Dekolonisierung beginnt mit Namen. Vitaly Portnikov. 30.12.2025.

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Ich persönlich habe keinerlei Zweifel an der Genialität Pjotr Tschaikowskis. Ebenso wenig an der vieler anderer russischer Komponisten, deren Werke auf den besten Musikbühnen der Welt aufgeführt und an Musikakademien studiert werden.

Doch diese Theater, Konservatorien oder Philharmonien tragen nicht die Namen Tschaikowski, Rimski-Korsakow, Glinka oder Schostakowitsch. Und das ist kein Zeichen von Geringschätzung ihnen gegenüber. Es ist ein Zeichen des Respekts vor sich selbst.

Denn die Aufgabe jeder zivilisierten Gesellschaft besteht darin, ihr eigenes Publikum und ihre Studierenden an die Bedeutung der eigenen kulturellen Errungenschaften zu erinnern. Das ist so logisch, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf.

Deshalb war der Name Pjotr Tschaikowski im Titel der Nationalen Musikakademie der Ukraine kein Zeichen der Verehrung für einen großen Komponisten, sondern ein Ausdruck der kolonialen Vergangenheit der Ukraine — und zudem der Versuch, ausländische Studierende mit dem fragwürdigen Argument zu halten, dass es hier eine „Russland-Light“-Version gebe.

Aber hier gibt es kein Russland-Light. Hier ist die Ukraine. Ein Land mit eigenen Komponisten, mit eigenen großen Künstlern. Ein Land, das keine ewige Geisel von Minderwertigkeitsgefühlen und kolonialen Komplexen eines Teils seiner Bürger sein darf.

Die ukrainische Erde hat Tschaikowski ohnehin sehr viel gegeben — mehr, als er von irgendeinem Land überhaupt hätte erwarten können. Dieses Land hat ihn inspiriert und ihm jenes Gefühl von Freiheit geschenkt, das in Russland unmöglich war. Genau deshalb wurde „Schwanensee“ hier geschrieben und nicht in seiner Heimat — ein solches Gefühl des Fliegens findet man in Russland nicht, so sehr man auch danach sucht. Und die Weiten der für meine Familie heimatlichen Stadt Kamjanka gaben ihm genau dieses Gefühl. Deshalb bin ich der Meinung, dass die Ukraine für Tschaikowski so viel getan hat, wie man für einen Gast nur tun kann. Und das wird immer eine Tatsache seiner Biografie und seines Schaffens bleiben.

Eine Tatsache der Biografie der Ukraine aber werden ihre eigenen Künstler bleiben — jene Namen, die geehrt und in Erinnerung gehalten werden müssen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media
Autor : Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


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