Was ist der Grund für unseren Kampf und Widerstand? LB.ua. Kirilo Danilchenko. 21.02.2026.


Ukrainische Soldaten an der Front. Facebook-Seite des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte.

https://lb.ua/society/2026/02/21/723303_chomu_mi_voyuiemo_chinimo_opir.html?fbclid=IwZnRzaAQGYbtleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEemROQkxAcieOWaB4eChdzXSC6tN7ZSuF5LoIvi0n3jHZo31VqIMMsQxou6rE_aem_OfBU3SbCNeUdpbNecZTidA

Es kam kürzlich ein Mann in einem Facebook-Kommentar zu mir und sagte: „Ich verstehe nicht, warum ihr das macht? Warum leistet ihr so erbitterten Widerstand? Ist das irgendeine instinktive Geschichte – zu versuchen zu überleben und nicht in einen Keller in der ‚DNR‘ zu geraten?“

Der Mann hat einfach im Schulunterricht gefehlt, wo erklärt wurde, dass Menschen keine Instinkte haben, sondern nur Reflexe. Gleichzeitig sitzt er selbst „instinktiv“ in den USA. So eine Geschichte. Da es aber vielen unklar ist, sprechen wir es einmal aus.

Es gibt keinerlei Interessen Europas in der Ukraine oder in Russland, für die wir hier kämpfen. Das ist Unsinn, Verschwörungstheorie. Die Interessen Europas in Russland sind: Deutschland, das in Mulino (RF) beim Aufbau eines Ausbildungszentrums für Militärangehörige half, wo 100.000 Personen pro Jahr ausgebildet werden; der Verkauf von Perücken, Kutschen und Schmuck an Geliebte gegen Öl, Getreide und Hanf. In welchem Jahrhundert das auch immer geschieht. Weckt mich in 100 Jahren, und ich sage: Russland liefert Rohstoffe nach Europa und kauft Luxus und Technologien. Europa wollte, dass in Mailand die Geliebten von Funktionären von „Einiges Russland“ herumhüpfen und dass russische Neureiche in London ganze Stadtviertel aufkaufen. Aber dem „Opa“ war nach „Action“ und „historischen Ländereien“ zumute. Europa ist gezwungen zu reagieren.

Die derzeit völlig erwartbare Reaktion besteht darin, Ressourcen denen zu geben, die wissen, wie man den Gegner vernichtet. Einen Gegner, der Gebiete erobern will, die heute Bestandteil der Europäischen Union sind (und „historische russische Ländereien“ sind auch Finnland, die baltischen Staaten und Polen). Fallen wir, muss man an der Ostflanke nicht nur kanadische Brigaden und polnische Divisionen stationieren, sondern Infrastruktur aufbauen, Wohnungen für Militärangehörige errichten – das sind Billionen Euro. Aber das heißt nicht, dass wir für die Interessen Europas kämpfen. Wir haben unsere eigenen Interessen.

Und unser Interesse ist sehr einfach. Unser Interesse ist, nicht in ein System zu geraten, in dem man für einen „falschen“ Witz in eine Strafkolonie kommt oder auf eine Flasche gesetzt wird. Nicht in ein System, in dem Konkurrenten direkt beim Kreml vor den Augen ihrer Freundin ermordet werden und die Mörder ruhig nach Tschetschenien fliehen. Nicht in ein System, in dem politischen Konkurrenten Gift in den Körper gerieben wird und man höhnisch lacht: „Beweist es doch, zeigt es.“

Dort kann es übrigens sogar wohlhabender sein. Mit dem Mutterschaftskapital für das zweite Kind kann man eine Wohnung kaufen, so etwas gibt es bei uns nicht. Dort verdienen CNC-Arbeiter in der Rüstungsindustrie 150.000–200.000 Rubel – 1.500–2.000 Dollar. Früher oder später werden die Russen viel Geld ins besetzte Mariupol bringen, eine Verbindung mit dem Hafen aufbauen, vielleicht die Metallurgie nicht wiederherstellen, aber sich eine Schwerindustrie ausdenken, die Menschen mit Fernsehen „programmieren“ und sie durch Gesichtserkennungstechnologie und Kontrolle ihrer Aktivitäten im Internet überwachen. Jetzt, da Telegram und andere YouTubes blockiert sind, werden sie irgendein „Tscheburnet“ erschaffen, in dem sie Sternchen dafür vergeben, wie gut du Putin schmeichelst.

Und bis dahin spielen sie „Civilization VII“, siedeln das halb zerstörte Mariupol mit Leibeigenen aus depressiven Regionen an, wo der Frühling im Mai beginnt. Den Einheimischen geben sie ein Dutzend Wohnungen und versprechen günstige Hypotheken. Das Fernsehen wird ihnen sagen, wen sie lieben sollen. Und wer die Ukraine zu sehr liebt, wird in den „Keller“ verschleppt – zu brutalen Verhören und Misshandlungen.

Erkläre ich es verständlich? Deshalb leisten wir so erbitterten Widerstand. Die jahrelange Front bei Awdijiwka hat uns – neben der Schaffung „äußerster Spannung“ – die Möglichkeit gegeben, Produktion zu verlagern, einen Teil der aktiven Bevölkerung in sichere Gebiete zu bringen, ihnen Ruinen, „Wartende“-Rentner zur Last ihres Rentenfonds und mit Minen verseuchtes Gebiet zu hinterlassen. Überflutete Minen, zerstörte Überführungen und Billionen für den Wiederaufbau. Geblieben sind nur diejenigen, die keiner weiteren Propaganda mehr bedürfen. Aber Kinder, wirtschaftlich aktive Bevölkerung, Maschinen oder Produktionsstrassen – das ist nicht geblieben, geblieben sind nur Ruinen.

Außerdem haben wir Erfahrung gewonnen, und Europa hat gesehen, dass russische

 Luft- und Weltraumstreitkräfte nur ein schöner Name sind: Sie werfen Gusseisen aus 50 km Entfernung und sind nicht in der Lage, eine MiG-29 abzuschießen, die von unserer Seite dasselbe „Gusseisen“ abwirft. Das heißt, zumindest auf strategischer Ebene herrscht Gleichstand in der Luft, und auf See gibt es gar keine Chancen. Also muss man die Landstreitkräfte und Drohnen entwickeln.

Russland muss alles entwickeln – wenn der Kreml vorhat, nicht nur gegen die Ukraine Krieg zu führen. Es braucht eine umfassende Reform der Streitkräfte, die unmöglich ist, während man mit uns Krieg führt. Das Geld wird nicht reichen. Man muss die nukleare Abschreckung ausbauen und atomgetriebene U-Boote bauen, versuchen, die Flotte wiederherzustellen, und sich gegen Drohnen verteidigen.

Europa erfüllt seine Aufgaben, wir erfüllen unsere. Wir müssen den besetzten Donbass in einem Zustand hinterlassen, der eine schnelle militärische Nutzung unmöglich macht. Damit Russland das Gebiet nicht stabilisieren, ideologisch festigen und als Ausgangspunkt für weitere Expansion – etwa Richtung Belarus, Georgien, Kasachstan oder die baltischen Staaten – nutzen kann. Und natürlich bis an die Linie des Dnipro vorzurücken. Das brauchen wir nicht. Deshalb ist ein Verlassen von Gebieten für uns ausgeschlossen. Sobald wir ein Gebiet aus irgendeinem Grund verlassen, werden die Russen hineingehen: zuerst mit Polizeieinheiten und Fernsehen, und dann wird es sein wie mit der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands. Und die Welt wird sagen: „Wollt ihr etwa einen Atomkrieg? Sie versprechen, nicht weiterzugehen, man muss ihnen glauben.“

Deshalb ist alles einfach. Vielleicht sind es für manche Instinkte oder sie haben keine Erklärung, aber ich habe eine. Ich will nicht in eine Diktatur. Ich will nicht raten, welcher meiner Posts oder welches Wort mich in Foltergefängnis bringt. Ich will kein Gift einer tropischen Kröte in der Unterwäsche, wenn ich Korruption untersuche. Ich will nicht im „Keller“ landen, während angepasste Mitläufer Hypotheken und staatliche Prämien kassieren und sich jahrzehntelang mit demselben, künstlich verjüngten Herrscherporträt zufriedengeben.

Wenn man uns zwingen kann, den Festungsgürtel zu verlassen, kann man uns auch zwingen, Saporischschja zu verlassen. Dann ließe sich etwa bei Belgorod und Kursk eine „Pufferzone“ einrichten und behaupten:  „Ihr wollt doch nicht, dass die Ukrainer wieder, vor Wut rasend, unsere Infrastruktur angreifen? Warum tun sie das nur, wir haben doch nur bei Frost ihre Heizkraftwerke zerstört, und sie sind so unmenschlich.“ Das ist ein Weg ins Nichts.

Wir handeln wie ein Immunsystem: Was eindringt, wird nicht willkommen geheißen, sondern mit Abwehrreaktionen beantwortet, mit Fiber und Abwehrstoffen. Wir bilden im freien Gebiet Leukozyten und Phagozyten aus und schicken sie über die Frontlinie. Und dort explodieren aus irgendeinem Grund Gauleiter und Raketen werden dorthin gelenkt, wo es nötig ist. Vielleicht werden sie in Europa hergestellt, ebenso wie viele Millionen Granaten und Millionen Drohnen. Ihr habt doch selbst davon gesprochen, es „wie die Großväter“ zu machen? Ihr wolltet doch europäische Territorien und wieder die Stiefel im Finnischen Meerbusen waschen?

So ist es eben: Toleranz darf man nicht mit einem Zustand verwechseln, in dem ein Organismus nicht mehr reagieren oder sich wehren kann. Ja, wir führen einen schweren Krieg. Ja, es ist schwer für uns. Ja, wir haben Hunderttausende Verwundete und Versehrte. Aber wir haben keine Wahl – es ist, als dringe ein Virus in uns ein, das unsere eigenen Kräfte gegen uns wenden will, indem es eine alternative Geschichte verbreitet und dafür einen „ewigen Zaren“ als Preis für vermeintliche Stabilität anbietet.

Unsere Hoffnung ist, ihnen finanziell die Grundlage zu entziehen, damit sie keine Massenrekrutierung mehr finanzieren können. Sie dagegen setzen darauf, dass uns Infanterie fehlt und Soldaten abspringen. Der Kern des Ganzen ist: Ein alter Machthaber wollte als „Wiedervereiner verlorener Gebiete“ in die Geschichte eingehen. Und es gab im Land keine politische Kraft mehr, die ihn hätte aufhalten können – das politische System war zuvor weitgehend ausgeschaltet worden.

Keine Freimaurer, Reptiloiden oder raffinierten EU-Pläne verlängern den Krieg. Wir verlassen kein Territorium, weil das den nächsten Krieg für uns schwerer und für sie leichter machen würde. Wer nicht glaubt, dass es erneut zu einem Krieg kommen kann, sollte sich ansehen, wie lange die Teilungen der polnisch-litauischen Adelsrepublik vorbereitet wurden – trotz unterzeichneter „ewiger“ Friedensverträge: rund 150 Jahre.

Der physische Tod der Patruschews und Putins oder ein wirtschaftlicher Zusammenbruch auf das Niveau der Neunziger – das ist heute das reale Ende des Krieges. Ihr könnt das akzeptieren oder bestreiten, aber so stehen die Dinge im Jahr 2026. Euch fällt es leichter – ich habe alles 2014 akzeptiert und lebe seit vielen Jahren damit.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Чому ми воюємо і чинимо опір? LB.ua.
Кирило Данильченко. 21.02.2026.

Autor: Kirilo Danilchenko
Veröffentlichung / Entstehung: 21.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Kommentar verfassen