Budschak. Unser Europa. Vitaly Portnikov. 30.12.2025.

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Odesa, das Putin nun fast täglich terrorisiert – begleitet von Gerede über eine „russische Stadt“. Unterbrochene Straßen zwischen den beiden Teilen der Oblast Odesa. Der Versuch, die Häfen zu zerstören. In den letzten Wochen des Jahres 2025 hat all das, so würde ich sagen, eine fast rasende Intensität erreicht. Und es stellt sich die Frage: Warum gerade jetzt?

Die Russen haben Bessarabien – diese logistisch komplizierte, kulturell vielfältige Grenzregion – nie als gewöhnliches Territorium betrachtet. Und nicht nur wegen ihres multinationalen Charakters oder der Nähe zum besetzten Transnistrien. Sondern vor allem, weil man hier, am südwestlichen Rand der ukrainischen Grenze, alles miteinander verbinden kann: militärische Logistik, historische Phantome und politische Diversion. Denn Russlands Krieg ist nicht nur ein Krieg der Waffen, sondern auch ein Krieg der Erinnerung, der Symbole und der Ängste.

Das erste und naheliegende Motiv ist ein logistisches. Der Kreml versteht sehr gut, dass die Ukraine auch deshalb standgehalten hat, weil sie ihre südlichen Verkehrs- und Versorgungswege aufrechterhalten konnte. Die ukrainischen Häfen, die Eisenbahn, die Fernstraßen im Südwesten – all das sind lebenswichtige Arterien. Bessarabien ist vor allem ein Verkehrsknotenpunkt, und seine Zerstörung würde tausend Probleme bei Exporten, Versorgung und militärischen Möglichkeiten verursachen. Der russische Plan muss dabei nicht zwingend auf einen groß angelegten Durchbruch hinauslaufen – dafür fehlen ohnehin die Kräfte –, doch Destabilisierung, Blockade, Angst, Verminung, Schläge gegen Verkehrswege sind bereits eine Herausforderung. Es ist dieselbe Strategie wie bei den Angriffen auf die Region Odesa: nicht erobern, sondern zerstören.

Aber nicht weniger wichtig ist die „zweite Front“, eine bedingte und psychologische: Transnistrien. Russland hat diese Enklave jahrelang wie eine Mine gehalten, deren Explosion zum passenden Zeitpunkt erfolgen kann. Im Kreml könnte man auch jetzt daran denken – zumindest als eine Art Genugtuung für das Scheitern des Plans, im Jahr 2022 bis an die Grenze zu Transnistrien vorzustoßen. Eine Eskalation rund um Transnistrien ist nicht nur eine militärische, sondern auch eine diplomatische Provokation: Man will Moldau hineinziehen und danach auch Rumänien. Ein Bild der Instabilität erzeugen, den Westen ablenken, Chișinău zu Fehlern zwingen und Bukarest nach Auswegen suchen lassen. Vergessen wir nicht, dass prorussische Kräfte in Moldau bereits versuchen, die Situation auszunutzen: Wieder erklingen „territoriale Ansprüche“ auf den Budschak, wieder tauchen Figuren aus den 1990er Jahren auf, die schon damals von einem Bündnis mit Moskau träumten. Eine typische Taktik des Kremls, die sich noch verstärkt hat, seit der vorsichtigere Dmitri Kosak als Kurator Moldaus durch den aggressiven Sergej Kirijenko ersetzt wurde.

Und Rumänien ist in dieser Situation keineswegs nur ein externer Beobachter. Die Ultrarechten üben trotz ihrer Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen weiterhin Druck auf die schwache demokratische Koalition aus. Der Budschak ist ein Gebiet, das historisch mit einem umstrittenen rumänischen Erbe verbunden ist. Der Kreml versteht sehr gut, dass jede Zuspitzung in der Region revanchistische Stimmen in Bukarest aktivieren kann. Und wenn die Ukraine gezwungen ist, sich auf die Front und das eigene Überleben zu konzentrieren, während Moldau um seine europäische Zukunft und die Stabilität seines Kurses kämpft, dann ist Destabilisierung von innen – mit Hilfe ehemals marginaler, heute aber schon mainstreamtauglicher ultrarechter Politiker – für Moskau das bequemste Instrument.

Genau deshalb ist der Budschak für uns nicht einfach nur ein Stück Territorium. Er ist eine zivilisatorische Grenze, an der die Ukraine auf ernste Herausforderungen trifft: auf die Vergangenheit der Region, ihre Multinationalität und unsere Verantwortung für Stabilität. Und diese Stabilität muss bewahrt werden – ebenso wie das Funktionieren der Region selbst, die Russland von der Ukraine loszureißen versucht.

Neben der Logistik ist dies auch ein Test der Staatlichkeit. Die Ukraine muss die Region nicht nur halten – sie muss sie entwickeln. Und sie muss die Menschen im Budschak, in Bessarabien, davon überzeugen, wie wichtig ihre Rolle für das heutige Überleben des Staates ist.

Die Ukraine muss dabei auf mehreren Ebenen gleichzeitig handeln. Erstens: Infrastruktur und institutionelle Präsenz. Nicht deklarativ, sondern physisch – Straßen, Krankenhäuser, Schulen, lokale Selbstverwaltung. Dort, wo der Staat verschwindet, wächst der feindliche Einfluss.

Zweitens: eine durchdachte Politik der Erinnerung und Identität. Die gagausische oder bulgarische Identität muss Teil der ukrainischen Identität werden und nicht bloß eine regionale Besonderheit bleiben. Und jeder Bewohner des Budschak muss sich als Teil eines Landes fühlen, das um sein Überleben und seine Entwicklung kämpft.

Drittens: internationale Diplomatie. Die Nachbarn. Wir müssen die Zukunft der Region und der angrenzenden Gebiete Moldaus und Rumäniens gemeinsam mit Chișinău und Bukarest denken. Denn der Budschak, denn Bessarabien – das ist Europa, nicht „post­sowjetischer Raum“. Unser Europa.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Буджак. Наша Європа. Віталій Портников. 30.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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