Schrecklicher Angriff auf Lwiw | Vitaly Portnikov. 05.10.2025.

Lwiw ist zum Epizentrum eines weiteren massiven russischen Angriffs auf die Ukraine geworden. Natürlich wurden auch andere Regionen unseres Landes getroffen – in Saporischschja, im Gebiet Tscherkassy, in Winnyzja und in Iwano-Frankiwsk. Doch auf Lwiw und die Region Lwiw schien diesmal alles niederzugehen, was derzeit im Arsenal der russischen Streitkräfte vorhanden ist: „Kinschal“-Hyperschallraketen, Marschflugkörper, „Shahed“-Drohnen.

Über mehrere Stunden hinweg waren in Lwiw und seinen Vororten ständige Explosionen zu hören. Und die Folgen dieses Angriffs erschüttern nun die Bewohner der Stadt und ihre Gäste: Raketentrümmer liegen buchstäblich auf den Straßen, zahlreiche Brände an Objekten, die von Raketen oder Drohnen getroffen wurden. Und es handelt sich dabei ausschließlich um zivile Ziele, die keinerlei Bezug zum militärisch-industriellen Komplex haben – sie wurden gezielt beschossen, um die ukrainische Bevölkerung einzuschüchtern und die ukrainische Wirtschaft zu zerstören.

Es gibt Tote – das Schlimmste, was bei solchen Angriffen passieren kann. In Lapaiwka, einem Vorort von Lwiw, kam eine ganze Familie ums Leben. Auch aus der Region Saporischschja wird von Opfern berichtet. Wir erleben damit eine neue Dimension des Luftterrors: Es wird ein einzelner Ort ausgewählt, auf den sich die ganze Zerstörungswut der Angreifer konzentriert, während andere Regionen ebenfalls attackiert werden – um den Eindruck einer flächendeckenden Offensive zu erzeugen und deutlich zu machen, dass es keine sicheren Städte und keine sicheren Orte mehr in der Ukraine gibt.

Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass Lwiw solch verheerende Schläge von den Besatzern erleidet. Ich erinnere mich an viele solcher Angriffe, aber ich kann mich nicht entsinnen, ob es je eine derart massive Attacke gegeben hat, bei der praktisch die ganze Stadt über viele Stunden hinweg in Schutzräumen ausharren musste – begleitet vom Donnern der Explosionen.

Warum die Russen gerade jetzt so massiv auf Lwiw zielen, scheint mir völlig offensichtlich: Es geht nicht darum, Schwachstellen in der militärischen Infrastruktur der Ukraine zu suchen. Es geht nicht einmal primär darum, die Energieversorgung zu zerstören, obwohl wir auch in dieser Nacht offensichtliche Versuche in der Region Iwano-Frankiwsk gesehen haben. Es geht vor allem darum zu zeigen, dass es nirgendwo sichere Orte gibt – weder in der Ukraine noch in Europa.

Denn jedes Mal, wenn es massive Angriffe auf Lwiw gibt, sind sie auch Signale an die Nachbarn der Ukraine – besonders nach dem jüngsten Fall, als Aufklärungsdrohnen in den polnischen Luftraum eindrangen.

Ich möchte daran erinnern, dass dies während einer früheren massiven Attacke auf Lwiw geschah – wenn auch nicht ganz so groß angelegt wie jetzt. Mit Angriffen auf Lwiw und andere westukrainische Städte wollen die Russen den Nachbarn der Ukraine signalisieren: „Wir sind ganz nah. Und wir sind bereit, euch anzugreifen.“

Was noch vor Kurzem wie politische Fantasie klang, wird nun Realität. Denn parallel zu den Meldungen über russische Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Regionen erfahren wir nun auch von der Anwesenheit dieser Drohnen im Luftraum von NATO- und EU-Staaten.

All das zeigt: Wir haben es mit einer bewusst geplanten, groß angelegten Einschüchterungskampagne zu tun. Ziel ist es, die Ukrainer glauben zu lassen, dass es nirgendwo im Land mehr einen sicheren Ort gibt.

Oft wird behauptet, die westlichen Regionen seien relativ sicherer als der Süden oder Osten der Ukraine – Regionen, die bekanntlich nicht nur mit ballistischen Raketen oder Drohnen, sondern auch mit sogenannten „KABs“ (lenkbaren Bomben) mit barbarischer, brutaler Grausamkeit angegriffen werden. Doch wie wir sehen, kann auch der Westen der Ukraine unter massiven Beschuss geraten.

Mit der Weiterentwicklung der Drohnentechnologie können Dutzende oder gar Hunderte Drohnen die westlichen Grenzen der Ukraine erreichen und sogar überfliegen – mit dem Ziel, auch Europa einzuschüchtern.

Dies ist außerdem ein deutliches Signal, dass Russland nicht bereit ist, auf irgendwelche Vorschläge für einen Waffenstillstand einzugehen – und dass das Ziel Russlands, wie schon zu Beginn dieses großen Krieges, die Kapitulation der Ukraine bleibt. Jeder dieser Angriffe soll aus Putins Sicht die Ukrainer dazu bringen, über Kapitulation nachzudenken, über ein Ende des Krieges zu russischen Bedingungen.

Dass bei solchen Angriffen Städte zerstört werden, dass dabei Zivilisten sterben, dass diese Angriffe nichts mit Krieg im klassischen Sinne zu tun haben, sondern reiner Terror gegen die Zivilbevölkerung sind – all das ist Putin nicht etwa egal: Es ist sein Hauptziel.

Denn in einer Situation, in der seine Armee auf ukrainischem Boden nicht so weit vorrücken kann, wie es der Kremlherrscher gerne hätte, will er, dass der Luftterror die Arbeit anstelle der Streitkräfte erledigt – dass er eine gesellschaftliche Zermürbung im gegnerischen Land herbeiführt. Und wenn eine solche Zermürbung nicht eintritt, wie wir sehen, wächst nur der Wille zur Intensivierung des Terrors.

Dem kann man natürlich nur durch gemeinsame Anstrengungen begegnen: durch die Schaffung einer gemeinsamen Sicherheitszone auf ukrainischem Territorium unter Einbeziehung der Streitkräfte von NATO-Mitgliedstaaten – wenn sie auch ihre eigene Sicherheit gewährleisten wollen. Ebenso durch eine Erhöhung der Lieferungen von Luftverteidigungssystemen, die alle ukrainischen Regionen schützen können, sowie durch die weitere Suche nach Wegen, sich gegen Drohnen- und Raketenterror zu verteidigen.

Denn wenn der Feind seine Angriffswaffen weiterentwickelt, müssen wir auch unsere Verteidigungswaffen weiterentwickeln.

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