Das Gefühl des Schnees | Vitaly Portnikov. 11.01.2026.

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Bei jeder meiner Reisen nach Island träumte ich von wenigstens einer kurzen Fahrt nach Grönland. Grönland war buchstäblich ganz in der Nähe – wenn man natürlich in den Dimensionen des Atlantiks misst. Auf die „grüne Insel“ wurden Ausflugstouren organisiert. Einmal musste ich in Reykjavík einen ganzen Tag auf ein Flugzeug zu den Färöer-Inseln warten, das gerade diese Rundflüge zwischen Grönland, Island und den Färöern durchführte und wegen beinahe winterlichen Unwetters in Grönland nicht rechtzeitig ankam – und dabei war doch Sommer!

Doch wie es oft geschieht, kam ich am Ende doch nicht auf die Insel. Ehrlich gesagt passte mir das Format der Reise nicht. Ich wollte nicht in die Ferne fliegen, nur um ein kleines verschneites Dorf und Volkstänze zu sehen. Ich wollte „ganz“ Grönland sehen – und das konnte man meiner Meinung nach nur, wenn man die Insel umrundete. Jahrelang studierte ich Kreuzfahrtrouten rund um Grönland und versprach mir, dass ich eines Tages mindestens ein paar Wochen einer solchen faszinierenden Reise widmen würde.

Erst jetzt, da ich mich aufgrund der politischen Leidenschaften rund um Grönland fast täglich an lokale Medien wende und beginne zu begreifen, wie Leben und Gesellschaft auf dieser riesigen Insel aufgebaut sind, verstehe ich, wie sehr ich mich geirrt habe.

Ich wollte Grönland sehen, aber nicht die Grönländer. Schnee, Eisberge, Landschaften – aber nicht eine Zivilisation. Ich machte denselben Fehler, den viele meiner russischen Bekannten gegenüber der Ukraine machten: Sonnenblumen, Landschaften, die goldenen Kuppeln der Lawra und das Richelieu-Denkmal – aber nicht die ukrainische Zivilisation, die sie nicht sahen, bis heute nicht verstehen und nicht verstehen wollen. Wenn man darüber nachdenkt, „umsegelt“ ein Russe die Ukraine ebenso, ohne in ihr Leben einzutauchen. Und selbst die für einen gebildeten Menschen obligatorische Kenntnis der frühen Werke Gogols schafft kein Bewusstsein für eine andere Welt an der eigenen zivilisatorischen Grenze.

Bei mir war es mit Grönland übrigens genauso. Die Integration – oder Nicht-Integration – eines Inselbewohners in die dänische Gesellschaft ist eines der wichtigsten Motive der modernen dänischen Literatur.

Das Bild Grönlands und des grönländischen Mädchens im Roman von Peter Høeg „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ gehört überhaupt zu den eindringlichsten der neueren europäischen Literatur. Und es zeigt, wie unerwartet und komplex eine Welt sein kann, die wir scheinbar gar nicht sehen.

Die Wechselbeziehungen zwischen Kopenhagen und Nuuk und die schwierige Suche nach gegenseitigem Verständnis nach Jahrzehnten der herablassenden Haltung gegenüber den „Eingeborenen“ sind ein klassisches Thema des dänischen Kinos – sowohl im Spielfilm als auch im Dokumentarfilm. Eigentlich hätte ich mich zumindest als Leser für die grönländische Gesellschaft interessieren können – doch die Bücher rückten an den Rand meines Bewusstseins im Vergleich zum Eisberg.

Deshalb kann ich Donald Trump verstehen, bei dem das grönländische Volk im Vergleich zur strategischen Bedeutung Grönlands und zum Inhalt seiner Bodenschätze ebenfalls an den Rand des Bewusstseins rückt. Mehr noch: In den Augen des amerikanischen Präsidenten, der ein riesiges Einwandererland regiert, ist das nicht einmal ein Volk, sondern nur eine kleine Gruppe von Menschen, denen man einfach mehr Geld zahlen oder ein für Amerika „richtiges“ politisches Narrativ aufzwingen müsse.

Und hier sehe ich wieder eine Parallele zu den Ukrainern – einem Volk, das man jahrhundertelang nicht sehen wollte, das man nicht als eigenständige Nation und Zivilisation akzeptierte, dem man ein für das Imperium „richtiges“ politisches Narrativ aufzuzwingen versuchte, selbst nach der Unabhängigkeit 1918 oder 1991 – und als diese Versuche scheiterten, führte das zu wilder, unbändiger Aggression, zu Butscha und zum „Oreschnik“.

Man muss sich jedoch klar machen, dass das Scheitern des russischen politischen Ansatzes auch damit zusammenhing, dass die Ukrainer sahen, was die Russen mit jenen tun, die sich nicht wehren können. Wir haben jahrzehntelang beobachtet, wie die Völker Russlands russifiziert wurden und praktisch von der ethnographischen (und auch politischen) Landkarte verschwanden. Oder was mit der belarussischen Sprache und Kultur unter der Herrschaft der prorussischen Administration des schlecht gebildeten Lukaschenko geschehen ist. Und wer von denen, die Ukrainer bleiben wollten, hatte Zweifel daran, dass man mit der Ukraine dasselbe tun würde? Daher die Maidan-Bewegungen als Schutzmechanismus gegen die Versuche prorussischer Politiker, die Ukraine in „Kleinrussland“ zu verwandeln; daher der Widerstand im Krieg. Und daher der Wunsch Russlands, den Krieg nur unter den Bedingungen der „Denazifizierung“ zu beenden – also der Russifizierung – des vom Kreml verhassten Landes.

Die Grönländer stehen heute vor einem ähnlichen Schicksal – wenn auch glücklicherweise nicht in einer so tragischen Form. Jahrzehntelang kämpften sie um ihre eigene Subjektivität und Identität, um das Recht, in einer selbstständigen und eigenständigen Gesellschaft zu leben und nicht in einem dänischen Besitz fernab der Metropole, also an der zivilisatorischen Peripherie. Und als sie schließlich von der Peripherie zu einem Zentrum für sich selbst wurden, versucht man erneut, sie in eine Peripherie zu verwandeln – nur diesmal in eine amerikanische. Und so wie wir auf Belarus oder Jakutien blicken, schauen die Grönländer mit Angst auf Alaska – und fragen sich, ob es eine Rolle spielt, dass die indigenen Bewohner dieses Landes besser leben als sie, wenn sie sich selbst schon nicht mehr erinnern.

Natürlich kann ein Land wie die Vereinigten Staaten all diese Überlegungen einfach ignorieren und Grönland als Flugzeugträger oder als riesiges Rohstofflager betrachten. Doch wer den Schwächeren ignoriert, betritt nicht den Weg zu Wohlstand und Stärke, sondern den zu Verfall und Niedergang – einen Weg, den wir aus den Schulbüchern über das alte Rom kennen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Відчуття снігу. Віталій Портников. 11.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.01.2026
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext: Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


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