Reflexion. lan Valietov. 30.03.2026.

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Wenn man mich fragt „Wie geht es dir?“, antworte ich gewohnheitsmäßig: alles in Ordnung!

Einerseits sage ich die Wahrheit. Ich lebe, bin gesund, entsprechend meinem Alter und meiner Krankengeschichte – was an sich schon ein großer Erfolg in unserer Zeit ist.

Andererseits lüge ich schamlos. Denn in Wirklichkeit bin ich nicht in Ordnung. Im fünften Jahr des umfassenden Krieges ist es unmöglich, in Ordnung zu sein. Für niemanden. Weder für Menschen noch für Katzen und Hunde, nicht einmal für Papageien und Fische.

Wir sind nicht in Ordnung.

Die Norm gibt es nicht mehr.

Die Norm ist jetzt eine andere.

Das Land ist jetzt ein anderes.

Wir sind jetzt andere.

Und leider ist das bereits ein vollendeter und unumkehrbarer Prozess.

Wir haben unsere Einstellung zum Leben verändert, zum Tod, zur Menschlichkeit, zur Grausamkeit, zur Familie, zur Heimat, zu familiären Bindungen, zu Verpflichtungen.

Und selbst wenn der Krieg morgen enden würde – und morgen wird er nicht enden – werden wir nicht mehr in die frühere Bahn zurückkehren. Nicht in unserem Leben. Weder diejenigen, die heute 60+ sind, noch diejenigen, die heute 15 sind.

Millionen werden physisch nicht nach Hause zurückkehren, sie werden in anderen Ländern Wurzeln schlagen.

Millionen werden mental nicht nach Hause zurückkehren, für immer an der Frontlinie verankert bleiben.

Millionen werden niemals zur Vorkriegsnormalität zurückkehren, weil man nicht zu etwas zurückkehren kann, das nicht mehr existiert.

Seit 2014 hat uns der Krieg verzerrt, und heute ist draußen ein strahlender Frühling des Jahres 2026.

Shahed-Drohnen, Raketen, schreckliche Bilder auf Smartphone-Bildschirmen – all das ist längst Routine.

Diejenigen, die 2022 zwölf waren, machen jetzt ihren Schulabschluss. Denkt darüber nach. Ich übertreibe nicht.

Wir sind nicht in Ordnung, es sei denn, man betrachtet alles, was mit uns geschehen ist, als normal.

Eine Katze, die keine Angst mehr vor einer Explosion draußen hat – und meine hat keine mehr – das ist nicht normal.

Das bedeutet, dass wir uns an das Unnormale gewöhnt haben.

An das, woran man sich nicht gewöhnen darf.

An Gefahr. An Tod. An Grausamkeit. An die Ungewissheit des Morgens. An die Lotterie – trifft es oder trifft es nicht.

Es gibt so ein Wort – Unumkehrbarkeit. Wenn man etwas zum ersten Mal tut – und es bleibt für immer bei dir. Und nichts kann mehr geändert werden.

Und selbst wenn morgen…

Dieser Krieg bleibt für immer bei uns, so wie bei unseren Großeltern der Zweite Weltkrieg.

Unser früheres Ich gibt es nicht mehr und wird es nicht mehr geben.

Und das ist schade… es hat mir gefallen.

Aber so – mir geht es gut.

Alles in Ordnung.

Ich lebe, bin gesund, wir arbeiten.

Und alles andere – das ist so. Reflexion.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: lan Valietov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.03.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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