Putins „Baukasten“ und der Krieg: Was für die Ukraine hinter den Aussagen des russischen Präsidenten bei der „Direkten Linie“ steht. Vitaly Portnikov. 19.12.2025.


Teilnehmer der Telefonkonferenz mit Wladimir Putin in Moskau, Russland, 19. Dezember 2025. Foto: Sefa Karacan / Anadolu via Getty Images

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Die stundenlangen „Direkten Linien“ mit Wladimir Putin erinnerten mich immer an eine Art propagandistischen Baukasten. Gerade weil der russische Präsident stundenlang auf die unterschiedlichsten Fragen antwortet – von grundlegenden politischen Entscheidungen bis zur Aufstellung von Neujahrsbäumen – konnte sich jeder immer eine passende Antwort heraussuchen, zumal Putin sich oft selbst widerspricht. Und in diesem Sinne ähneln die stundenlangen Pressekonferenzen Putins den mehrbändigen Lenin-Werkausgaben der Sowjetzeit – jeder konnte sich das passende Zitat auswählen.

Doch die am 19. Dezember abgehaltene „Direkte Linie“ Putins im Jahr 2025 unterschied sich – bei aller Unveränderlichkeit des Formats – dennoch von den vorherigen, weil sie ein durchgehendes Thema hatte: den Krieg. Einen Krieg, den Wladimir Putin seinem Auftreten nach zu urteilen keineswegs zu beenden beabsichtigt – aber zugleich gegenüber seinem amerikanischen Amtskollegen Friedfertigkeit und Konstruktivität demonstrieren muss. Das ist kein einfacher Balanceakt, und doch versuchte der russische Präsident, ihn über mehrere Stunden zu halten.

Einerseits lud er zu der Pressekonferenz einen weiteren „Helden der SVO“ ein, damit dieser von den „Gräueltaten“ der ukrainischen Militärs berichtete. Andererseits begrüßte er die friedensstiftenden Bemühungen Trumps und behauptete, selbst aus Kyiv gebe es „Signale“ über eine Verhandlungsbereitschaft. Einerseits versprach er, die Probleme der Wasserversorgung im Donbass zu lösen, falls Slowjansk „befreit“ werde, andererseits behauptete er, Russland sei zu „schmerzhaften Kompromissen“ bereit. Über das Wesen dieser Kompromisse sagte Putin allerdings kein Wort.

Dafür erklärte er, wie nach seiner Meinung die Wahlen in der Ukraine ablaufen sollten: Russland könne die Angriffe einstellen … am Wahltag, aber unter der Bedingung, dass an den Wahlen auch die in Russland lebenden ukrainischen Staatsbürger teilnehmen.

Es ist klar, dass für den russischen Präsidenten Wahlkampf und Wettbewerb bei Abstimmungen leere Worte sind. Doch die demonstrative Absicht, die vor dem Krieg geflohenen Menschen als „fünfte Kolonne“ zu benutzen, zeigt erneut, dass Putin nichts vergessen und nichts gelernt hat. Er sieht die Ukraine weiterhin als rebellische Provinz, die unbedingt zurück in den russischen Pferch geführt werden muss. Ob durch Fortsetzung des Krieges oder durch Kapitulation – das, so scheint es, hängt nur vom Ergebnis ab.

Dass Putin genau auf eine Kapitulation der Ukraine ausgerichtet ist, illustriert sein Antwort auf die Wahlfrage am besten. Er hätte wirklich gern, dass Trump durch Druck auf die ukrainische Führung solche Wahlen erzwingt, bei denen ein Anhänger der Kapitulation gewinnt – am besten mithilfe der in Russland lebenden Ukrainer. Und dafür wäre er sogar bereit, den Krieg für einen Tag zu stoppen. Für einen Tag – damit die Wähler nicht daran zweifeln, dass der Krieg wieder aufgenommen wird, falls sie „falsch“ stimmen, also nicht so, wie es der russische Präsident möchte.

Das ist ja nicht die erste Rachegelüste-Episode. Putin wollte Revanche schon 2010, als Wiktor Janukowytsch an die Macht kam, und 2019, als die Ukrainer für Volodymyr Zelensky stimmten. Und jedes Mal verrechnete er sich. Janukowytsch konnte die Ukraine trotz aller Bemühungen nicht zerstören. Und Zelensky erwies sich überhaupt nicht als „Agent der Kapitulation“, auf den Putin gehofft hatte.

Doch Putins Vorstellungen darüber, wie er die Ukraine vernichten müsse, änderten sich nicht im Geringsten. Ebenso wenig änderten fast vier Jahre großer Krieg seine Vorstellungen – trotz der Opfer, für die er bei dieser „Direkten Linie“ demonstrativ jede Verantwortung verweigerte.

Putin möchte nach wie vor, dass die Ukraine zugrunde geht. Und er sucht weiterhin nach den günstigsten Möglichkeiten, um dieses Zugrundegehen sicherzustellen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Путинский «конструктор» и война: что для Украины стоит за заявлениями президента РФ с прямой линии. Виталий Портников. 19.12.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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