Der ehemalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, General Valery Zaluzhny, ist mit einem großen Artikel aufgetreten, in dem er vor allem versucht, die Ziele und Ergebnisse des russisch-ukrainischen Krieges zu reflektieren sowie das, was in den kommenden Jahren damit geschehen wird. Der General spricht über das, woran ich selbst die ganzen Jahre dieses zermürbenden Kampfes zu erinnern versuche.
Erstens ist das Wichtigste für jeden Staat die Festlegung der politischen Ziele dieses Krieges und das Verständnis dessen, was dieser Staat im Krieg erreichen möchte. Und zweitens – dass wir uns nun seit Jahren in einer völlig neuen Art von Krieg befinden: einem Erschöpfungskrieg. Und aus diesem Blickwinkel ist das Bestreben der Russischen Föderation, das Leben der Ukrainer unerträglich zu machen und sie dazu zu zwingen, in den Ruinen ihrer eigenen Städte zu leben, für Russland nicht weniger wichtig – vielleicht sogar wichtiger – als das Vorgehen der russischen Angriffsarmeen an der Front und die Eroberung neuer ukrainischer Gebiete.
So bestimmt Valery Zaluzhny als politisches Ziel des Krieges für die Ukraine die Bewahrung der ukrainischen Staatlichkeit und sagt klar, dass das Ziel Russlands in diesem Krieg die Vernichtung der Ukraine sei, keineswegs nur die Besetzung eines Teils ukrainischer Territorien. Ebenso bezeichnet er für die Ukraine als Kriegsziel den Zerfall des Russischen Imperiums und betont, dass beide Ziele für beide verfeindeten Staaten unerreichbar sind: Die Ukraine kann den Zerfall des Russischen Imperiums nicht erreichen, und Russland kann das Verschwinden der ukrainischen Staatlichkeit von der politischen Weltkarte nicht erreichen – der Krieg wird also weitergehen.
Ich füge hinzu, dass dies natürlich in unterschiedlichen Formen geschehen kann, denn man kann sich in absehbarer Zukunft eine Einstellung des Feuers an der russisch-ukrainischen Front vorstellen. Doch selbst dann könnte der Erschöpfungskrieg, den Russland gegen die Ukraine führt, nicht enden, sondern lediglich neue aggressive Formen annehmen, die mit dem Wunsch verbunden sind, den Boden für die endgültige Vernichtung der ukrainischen Staatlichkeit zu bereiten.
Zu diesen Überlegungen des ehemaligen ukrainischen Oberbefehlshabers möchte ich hinzufügen, dass wir uns politisch auch darüber klar werden müssen, was eigentlich das Russische Imperium ist.
Für viele Ukrainer, die nicht wissen, wie sich die administrativ-territorialen Prozesse im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion entwickelten, ist die Russische Föderation das Russische Imperium. Dabei ist die Russische Föderation in Wirklichkeit ein typischer Nationalstaat mit wenigen Minderheiten, die die Dominanz des russischen Volkes keineswegs beeinflussen können. Einen solchen russischen Staat gab es weder in Zeiten des Russischen Imperiums noch in Zeiten der Sowjetunion, wo ethnische Russen im Vergleich zu den vielen von Moskau unterdrückten Völkern eine Minderheit waren.
Natürlich kann man sich vorstellen, dass sich auch von der Russischen Föderation in einer Phase ernsthafter Schwächung einzelne nationale Einheiten abspalten könnten, was zu Krisenphänomenen, vielleicht zu Konflikten auf dem Gebiet der Föderation führen oder zur physischen Vernichtung jener Völker, die versuchen würden, die Territorien ihrer national-administrativen Einheiten von Russland zu lösen.
Wie das aussehen kann, wissen wir aus den Erfahrungen des ersten und zweiten Tschetschenienkriegs, die mit Teppichbombardierungen von Grosny endeten. Und das, obwohl die Tschetschenen zahlenmäßig selbstverständlich nicht annähernd mit den Ukrainern vergleichbar sind. Doch wie man sieht, war das den Russen völlig egal.
Und der russisch-ukrainische Krieg hat ihnen eine gewaltige Chance gegeben, die Völker auf dem Gebiet der Russischen Föderation weiter zu verringern, damit diese endgültig selbst die theoretische Fähigkeit verlieren, mit den Russen darum zu konkurrieren, wie das Territorium der Russischen Föderation in Zukunft aussehen soll.
Aber das Russische Imperium – das ist keineswegs die Russische Föderation, sondern tatsächlich die ehemalige Sowjetunion in den Grenzen von 1991. Genau deshalb ging Russland zur Schaffung der sogenannten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten über, die für Russland zu einem Instrument der Kontrolle über den gesamten postsowjetischen Raum wurde. Und man kann sagen, dass Russland den größten Teil dieses Raumes bis heute kontrolliert. Und einige Staaten, die versucht haben, sich dieser Kontrolle zu entziehen, wie etwa Georgien, kehren nun wieder in die russische Einflusszone zurück.
Genau dafür führt Putin heute seinen Kampf – neben dem Erschöpfungskrieg und dem Krieg um ukrainische Territorien. Wenn die Ukraine nicht erobert werden kann, wird man sie in naher Zukunft – wie kürzlich Georgien – in die russische Einflusssphäre zurückbringen können, selbst wenn die Ukraine keine diplomatischen Beziehungen zur Russischen Föderation wiederaufnimmt. Und so wird zwar nicht das Russische Imperium selbst wiederhergestellt, aber die russische Einflusszone über ihre ehemaligen Kolonien bewahrt. Das heißt, die Möglichkeit einer vollständigen Wiederherstellung des Russischen Imperiums in Zukunft bleibt erhalten.
Und wie könnte das Russische Imperium zerfallen? Das wird das eigentliche Ergebnis des russisch-ukrainischen Krieges sein, falls die Ukraine nicht nur ihre Staatlichkeit bewahrt, sondern auch aus der russischen Einflusszone heraustritt und Teil des Westens wird.
Und genau das wünschen weder Russland noch seine Verbündeten auf der ganzen Welt. Ja, der ungarische Premierminister Viktor Orbán sagt klar, dass die Ukraine ein Pufferstaat bleiben müsse.
Die Russische „Reichssphäre“ von Uschhorod bis Wladiwostok soll also in Form der Einflusszone der Russischen Föderation bewahrt bleiben. Wenn es der Ukraine gelingt, in diesem zermürbenden Krieg nicht nur als Staat zu überleben, sondern als eigenständiger Staat, der seinen Weg Richtung Westen fortsetzt, dann wird das bedeuten, dass das Russische Imperium zerstört wurde – und die Russen, die in diesem Fall offensichtlich auch die Kontrolle über alle anderen ehemaligen Sowjetrepubliken verlieren werden, werden sich mit etwas beschäftigen müssen, womit sie sich in ihrer gesamten nationalen Geschichte praktisch nie befasst haben: dem Aufbau eines Nationalstaats und der Suche nach einem Einvernehmen mit den nationalen Minderheiten auf dem Gebiet der Russischen Föderation selbst.
Und genau das könnte der Weg in eine schwere Krise und große Probleme in Russland selbst sein und letztlich auch zu krisenhaften Entwicklungen in den ehemaligen Sowjetrepubliken führen, die zu einer Art „Hotels“ für russische Flüchtlinge verschiedener Nationalitäten werden und ebenfalls jahrelang in permanenten Krisen stecken könnten. Die Ukraine und Kasachstan sind die ersten Kandidaten für eine solche Entwicklung.
Damit aber auch das uns nicht widerfährt, muss die Ukraine Mitglied der Europäischen Union und der NATO werden und zusammen mit anderen Ländern eine gemeinsame Migrationspolitik aufbauen. Auch das wird uns vor zukünftigen Problemen im Nachbarstaat schützen.
All dies ist natürlich noch weit entfernt, aber man muss sich darüber klar werden, dass die kommenden Jahrzehnte in der Geschichte des ukrainischen Volkes nicht weniger schwer sein werden als die bisherigen. Auf neue Herausforderungen muss man sich vorbereiten.
Der Erschöpfungskrieg kann entweder zur Rückkehr der Ukraine in die russische Einflusssphäre führen oder zu unserem realen Sieg – zum Übergang der Ukraine auf die westliche Seite – und zu einer dauerhaften Krise in der Russischen Föderation, die uns neue krisenhafte Prüfungen auferlegen wird. Und all das wird uns noch bevorstehen, selbst dann, wenn wir den letzten Schuss aus russischen Kanonen und die letzte Salve russischer Raketen hören.
Das 21. Jahrhundert, so lässt sich aus dem Artikel von General Valery Zaluzhny verstehen, wird eines der turbulentesten, zermürbendsten und schwierigsten auf ukrainischem Boden sein. Und vielleicht werden die Ururenkel der heutigen Ukrainer eine Welt sehen, die ihre Urgroßväter zu sehen hofften – die Welt des Endes oder Beginns des 22. Jahrhunderts, eine Welt, in der die Ukraine frei aufatmen wird.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Залужний: чим закінчиться війна в
Україні | Віталій Портников. 30.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.11.2025
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.