
Jeden Abend verwandelt sich Kyiv in eine andere Stadt. Nach dem ersten Luftalarm begeben sich Hunderte von Menschen zu den U-Bahn-Stationen. Einige bringen ihre Kinder ins Bett, andere beruhigen ihren Hund, der sich unter den Sitzen versteckt. Manche lesen ein Buch, wie in den alten Zeiten der U-Bahn, andere schauen sich einen Film auf ihrem Laptop an. Wieder andere verfolgen die Nachrichten auf den Monitoring-Kanälen und lesen über die Explosionen über ihren Köpfen. Manche rufen ihre Angehörigen an, die nicht in der Nähe sind, und fragen: „Wie geht es euch? Ist es laut?“
Es ist eine eigene Stadt – eine nächtliche, alternative Stadt mit ihrem eigenen Rhythmus. Lange Alarmphasen, ausgelöst durch Drohnenangriffe, haben den Alltag in den Schutzräumen verändert. In den ersten Monaten des Krieges war der Aufenthalt in der U-Bahn oder einem anderen Schutzraum nur von kurzer Dauer – eine Unterbrechung des Nachtschlafes. Jetzt entsteht vor unseren Augen in der U-Bahn ein anderes Leben. Die Menschen wollen nicht nur überleben, sondern leben. Da ist ein junger Mann, der aus der U-Bahn in das Nachtcafé in der Lobby meiner Station gekommen ist und Kaffee und Kuchen für die Gesellschaft mitgebracht hat. Da hat sich jemand auf den Stühlen in der Passage niedergelassen, um die Kühle der Sommernacht zu genießen, und wird erst nach der Raketenalarm in die U-Bahn steigen.
In ein paar Stunden werden all diese Menschen – müde, verschlafen, aber lebendig – in ihre Wohnungen zurückkehren. Einige werden zur Arbeit gehen, andere werden sich um ihre Familien kümmern. Und Kyiv wird, wie andere ukrainische Städte auch, wieder zu einer Stadt des Tages werden, in der nur noch Brände und Trümmer an die nächtlichen Angriffe erinnern. Aber das Leben wird weitergehen. Die Menschen werden zur U-Bahn eilen, nicht mehr um sich zu verstecken, sondern um zur Arbeit, nach Hause, zu Freunden oder ins Theater zu gelangen. Bis zum Abend. Wenn die Bahnsteige, Rolltreppen und Stühle wieder gebraucht werden.
Es hat etwas Symbolisches, dass ein Buch über die U-Bahn als Ort der Apokalypse gerade in der neuen russischen Literatur erschienen ist. Dmitri Gluchowski, Autor einer Reihe von Science-Fiction-Romanen, von denen der bekannteste „Metro 2035“ ist, wurde nach Beginn des umfassenden Krieges in Russland in Abwesenheit zu acht Jahren Haft verurteilt – wegen „Diskreditierung der Armee“ und Verurteilung des Angriffs auf die Ukraine und der Verbrechen des russischen Militärs. Dass der Autor, der das Leben in der U-Bahn als Realität des Überlebens prophezeite, in Russland zum „Staatsfeind“ erklärt wurde, ist ein ebenso aussagekräftiges Symbol wie seine Bücher.
Als Gluhovsky über die U-Bahn schrieb, schienen seine Romane noch Science-Fiction zu sein. Jetzt, zehn Jahre nach „Metro 2035“, sehen wir, wie sich Fantasie und Alltag vermischen. Ja, die U-Bahn ist noch nicht zu unserem ständigen Wohnort geworden – wir können immer noch nach draußen gehen. Aber die wichtigste Frage ist: Was wird vorübergehend sein – der Aufenthalt im Bunker oder das Leben an der Oberfläche?
Wie jeder große Krieg beschleunigt auch der Krieg Russlands gegen die Ukraine den Fortschritt des Todes. Neben Meldungen über die Modifizierung von Schahids tauchen Nachrichten über neue chemische Waffen auf, die Russland, frei von jeglichen moralischen Hemmungen, einzusetzen bereit ist. Wenn man die Möglichkeiten von Drohnen, chemischen Waffen und Raketengeschwindigkeit kombiniert, wird klar, dass die Zukunft der Menschheit unter der Erde sicherer sein könnte als das Leben an der Oberfläche. Und dann wird die Welt von Glukhovsky nicht mehr Fantasie sein, sondern Alltag. Und wir werden über die Vorhersagen aus „Metro 2035“ staunen, so wie wir heute über die Vorhersagen von Jules Verne staunen.
Wie kann man den U-Bahn-Tunneln entkommen? Die Antwort ist einfach: Je schneller dieser Krieg beendet wird und je besser es gelingt, seine Ausbreitung auf die ganze Welt zu verhindern, desto größer sind die Chancen der Menschheit, an der Oberfläche zu bleiben. Für westliche Staats- und Regierungschefs ist ein Atomschlag die größte Angst, deshalb gehen sie einer Konfrontation mit Putin sorgfältig aus dem Weg. Aber während der Westen um Russland rumtanzt, tauchen neue Waffen auf und neue Bedrohungen werden größer – vielleicht genauso gefährlich wie eine Atomexplosion.
Und vielleicht kommt der Tag, an dem die Bewohner der U-Bahn in Kyiv zusammen mit den Bewohnern der U-Bahn in Madrid oder Washington ohne jeden Atomschlag froh sein werden, dass sie gerade in einer unterirdischen Station Zuflucht gefunden haben. Denn das Rezept für die Apokalypse kann mit ganz anderer Tinte geschrieben werden.