
Vor dem Hintergrund der fortgesetzten Verhandlungen, die angeblich zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges führen sollen, erwähnte der russische Präsident auf einer Pressekonferenz in Neu-Delhi die Unvermeidlichkeit der „Befreiung“ des Donbass und „Noworossijas“ durch seine Truppen.
Auf den ersten Blick mag diese Erklärung überraschen. Denn bis vor Kurzem sprach Putin ausschließlich von der Notwendigkeit des Abzugs der ukrainischen Truppen aus dem von Kyiv kontrollierten Gebiet der Region Donezk und bezeichnete dies sogar als Hauptbedingung für die Beendigung des Krieges. Genau darüber sprechen die amerikanischen Gesandten mit dem russischen Präsidenten, mehr noch – sogar Donald Trump selbst hat wiederholt die Idee eines Abzugs der ukrainischen Truppen aus dem Donbass unterstützt und betont, dass die Russen dieses Gebiet „sowieso erobern werden“. Und nun taucht plötzlich im Wortschatz Putins das scheinbar schon vergessene „Noworossija“ wieder auf – der Appetit, wie man weiß, kommt beim Essen!
Warum also begann Putin gerade jetzt wieder von „Noworossija“ zu sprechen? Erstens betrachtet der russische Präsident jegliche Verhandlungen mit ihm als ein Zeichen von Schwäche. Und umso mehr empfindet er die Suche nach einem Kompromiss als Schwäche. Wenn die Amerikaner tatsächlich bereit sind, Druck auf die Ukrainer auszuüben und von ihnen den Abzug der Truppen aus dem Donbass zu verlangen, warum sollte man dann nicht auch andere ukrainische Gebiete in die Liste seiner Neujahrswünsche aufnehmen?
Zweitens wirkt der Begriff „Noworossija“ in politischer Hinsicht ausreichend verschwommen und eröffnet dem russischen Präsidenten enorme Möglichkeiten für neue Forderungen. Man kann selbstverständlich die besetzten und annektierten Gebiete der Regionen Cherson und Saporischschja zu „Noworossija“ erklären und dann nicht nur den Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass, sondern auch aus diesen Regionen verlangen. Man kann sogar darauf verzichten, auf einem sofortigen Truppenabzug zu bestehen, und sich mit der Formulierung eines vorübergehend eingefrorenen Konflikts zufriedengeben, während man betont, dass Russland diese Territorien früher oder später ohnehin zurückholen werde – möge das Damoklesschwert des Krieges weiterhin über den Köpfen der Ukrainer hängen, selbst in jener beinahe fantastischen Situation, in der es gelingen sollte, einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front zu erreichen.
Doch bei entsprechendem Wunsch lässt sich das Gebiet „Noworossijas“ auch erweitern, denn Putin hatte nicht zufällig bereits in seiner Rede zur Annexion der Krim die „Geschenke der Bolschewiki“ an die Ukraine hervorgehoben. Auch in seiner Ansprache an die Russen in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 2022 sprach der russische Präsident von der Notwendigkeit der Selbstbestimmung der „Völker der Ukraine“. Welche Völker sollen das sein? Etwa ein „Volk des Donbass“! Solche „Völker“ lassen sich schließlich in jeder von Russland besetzten ukrainischen Region erfinden – genau mit dem Ziel, sie für einen „unabhängigen Staat“ zu erklären und anschließend zu annektieren. Genau dies war auch Putins Blitzkriegsplan: die legitime ukrainische Macht in Kyiv zu beseitigen und seine Marionetten Viktor Janukowytsch und Viktor Medwedtschuk zu zwingen, eine Reihe von „Referenden“ in bestimmten Regionen durchzuführen – eben in jenem „Noworossija“. In jenem „Noworossija“, von dem in Russland bereits im August 1991 die Rede war. Denn schon Putins politischer Lehrmeister Anatolij Sobtschak sprach von den „Geschenken der Bolschewiki“, und der Kreml gab sowohl unter Jelzin als auch unter Putin Millionen Rubel für die Unterstützung prorussischer Kräfte und Stimmungen im Osten und Süden der Ukraine aus. Die Möglichkeit einer Annexion wurde niemals vergessen – man hoffte nur, dass sie leicht und schnell verlaufen würde.
Den großangelegten Annexionsplan von 2014 musste Putin, wie bekannt, aufschieben. Auch sein Blitzkrieg von 2022 scheiterte, doch das bedeutet keineswegs, dass Putin seinen Plan aufgegeben hätte. Er hat ihn lediglich aufgeschoben und entschieden, dass das Instrument zur Annexion ukrainischer Gebiete nicht mehr der Blitzkrieg, sondern ein jahrelanger Abnutzungskrieg sein werde. Und an „Noworossija“ erinnerte er jetzt, weil er entschieden hat, dass die Amerikaner „wanken“ und man von ihnen nun alles verlangen könne.
Und wie steht es dann um den Friedensprozess, von dessen Wiederbelebung in den letzten Wochen so viel die Rede ist? Gar nicht. Putins jüngste Erklärungen zeigen gerade, dass für ihn ein echter Friedensprozess in der Realität überhaupt nicht existiert und dass er die Besuche amerikanischer Gesandter ausschließlich dazu benutzt, Zeit zu gewinnen, den Krieg fortzusetzen und seine territorialen sowie politischen Forderungen weiter zu verschärfen.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Чому Путін згадав про «Новоросію» Віталій Портников. 09.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.