
Nach Veröffentlichungen über die Möglichkeit eines „hybriden“ Angriffs Russlands auf Estland oder andere baltische Staaten begann man sowohl in der Ukraine als auch im Westen ernsthaft über die Möglichkeit eines Konflikts zwischen Russland und den NATO-Staaten zu diskutieren und sogar über den politischen Bankrott des Bündnisses infolge einer unzureichend entschlossenen Reaktion auf eine solche Invasion. Aber das Wichtigste ist, dass man begonnen hat zu begreifen, dass die bloße Möglichkeit eines solchen Konflikts, der ein reales Risiko für den Beginn eines Dritten Weltkriegs darstellt, mit der unangemessenen Reaktion der westlichen Länder auf die Ereignisse in der Ukraine im Jahr 2014 zusammenhängt.
Damals ging der russische Präsident zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg nicht nur zur Besetzung, sondern auch zur Annexion eines Teils des Territoriums eines anderen Staates über. Doch die führenden Länder der Welt – dieselben Unterzeichner des Budapester Memorandums – versuchten so zu tun, als sei auf der Krim nichts Außergewöhnliches geschehen. Wenn man sich erinnert, welche Sanktionen gegen Russland von der Administration von Präsident Barack Obama und von der Europäischen Union verhängt wurden, kann man leicht verstehen, warum man im Kreml nicht auf die Aufrufe aus Washington hörte, nicht auf das Festland vorzudringen, sondern stattdessen den Krieg im Donbas begann.
Erstaunlich ist, dass auch diesen Krieg praktisch niemand als Krieg und Besatzung bezeichnen wollte. Man begann von „Separatismus“ im Donbas zu sprechen und versuchte, die Präsenz russischer Truppen und Geheimdienste in der Region zu ignorieren. Und das, obwohl es vor der russischen Invasion weder auf der Krim noch im Donbas politische Kräfte oder auch nur einflussreiche gesellschaftliche Organisationen gab, die für die Unabhängigkeit dieser Regionen oder ihren Anschluss an Russland eingetreten wären. Und tatsächlich – woher hätten solche Organisationen kommen sollen, wenn bis 2014 der Präsident des Landes, der Vorsitzende der Werchowna Rada, der Premierminister und fast alle Minister… aus der Region Donezk stammten, und die Parlamentsfraktion der regierenden Partei der Regionen von einem Vertreter aus dem Gebiet Luhansk geführt wurde? Welcher Separatismus kann da überhaupt gemeint sein?
Doch dieser Mythos half sowohl dem Westen als auch den Ukrainern, in einer erfundenen Realität zu leben, in der sich der Konflikt einfach durch Verhandlungen mit erfundenen Separatisten lösen ließ. Es ging so weit, dass nicht nur westliche Diplomaten über die Suche nach einem Dialog mit Vertretern der „separatistischen“ (in Wirklichkeit aber Besatzungs-) Verwaltungen sprachen, sondern auch gewöhnliche Menschen von „Separatisten“ erzählten. Das ist die Antwort auf die berühmte russische Frage: „Was habt ihr acht Jahre lang gemacht?“ Was denn – wir haben uns selbst belogen, dass es eure Besatzung nicht gibt, und haben eure Lügen sowie eure Vorbereitung auf den großen Krieg unterstützt, in dem es dann schon nicht mehr nötig war, „Separatisten“ zu spielen, sodass die Gebiete Luhansk und Donezk schlicht annektiert wurden – wie die Krim!
Und nun stellt sich die Frage: Warum sollte Putin denselben Mechanismus nicht in der estnischen Stadt Narva anwenden können? Denn wenn sich für die westlichen Hauptstädte das Dilemma ergibt – an den „Separatismus“ der russischsprachigen Bevölkerung von Narva zu glauben oder aber gegen Russland zu kämpfen –, was wird man in Washington oder Brüssel wählen? Die Antwort kennen wir, scheint mir. Wir kennen sie aus der Reaktion auf die Ereignisse in der Ukraine.
Also halten wir das schon heute fest, damit morgen niemand sagt, man habe ihn nicht gewarnt. Es gibt keinerlei separatistische Stimmungen in der Region Ida-Virumaa, zu der die Grenzstadt Narva gehört – so wie es sie auch auf der Krim und im Donbas nicht gab. Wenn solche Stimmungen beginnen sollten aufzutreten, wird das bedeuten, dass eine schleichende russische Besatzung begonnen hat. Wenn diese schleichende Besatzung als komplizierter regionaler und nationaler Konflikt wahrgenommen wird, wenn lokale Kollaborateure – die zwangsläufig auftauchen werden, denn das ist ein unvermeidliches Attribut jeder Besatzung – als Separatisten und nicht als Kollaborateure wahrgenommen werden, dann wird das Putin nicht beruhigen, sondern nur ermutigen, und später wird ein großer Krieg bereits in Europa beginnen. Ein Krieg, dem sich die Vereinigten Staaten nicht mehr werden entziehen können, was man heute auch immer im Weißen Haus denken mag. Das ist also eine ungefähre Prognose des Dritten Weltkriegs – mit estnischem… nein, mit ukrainischem Akzent.
Und das alles deshalb, weil politische und sicherheitspolitische Schlussfolgerungen rechtzeitig gezogen werden müssen, meine Freunde.
Nun ja – und tatsächlich: Was haben wir alle acht Jahre lang gemacht?
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Що ми робили вісім років? Виталий Портников. 23.03.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.