Der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) hat mit Überprüfungen in einem Kloster der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats im Kyiver Stadtteil Holossijiw begonnen, nachdem meine Kollegen dort das Vorhandensein einer Untergrundschule entdeckt hatten, die die Werte der sogenannten „russischen Welt“ propagierte.
Viele sahen allein in der Existenz einer solchen Schule und in den Einstellungen der Eltern, die beschlossen hatten, ihre Kinder nicht einmal nach russischen, sondern sogar nach sowjetischen Lehrplänen und Narrativen zu unterrichten, eine schockierende Nachricht – ein Beweis dafür, dass sich die Gesellschaft im Krieg nicht so schnell verändert, wie wir es uns gewünscht hätten.
Doch meiner Ansicht nach ist dies eher eine gute Nachricht als eine katastrophale Sensation. Denn erinnern wir uns daran, dass noch vor zwölf Jahren, vor der Annexion der Krim und dem Beginn des nicht erklärten Krieges im Donbas, russische und sowjetische Narrative in der ukrainischen Gesellschaft vorherrschten. Es genügte, die führenden Fernsehsender einzuschalten, Radiosender zu hören oder zu lesen, was Journalisten auf von Moskau beeinflussten Internetseiten schrieben, um zu begreifen, wie viel Moskau tat, um seine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft zu propagieren.
Und übrigens endete das auch nach 2014 keineswegs. Mehr noch: Das Verschwinden der russischen Fernsehsender aus dem ukrainischen Äther führte zur Entstehung einer ganzen Reihe prorussischer Kanäle, die unter Beteiligung desselben Viktor Medwedtschuk finanziert wurden. Und wie wir uns gut erinnern, arbeiteten auf diesen Sendern führende Journalisten, die heute noch immer auf dem ukrainischen Medienmarkt tätig sind und Patriotismus spielen, ohne auch nur zu erwähnen, welche zerstörerische Rolle sie damals bei der Vernebelung des Bewusstseins der ukrainischen Gesellschaft gespielt haben.
Und dann das Bildungssystem. Das Bildungssystem blieb jahrzehntelang der ukrainischen Unabhängigkeit hindurch sowjetisch – also im Grunde prorussisch. Dass wir heute nur von einigen Dutzend Kindern und Familien sprechen, zeigt, dass der Einfluss Russlands auf die ukrainische Zivilisation abnimmt.
Doch der Wahrheit halber muss man auch sagen: Der Krieg ändert solche Einstellungen nicht unbedingt – er verschärft vielmehr die Vorstellungen der Menschen darüber, wie sie auf Gefahr reagieren sollen. Krieg erzeugt zunächst den Wunsch nach Rache für Erniedrigung und Leid, und danach beginnt die Suche nach Schuldigen. Und die russische Propaganda wird auch hier alles daransetzen, die Ukrainer dazu zu bringen, die Verantwortung jenen zuzuschieben, die das Land verteidigen, und nicht denen, die es angegriffen haben.
Diese Erfahrung kennen wir leider sehr gut aus dem Jahr 2019, als viele ukrainische Bürger glaubten, nicht Putin, sondern gerade die ukrainische Regierung habe ein Interesse an der Fortsetzung des Krieges – obwohl Putin damals wie heute keinerlei Wunsch hatte, seine Aggression gegen die Ukraine zu beenden, bis zur Zerstörung des ihm verhassten Staates.
Deshalb müssen wir in erster Linie darüber nachdenken, wie wir in Zukunft mit der Gesellschaft arbeiten. Die Fortsetzung des Krieges über viele schwere Jahre ist eine Herausforderung. Das Ende des Krieges – falls es den westlichen Staaten gelingt, Druck auf den russischen Präsidenten auszuüben und ihn zur Einstellung der Kampfhandlungen zu zwingen – ist eine andere.
Denn ein Waffenstillstand würde bedeuten, dass Russland zur Strategie der Provokation und Destabilisierung der Ukraine übergeht, zu politischem und wirtschaftlichem Einfluss, unter Einbeziehung jener westlichen Geschäftsleute und Politiker, die daran interessiert sein werden, gemeinsam mit Russland Geld zu verdienen und die Ukraine eher als Instrument zur eigenen Bereicherung in neuen Geschäften mit dem Kreml zu nutzen. All das sind reale Gefahren.
Die Ausbildung einiger Dutzend Kinder in einem Kloster der russischen Kirche ist gerade ein Zeichen dafür, wie sich die gesellschaftlichen Stimmungen verändern. Wir dürfen nicht vergessen, dass dies ein Kloster einer Kirche ist, die jahrhundertelang von Moskau zur Russifizierung der Ukrainer benutzt wurde, um ihnen einzureden, dass Großrussen, Kleinrussen und Belarussen ein einziges russisches Volk seien. Und man muss daran erinnern, dass gerade in der Russisch-Orthodoxen Kirche diese Idee selbst dann nicht aufgegeben wurde, als die sowjetischen Bolschewiki – erschrocken über das Ausmaß der nationalen Befreiungsbewegung in der Ukraine – der Schaffung einer staatlichen Fassade in Form der Ukrainischen SSR zustimmten.
Daher muss man immer daran denken, dass der Erhalt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats als mit dem Kreml verbundene Institution auch eine zivilisatorische Gefahr für die Zukunft darstellt. Es wird notwendig sein, alles zu tun, damit diese religiöse Organisation sich endlich nicht nur deklarativ, sondern real von der Moskauer Patriarchie, von der „russischen Welt“ und letztlich von der russischen politischen Führung lossagt, die die Ideologie und das Handeln der Russisch-Orthodoxen Kirche im Grunde schon seit den Zeiten von Peter dem Großen bestimmt. Man muss sich vor diesen Herausforderungen nicht fürchten.
Der Sicherheitsdienst der Ukraine wird die Identität jener Bürger nicht verändern, denen die ukrainische Staatlichkeit gleichgültig ist. Der Sicherheitsdienst wird auch nicht die Identität jener ändern, die möchten, dass die Ukraine Teil der „russischen Welt“ wird. Nur eine durchdachte staatliche Bildungs- und Medienpolitik kann die Ukrainer in einigen Jahrzehnten zu einer echten, nicht nur deklarierten politischen Nation machen – von Uschhorod bis Charkiw.
Doch bis dahin – und das muss jeder verstehen, der in die ukrainische Zukunft blickt – stehen uns noch viele elektorale Schocks bevor, die unüberwindbar erscheinen werden und nach denen viele glauben werden, dass man sich von der Zukunft der ukrainischen politischen Nation und Identität verabschieden müsse. Das wird nicht geschehen. Bei richtigem Vorgehen werden einige Jahre, die für das Überleben der ukrainischen Nation im Krieg entscheidend sind, gefolgt von einigen Jahrzehnten der Entwicklung, ihre Früchte tragen. Und die Zahl der Menschen, die bereit sind, Untergrundschulen der „russischen Welt“ in Holossijiw zu besuchen, wird nie wieder wachsen.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: СБУ взялася за школу Путіна | Віталій Портников. 11.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.