Der ehemalige Abgeordnete der Werchowna Rada der Ukraine und heutige Mitglied des Föderationsrates der Föderalen Versammlung Russlands, Andrij Derkatsch, ist zum Helden der Russischen Föderation ernannt worden. Das ist wohl die höchste Auszeichnung, die ein Überläufer aus Kyiv erhalten kann. Keiner der deutlich ranghöheren ukrainischen Funktionäre, die nach 2014 in die russische Hauptstadt geflohen sind, wurde mit etwas auch nur annähernd Vergleichbarem wie dem Goldenen Stern geehrt, den Andrij Derkatsch erhalten hat.
Allerdings ist auch keiner der ukrainischen Flüchtlinge Mitglied der oberen Kammer des russischen Parlaments geworden. Und das zeigt, dass Andrij Derkatsch kein gewöhnlicher Flüchtling ist. Er ist kein bloßer Einflussagent wie der ehemalige Präsident der Ukraine Viktor Janukowytsch oder der frühere Premierminister Mykola Asarow oder andere hochrangige ukrainische Beamte, die in den Jahren 2010–2014 am Abbau der ukrainischen Staatlichkeit beteiligt waren.
Er ist jener eigentliche Resident, der ihre Tätigkeit kontrollieren konnte und seinen Einfluss selbst nach dem Maidan der Jahre 2013–2014 bewahrte. Es lohnt sich daran zu erinnern, dass gerade Andrij Derkatsch der Organisator einer groß angelegten Propagandakampagne war, die sich gleichzeitig gegen zwei Präsidenten richtete – gegen den Präsidenten der Ukraine Petro Poroschenko und gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten Joseph Biden. Und solche Verdienste konnten im Kreml selbstverständlich nicht unbeachtet bleiben.
Als nach Februar 2022 der weitere Aufenthalt des Residenten auf dem Territorium der Ukraine riskant wurde, holte man Derkatsch nicht nur an seinen Dienstort zurück, sondern ernannte ihn auch zum Mitglied der Föderalen Versammlung der Russischen Föderation – zu einem Mitglied genau jenes Föderationsrates, der Putin bereits zweimal die Genehmigung zum Einsatz von Truppen auf dem Territorium der Ukraine erteilt hatte.
Dabei sollte man sich daran erinnern, dass Andrij Derkatsch – im Gegensatz zu dem anekdotischen Dmitri Rogosin, dem man den Posten eines sogenannten Senators aus einer der besetzten Regionen der Ukraine anbot – Mitglied des Föderationsrates als Vertreter eines ganz realen Subjekts der Russischen Föderation wurde.
Und das lässt darüber nachdenken, welches Ausmaß die Tätigkeit des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands auf ukrainischem Territorium erreicht hatte. Denn Moskau konnte es sich leisten, als aktiven Verbindungsoffizier einen langjährigen Abgeordneten der Werchowna Rada der Ukraine zu nutzen, der über Verbindungen praktisch in alle politischen Lager verfügte.
Denn Derkatsch wurde bekannt als jemand, der den ersten Maidan 2004 unterstützte, und die ihm gehörenden Medien übertrugen die Ereignisse aus der Perspektive der Aufständischen. Und das offenbar ebenfalls keineswegs zufällig, sondern um seinem eigenen Protegé das weitere Eindringen in die ukrainische politische Elite zu erleichtern. Und nebenbei bemerkt – auch die Kontrolle über die ukrainische Energiewirtschaft.
Denn Andrij Derkatsch war einer von denen, die nicht nur die entsprechenden Ressorts leiteten, sondern auch genau den Standort jedes strategischen Objekts, jeder Turbine kannten. Und wir wundern uns darüber, wie zielgenau russische Raketen und Drohnen die ukrainische Energieinfrastruktur zerstören – sie zerstören sie deshalb so präzise, weil die Einsätze dieser Raketen und Drohnen von Menschen gesteuert werden, die diese Energieinfrastruktur früher selbst geleitet haben.
Und selbstverständlich erschöpft sich die Sache nicht in Derkatsch allein. Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass auch im heutigen Ukraine weiterhin Offiziere des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation aktiv sind, die sich erfolgreich als Patrioten, als Staatsdiener tarnen können – um dann später in Moskau als Abgeordnete der Staatsduma Russlands oder desselben Föderationsrates aufzutauchen und von Wladimir Putin den Goldenen Stern des Helden der Russischen Föderation zu erhalten.
Und ich habe keinerlei Zweifel daran, dass es hier bei Weitem nicht nur um die Ukraine geht, sondern auch um andere ehemalige Sowjetrepubliken. Denn Moskau betrachtet diese Länder nicht als echte Staaten, sondern nimmt sie als eine Art Anhängsel wahr, als Räume, in denen sich die Offiziere des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands wie zu Hause fühlen sollen, wo die Sicherheitsdienste dieser Staaten keinerlei Recht haben, sich für die Tätigkeit von FSB-Offizieren oder des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation zu interessieren – nicht als fremde Spione, sondern, entschuldigen Sie, als Vorgesetzte.
Die Geschichte um Andrij Derkatsch ist eines der deutlichsten Beispiele für genau diese Wahrnehmung. Ein Mann, dessen Vater einst Leiter des Sicherheitsdienstes der Ukraine war und der selbst eine glänzende politische Karriere im ukrainischen Parlament machte, hat seine prorussischen Ansichten nie besonders verborgen. Er stand an der Spitze der Vereinigung für die Ukraine, Belarus und Russland, er war einer der wichtigsten Lobbyisten der Interessen der Russisch-Orthodoxen Kirche auf ukrainischem Boden.
Doch unter den anderen russischen Einflussagenten in Kyiv, unter den prorussischen Politikern, die jahrelang, jahrzehntelang die Unterstützung von Dutzenden Millionen Ukrainern genossen, sah das nicht wie staatsfeindliche Tätigkeit aus, sondern einfach wie ein ganz normaler Bestandteil eines respektablen politischen Spektrums.
Und genau darin liegt wohl das ganze Problem. Wenn es eine enorme Zahl von Menschen gibt, für die ihr eigener Staat nur ein vorübergehendes Gebilde ist, das früher oder später der für sie „eigentlichen“ Russischen Imperium weichen soll. Wenn es Politiker gibt, die daran arbeiten, dass ihre eigenen Staaten verschwinden und Russland auf ihrem Boden als Metropole erscheint. Wenn all das nicht als Gefahr für die nationale Sicherheit wahrgenommen wird, sondern lediglich als eine andere Position innerhalb des eigenen politischen Lebens – dann können die Folgen einer solchen Haltung gegenüber der Residentur und der Arbeit zur Destabilisierung der ehemaligen Sowjetrepubliken entweder ein umfassender Krieg sein, wie wir ihn jetzt auf ukrainischem Territorium erleben, oder eine politische Krise und der Zusammenbruch der Staatlichkeit. So, wie es übrigens in Belarus geschehen ist, von dessen realer Staatlichkeit kaum mehr geblieben ist als das Titelbild mit dem abstoßenden Alexander Lukaschenko.
Deshalb muss man sich immer vergegenwärtigen: Wenn wir uns für die politische Aktivität eines prorussischen Politikers interessieren oder für die Bereitschaft, für ihn zu stimmen – eines prorussischen Wählers –, dann ist diese Geschichte keine Geschichte über Politik. Es ist eine Geschichte über Residententätigkeit und über eine vollkommen bewusste Arbeit, die auf den Abbau des eigenen Staates durch dessen eigene Bürger gerichtet ist.
Und genau darin liegt wohl eine der größten Tragödien der Entwicklung der Staatlichkeit auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetrepubliken in den letzten Jahrzehnten.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Деркач стал героем России | Виталий Портников. 10.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:
Original ansehen
Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.