Der stellvertretende Leiter des russischen Außenministeriums, Sergej Rjabkow, betonte, dass die Lieferung von Langstrecken-Tomahawk-Raketen durch die Vereinigten Staaten an die Ukraine zu schweren Konsequenzen führen könnte.
Der stellvertretende Außenminister der Russischen Föderation machte diese Aussage einen Tag nachdem US-Präsident Donald Trump angedeutet hatte, dass er zu einer positiven Entscheidung über die Möglichkeit, Tomahawk-Raketen an die Ukraine zu liefern, tendiere und nur noch klären wolle, wie Kyiv diese Raketen einsetzen werde.
Damit soll Rjabkows Erklärung nun offenbar die Amerikaner einschüchtern. Und der stellvertretende Außenminister greift dabei genau zu jenem propagandistischen Mittel, das zuvor bereits der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitrij Peskow, verwendete.
Sowohl Rjabkow als auch Peskow behaupten, der Einsatz von Tomahawk-Raketen sei ohne Beteiligung amerikanischen Personals nicht möglich. Auf diese Weise macht der Kreml dem Weißen Haus deutlich, dass Moskau im Falle einer Lieferung von Tomahawks an die Ukraine und eines Abschusses dieser Raketen auf russisches Territorium davon ausgehen werde, amerikanische Militärangehörige seien an den Starts beteiligt gewesen und die Ziele mithilfe amerikanischer Aufklärungsinformationen vorgegeben worden.
Das bedeutet, dass Russland einen Abschuss von Tomahawk-Raketen gegen Ziele auf dem Territorium der Russischen Föderation als einen direkten Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Russland einstufen würde. Und genau dies, so die russische Führung, müsse das Hauptargument sein, das den Präsidenten der Vereinigten Staaten davon abbringt, den Streitkräften der Ukraine Langstreckenraketen zu liefern.
Wir verstehen sehr wohl, dass es hier keineswegs um die tatsächliche, direkte Beteiligung amerikanischer Militärs an Starts oder an der Bedienung dieser Langstreckenwaffen geht, sondern darum, dass man in Moskau argumentieren wird, amerikanische Soldaten seien Teil dieses Prozesses — und Russland sich folglich zu Gegenmaßnahmen berechtigt sehen könnte, allerdings dann nicht gegen die Ukraine, sondern etwa gegen amerikanische Militäranlagen in Europa oder sogar auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten selbst.
Natürlich bleibt die Möglichkeit eines solchen Gegenschlags derzeit rein theoretisch, doch in Russland hofft man, dass Präsident Trump und seine Regierungsmitglieder vor einer derartigen Entwicklung zurückschrecken und daher auf die Lieferung von Tomahawk-Raketen an die ukrainischen Streitkräfte verzichten werden.
Der propagandistische Wirbel, den Moskau um die Tomahawks veranstaltet hat, zeigt jedoch, dass Präsident Putin tatsächlich Angst davor hat, diese Raketen an die Ukraine gelangen zu sehen. Und es geht dabei keineswegs nur um die Raketen selbst. Der stellvertretende Außenminister Sergej Rjabkow erklärte außerdem, aus Sicht der Moskauer Führung sei das sogenannte positive Potenzial des Treffens in Alaska bereits erschöpft.
Welches positive Potenzial denn? Das Treffen in Alaska endete offenkundig in einem Fiasko. Den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation gelang praktisch nichts: weder eine Feuerpause an der russisch-ukrainischen Front, noch die Fortsetzung von Verhandlungen über ein Ende des Krieges zwischen Russland und der Ukraine, noch ein trilateralen Treffen der Präsidenten Donald Trump, Wladimir Putin und Volodymyr Zelensky, noch ein bilateralen Treffen zwischen den Präsidenten Russlands und der Ukraine, noch eine Reduzierung der Nuklearwaffen, noch die Wiederherstellung normaler Arbeitsverhältnisse der Botschaften der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation in Washington beziehungsweise Moskau.
Für Putin aber bestand ein positiver Ausgang des Treffens mit Trump darin, dass nach diesen Verhandlungen der Status quo erhalten blieb — und genau das war das Hauptziel des russischen Präsidenten während der Amtszeit Donald Trumps im Oval Office. Das heißt: Es wurden keine neuen Sanktionen gegen die Russische Föderation verhängt, was Moskau die Hoffnung erlaubt, den Krieg gegen die Ukraine mit energetischer Sponsorship aus China und Indien fortzuführen.
Es wurde keine Entscheidung über neue ernsthafte militärische Unterstützung der Ukraine getroffen, was Putin wiederum die Planung neuer massiver Luftangriffe auf das Territorium des Feindes ermöglicht und die Hoffnung nährt, seine Armee werde weitere ukrainische Gebiete einnehmen.
Nun aber, da im Weißen Haus die Lieferung neuer Langstreckenraketen an die Ukraine diskutiert wird — Raketen, die strategische Objekte auch innerhalb der Russischen Föderation zerstören können —, könnte der Status quo verletzt werden. Heute Tomahawks, morgen neue Pakete militärischer Hilfe für die ukrainischen Streitkräfte. Übermorgen weitere harte Sanktionen nicht nur gegen die Russische Föderation, sondern auch gegen ihre energiewirtschaftlichen Sponsoren und eine aktivere westliche Unterstützung der Ukraine im russisch-ukrainischen Krieg.
Das heißt in der Sprache der Kreml-Bürokraten: Das positive Potenzial des Treffens der amerikanischen und russischen Präsidenten in Anchorage sei erschöpft, denn für Putin bedeutete „positiv“ bisher das Ausbleiben einer westlichen Reaktion auf seine aggressiven Absichten, seinen Krieg und seine offene Unverschämtheit. Und wenn jemand beginnt, tatsächlich auf Putins Handeln zu reagieren, dann ist dieses positive Potenzial am Schwinden — und Moskau müsse neue Maßnahmen ergreifen, um den Status quo wiederherzustellen.
Das heißt also: Moskauerseits wird man nun zu Drohungen gegenüber Donald Trump und seiner Administration greifen und zu erklären versuchen, dass man zu einem breiteren, ernsthafteren Konflikt mit den Vereinigten Staaten bereit sei — bis hin zu einem direkten Zusammenstoß. Und ein direkter Zusammenstoß zwischen zwei nuklearen Supermächten der Gegenwart übersetzt sich von der bürokratischen Sprache ins Realistische als ein dritter Weltkrieg.
Putin hofft fest, mit dieser Furcht handeln zu können und Donald Trump davon zu überzeugen, den Status quo weiterhin zu bewahren, damit der amerikanische Präsident die Lage nicht in einen derartigen Krieg hineinführt.
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