
Kommentatoren, die die Möglichkeit eines enttäuschenden Ausgangs des russisch-ukrainischen Krieges diskutieren, sind in erster Linie besorgt, dass Putin „weiterziehen“ wird – als hätten sie noch nie eine Landkarte gesehen.
Als ob sie nicht wüssten, dass man die Ukraine nicht besetzen muss, um „weiterzuziehen“ – nach Polen oder in die baltischen Staaten -, dass die russischen Truppen nicht viel weiter von Riga entfernt sind als von Kyiv und dass der so genannte „Suwalki-Korridor“ zwischen Belarus und Kaliningrad nach den gemeinsamen Reisen der Präsidenten Litauens und Polens öffentlich bekannt geworden ist.
Rumänien und Bulgarien, wo die Stellungen der prorussischen Kräfte nicht zufällig stärker werden, könnten auch heute noch vom Meer aus angegriffen werden, man braucht nur eine Marine!
Die einzigen Länder, denen im Falle einer Niederlage der Ukraine eine neue unmittelbare Gefahr droht, sind also Ungarn und die Slowakei, aber die Regierungen dieser Länder verhalten sich heute schon so, als ob die Russen bereits in Uschhorod wären.
Wir können immer noch nicht mit Sicherheit die Richtung von Putins weiteren Aktionen berechnen, und daher bleibt die Vorstellung, dass er im Falle einer Niederlage der Ukraine in einen direkten Konflikt mit den NATO-Ländern eintreten wird, eine Theorie, die darauf abzielt, das Bild der Ukraine als „Schutzschild Europas“ zu prägen. Die Risiken eines vollwertigen Konflikts mit dem Nuklearblock sind viel höher als die eines Krieges mit einem nicht-nuklearen Staat, der gezwungen ist, sich ausschließlich auf die Waffen und das Geld anderer zu verlassen, um sich zu verteidigen. Es ist eine Sache, den Westen mit einer weiteren Oreshnik zu erschrecken, aber es ist eine ganz andere, eine echte Rakete mit einem nuklearen oder sogar nichtnuklearen Sprengkopf auf den Westen abzufeuern. Wer im Kreml kann mit Sicherheit wissen, wie die Reaktion aus Washington oder London ausfallen wird?
Es ist also klar, dass die Ukraine kein Schutzschild ist, sondern Putins eigentliches Ziel.
Aber was genau ist das Ziel?
Brauchen die Russen einen Staat mit einer zerstörten Wirtschaft und einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung, von der die meisten nach Europa fliehen werden?
Selbst wenn Putin an der Geschichte vom Eldorado der Bodenschätze interessiert ist, die Kyiv dem Westen schmackhaft machen will, damit dieser eine Einladung in die NATO riskiert, wird er im Gegensatz zu den Amerikanern keinen wirklich großen Gewinn machen können, weil er durch Sanktionen daran gehindert wird.
Worauf stützt er sich also?
In erster Linie auf die Angst vom Russland, das seine Fähigkeit beweisen wird, ehrgeizige territoriale Ziele trotz des kollektiven Widerstands des Westens zu erreichen.
Der Tod der Ukraine wird auch der Tod des Europas sein, wie wir es kennen, einfach weil die Kräfte, die Vereinbarungen und Verständigung mit Moskau fordern, in den Vordergrund der europäischen Politik rücken werden.
Wie ich bereits sagte, ist dies in Ungarn und der Slowakei bereits geschehen, aber es gibt in fast allen Ländern Mittel- und Westeuropas pro-russische „Machtkandidaten“. Und mit dem Scheitern der Bemühungen um den Erhalt des ukrainischen Staates wird ihr Einfluss nur noch wachsen.
Und von „traditionellen“ Politikern kann man erwarten, dass sie Ideen für eine „Koexistenz“ entwickeln, denn ein Politiker in einer Demokratie hört immer auf die Stimmung der Wählerschaft.
In unserem Fall ist es die Wählerschaft, die sich vor der Macht Russlands fürchtet. Es geht jedoch weniger um die russische Macht als vielmehr um die Unentschlossenheit und das Unverständnis des Westens für das Ausmaß der Herausforderungen, die nach dem triumphalen Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen noch größer geworden sind.
Präsident Putin hat die Lehren aus der Geschichte gut gelernt. Er hat erkannt, dass sein Land nur dann Glaubwürdigkeit in der Welt genossen hat, wenn es der „Gendarm Europas“ und zu Sowjetzeiten sogar Eurasiens war. Dabei blieb seine Wirtschaft fast immer zurück und parasitierte auf den Errungenschaften anderer – trotz aller imperialen Arroganz.
Russland war jedoch immer bereit, den Feind mit den Leichen seiner eigenen Soldaten zu überschütten, was angesichts der viel höheren Wert des Lebens in den europäischen Ländern, seiner Armee, ähnlich wie dem Pferdeheer der Goldenen Horde, den Weg in den Westen ebnete.
Man kann ein solches Land eine verrückte Tankstelle nennen, so oft man will, aber wenn die Truppen einer solchen Tankstelle in der Nähe sind und man weiß, dass ihre Soldaten in unzähligen Zahl sterben, wird man Angst bekommen. Das ist genau das, was Putin braucht.
Deshalb wird sich in den kommenden Jahren des Krieges alles für uns und für ganz Europa entscheiden.
Die Niederlage der Ukraine, die Kapitulation der Ukraine, ein beschämender Kompromiss – all das wird nicht nur die Ukraine selbst nicht retten, sondern auch die Demokratie eines verängstigten Europas begraben.
Aber wenn wir realistisch denken, wer braucht heute eine solche Demokratie, außer den Europäern selbst?