
Am Vorabend seiner Ankunft in der ukrainischen Hauptstadt schloss US-Außenminister Anthony Blinken nicht aus, dass Präsident Joseph Biden das Verbot des Einsatzes von US-Raketen für tiefe Einschläge in das russische Hoheitsgebiet aufheben würde. Damit könnte eine weitere „rote Linie“ in diesem Krieg überschritten werden.
Wenn man bedenkt, dass die Vereinigten Staaten und andere westliche Länder vom ersten Tag der Ukraine-Krise an alles getan haben, um eine Eskalation des Konflikts zu verhindern, und Russland hat ihn nur noch weiter angeheizt. In den ersten Wochen des Maidan 2013/14 traf sich die stellvertretende US-Außenministerin Victoria Nuland mit Regierungsvertretern und Demonstranten, um eine politische Lösung zu finden. Gleichzeitig ermutigte Moskau Viktor Janukowitsch zur Gewaltanwendung und beschuldigte die amerikanische Besucherin, auf dem Maidan „Kekse zu verteilen“.
Als russische „kleine grüne Männchen“ auf der Krim auftauchten, warnte US-Präsident Barack Obama den russischen Staatschef Wladimir Putin davor, die Halbinsel Krim zu besetzen und zu annektieren, und kündigte Sanktionen an. Nach der Krim wollte Obama eine russische Invasion auf dem ukrainischen Festland verhindern – doch der Kreml wollte den Ball unbedingt ins Rollen bringen. Präsident Joseph Biden versuchte mehrmals, Putin davon zu überzeugen, nicht in die Ukraine einzumarschieren, und warnte ihn vor den Folgen dieser unbedachten Handlung – doch Putin ließ nicht locker, bereitete die Invasion vor und führte sie durch.
Ich kann nicht mehr zählen, wie oft Putin die roten Linien überschritten hat. Aber Washington und die europäischen Hauptstädte haben immer gehofft, dass der russische Präsident die Vergeblichkeit seiner Versuche erkennen würde, die Ukraine zu absorbieren und eine „neue Ordnung“ zu schaffen – eine Unordnung der Macht in der modernen Welt – und dass er in der Lage sein würde, ein Ende des Krieges auszuhandeln. Diese Hoffnungen haben sich seit zehn Jahren nicht erfüllt. Putin scheint nicht verstehen zu wollen, dass Stabilität besser ist als Destabilisierung. Er scheint zu glauben, dass eine weitere Destabilisierung der Lage im Krieg mit der Ukraine ihm hilft, nicht nur mit der Ukraine, sondern auch mit dem Westen fertig zu werden.
Und so haben die westlichen Führer keine andere Wahl, als ihre eigenen „roten Linien“ aufzugeben. Noch vor wenigen Monaten wäre es undenkbar gewesen, dass die ukrainische Armee in die Region Kursk vordringt und dort Fuß fasst. Aber noch undenkbarer wäre es gewesen, dass bei dieser kühnen Offensive westliche Ausrüstung eingesetzt wird. Noch unvorstellbarer wäre es gewesen, dass die westlichen Verbündeten der Ukraine die Offensive in Kursk begrüßen und den Einsatz ihrer Ausrüstung in den Kämpfen um Sudscha mit keinem Wort verurteilen würden.
Und natürlich konnten wir vor einigen Monaten nicht glauben, dass westliche Politiker die Möglichkeit diskutieren würden, der Ukraine das Recht einzuräumen, russisches Territorium anzugreifen, und zwar tief in dieses Territorium hinein, so dass es keine sicheren Orte für die russische Armee und den militärisch-industriellen Komplex geben würde. Und nun findet diese Diskussion statt und könnte ein positives Ergebnis für die Ukraine haben. Und warum?
Ich denke, weil die westlichen Staats- und Regierungschefs allmählich zu einer Erkenntnis gelangen, die viele Ukrainer aus eigener Erfahrung gewonnen haben. Putin versteht die Sprache der Logik und des politischen Pragmatismus nicht.
Er versteht nur die Sprache der Gewalt, und er glaubt an die Gewalt. Die Sprache der Gewalt, da bin ich mir sicher, ist seine Muttersprache.
Was für „roten Linien“ kann es in einem Dialog mit ihm geben?