öffentlich gegen Russland protestiert. Niemand erinnerte daran, dass es sich um Geld amerikanischer Investoren handelt, dessen Sicherheit gewährleistet werden müsse. Nichts dergleichen haben wir gehört – und meiner Ansicht nach werden wir es auch nicht hören.

Die Demarche des Außenministeriums hält also keiner Kritik stand. Interessant ist jedoch nicht das, sondern die Frage, warum sie überhaupt erfolgte. Ich habe keinen Zweifel daran, warum. Jemand – entweder der Sonderbeauftragte des Präsidenten der Russischen Föderation, Kirill Dmitrijew, oder der Präsident Kasachstans, Kassym-Schomart Tokajew – könnte sich entweder bei Trump selbst während eines jüngsten Treffens im Rahmen desselben „Friedensrates“ oder bei dessen Sondergesandtem Steve Witkoff und Schwiegersohn Jared Kushner beschwert haben, mit denen Dmitrijew regelmäßig zusammentrifft und von Billionen Dollar spricht, die die Vereinigten Staaten durch Kontakte mit Russland verdienen würden, wenn sie die Ukraine aufgeben.

Natürlich könnten Witkoff und Kushner diese Information an Trump weitergegeben haben, dass die Ukrainer offenbar den Interessen amerikanischer Unternehmen schaden könnten. Oder Tokajew selbst hat Trump diese Information übermittelt, unmittelbar nachdem er vorgeschlagen hatte, der Friedensrat solle einen Trump-Preis schaffen, der jenen verliehen wird, die nach Meinung des amerikanischen Präsidenten am meisten zu seinen Friedensbemühungen beigetragen haben.

Und bei Trump entstand eine ganz gewöhnliche emotionale Reaktion, denn anders lässt sich eine Demarche im Zusammenhang mit einem Beschuss im November 2025 – wir nähern uns inzwischen März 2026 – nicht erklären. Die Amerikaner warteten mehrere Monate, um sich überhaupt daran zu erinnern.

Im November 2025, als alle über den ukrainischen Schlag gegen Noworossijsk diskutierten, als in Astana entsprechende Proteste geäußert wurden und die Führung der Ukraine und Kasachstans die Folgen der Angriffe auf das Kaspische Pipeline-Konsortium klären musste und die Ukraine betonte, sie wolle keinesfalls Objekte angreifen, die mit kasachischen Interessen verbunden sind, gab es keinerlei amerikanische Reaktion. Weder im Weißen Haus noch im Außenministerium schenkte jemand den Prozentanteilen amerikanischer Unternehmen im Pipeline-Konsortium Aufmerksamkeit.

Jetzt jedoch bemerkte man es – weil es entweder Trump selbst oder jemand aus seinem engsten Kreis bemerkte. Und damit wurde erneut demonstriert, dass Geld für diese Administration weit wichtigere Leitlinien sind als Werte und sogar gesunder Menschenverstand.

Denn wir verstehen sehr gut, dass ein solcher Protest, der Monate nach dem Ereignis auftaucht, ein Zeichen fehlenden gesunden Menschenverstands ist – oder dafür, dass gesunder Menschenverstand emotionalen Reaktionen der ersten Person oder ihrer Berater untergeordnet wird.

Wenn die Amerikaner also nicht gegen Angriffe auf ihr eigenes Geschäft in der Ukraine protestieren, sondern gegen Angriffe auf die Interessen Kasachstans und Russlands, weil dadurch indirekt die Gewinne amerikanischer Unternehmen leiden könnten, die ihre Kooperation über russisches Territorium fortsetzen, dann befinden sich die Vereinigten Staaten erneut außerhalb der zivilisierten Welt. So wie es etwa bei der Abstimmung in der Organisation der Vereinten Nationen über die ukrainische Resolution anlässlich des vierten Jahrestags des russischen Angriffs auf die Ukraine geschah, als die Amerikaner sich der Stimme enthielten – gemeinsam nur mit einem westlichen Land, Viktor Orbáns Ungarn –, während alle anderen Staaten, die dagegen stimmten oder sich enthielten, keine Verbündeten der Vereinigten Staaten, keine westlichen Länder und keine Demokratien des Nahen Ostens wie etwa Israel sind.

Die Vereinigten Staaten befanden sich – wie es seit Trumps erneuter Rückkehr ins Oval Office mehrfach geschah – nicht als Teil des globalen Westens, sondern des globalen Südens. Sie stimmten so ab wie die Volksrepublik China, die angeblich wirtschaftlicher und politischer Gegner der Vereinigten Staaten ist. In Wahrheit erweisen sich die diplomatischen Ansätze Donald Trumps und Xi Jinpings in Bezug auf die gegenwärtigen Entwicklungen in der Welt als nahezu identisch – obwohl Donald Trump bekanntlich kein Kommunist ist.

Und vor dem Hintergrund dieser beschämenden Abstimmung – besser als im vergangenen Jahr, als sich die Amerikaner der Position der Russischen Föderation anschlossen; besser schon bei China als bei Russland – erscheint nun auch noch die Meldung über diese Demarche des US-Außenministeriums.

Jeder kann moralisch und politisch bewerten, was mit der Haltung der US-Administration geschieht und insbesondere mit ihrer Fähigkeit, Frieden im russisch-ukrainischen Krieg zu erreichen. Die Fähigkeit der Trump-Administration, in einer solchen Situation Einfluss auf die Position des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu nehmen, ist gleich null. Und man möchte nicht, dass sich vor unseren Augen auch der amerikanische Präsident selbst in eine Null verwandelt und mit Null multipliziert wird.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп образився за Новоросійськ | Віталій Портников. 25.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 25.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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