Blackout-Tausch | Vitaly Portnikov. 08.11.2025.

Nach dem gestrigen massiven Raketenangriff und dem Drohnenangriff auf die Ukraine erlebt unser Land einen der größten Blackouts seit 2022. Dieser Blackout kann als Vorbote eines schwierigen Winters verstanden werden, den Putin für uns plant.

Meiner Meinung nach sind alle Versuche Putins, die Ukraine zu erfrieren, den Zugang ihrer Bürger zu Licht und Wärme zu zerstören, keine Machtdemonstration, sondern eher eine Demonstration von Machtlosigkeit. Denn den russischen Truppen ist es in fast vier Jahren ununterbrochener großangelegter russisch-ukrainischer Kriegsführung nicht gelungen, die Hauptziele des russischen Präsidenten zu erreichen: die Kyiver Region zu besetzen und die Macht in der Ukraine zu verändern. Mindestens die Verwaltungsgrenzen der Gebiete Donezk und Luhansk zu erreichen, die schon im fernen Jahr 2014 zu sogenannten „Volksrepubliken“ erklärt wurden und deren Unabhängigkeit Putin vor ihrer Annexion 2022 anerkannt hat.

Und genau die Unfähigkeit, die ukrainische Frage militärisch zu lösen, verwandelt sich in den Wunsch, für die Ukrainer unerträgliche Lebensbedingungen im eigenen Land zu schaffen. Vor allem, damit die Ukrainer die Unausweichlichkeit einer Kapitulation vor Russland erkennen und bereit sind, ihren eigenen Staat aufzulösen. Das bleibt das Hauptziel des russisch-ukrainischen Krieges. Genau deswegen — und nicht wegen der Krim oder des Donbass — wurde dieser Krieg begonnen.

Es gibt noch ein weiteres Ziel, sozusagen zusätzlich. Wenn es nicht gelingt, die ganze Ukraine zu besetzen und die ukrainischen Regionen in russische Föderationssubjekte zu verwandeln, kann man zumindest die Bevölkerungszahl des feindlichen Staates einmal und für alle Mal verringern. Das demografische Gleichgewicht zwischen dem russischen und dem ukrainischen Volk zu „lösen“.

Dieser teils verdeckte, teils unverhohlene demografische Krieg zwischen Russen und Ukrainern begann vor vielen Jahrhunderten. Er verlief durch die Zerschlagung ukrainischer Aufstände, den Kampf gegen ukrainische Staatlichkeit, durch den Holodomor. Und jetzt hilft dieser Auseinandersetzung die neue Technik der Russen. Und sie hoffen weiterhin, dass je mehr Ukrainer die östlichen und südlichen Gebiete unseres Landes verlassen und näher ins Zentrum und in den Westen ziehen — und von dort aus auch ins Ausland —, desto mehr gereinigtes Territorium werde dann für die Russen übrigbleiben, wenn das ganze ukrainische Land unter ihre verbrecherische Kontrolle gerät.

So war es praktisch mit allen Ländern, die Moskau zu sich eingegliedert hat. Den Tataren wurde nicht erlaubt, in Städten zu leben. In Sibirien wurde die Bevölkerung hinausgetrieben und dieses Gebiet in eine kalte Wüste verwandelt, die Sibirien bis heute geblieben ist. Aus der Krim wurde nach der Annexion durch die verbrecherischen Truppen der Zarin Katharina II. praktisch die gesamte indigenen Bevölkerung vertrieben.

Und jetzt versuchen Putin und seine Bande denselben mittelalterlichen Ansatz auf die Ukraine anzuwenden. Deshalb: Wenn es der Ukraine gelingt, mit diesen Herausforderungen fertigzuwerden — und das erfordert Professionalität der Regierung und Geschlossenheit der Gesellschaft —, wird der ukrainische Staat bestehen können. Fehlen diese Professionalität und Geschlossenheit, wird der ukrainische Staat von der politischen Landkarte der Welt verschwinden und das ukrainische Volk von der ethnographischen. Und man muss klar erkennen, wie ernst die Herausforderung ist und wie groß Putins und der Russen Wunsch ist, die ukrainische Frage zu lösen. Endgültig zu lösen.

Man kann natürlich auf diese Herausforderung mit eigenen Kräften durch Blackouts antworten. Ja, momentan können wir einen Blackout in der an die Ukraine angrenzenden Region Belgorod der Russischen Föderation beobachten, wo wahrscheinlich ebenfalls ein Wärmekraftwerk angegriffen wurde. Wenn man sich die sozialen Netzwerke anschaut, träumen viele von einem Blackout in der russischen Hauptstadt. Aber wenn wir die Ziele von Putins Blackout verstehen, müssen wir unsere eigenen Ziele bestimmen.

Wenn ein Blackout einfach Rache ist, kann man das aus logischer Sicht noch nachvollziehen. Eine Person, die ohne Licht ist, wünscht sich sehr, dass es auch in den Hauptstädten und regionalen Zentren des feindlichen Landes kein Licht gibt, dort, wo Leute wohnen, die ihrem Leid gegenüber gleichgültig sind.

Wenn wir glauben, dass wir mit solchen Blackouts den Willen Russlands beeinflussen, den Krieg fortzusetzen, irren wir uns, milde gesagt. Mehr noch: Solche Aktionen werden die Russen nur um ihre Regierung scharen und zeigen, dass der Präsident Russlands, Putin, Recht hatte, als er sagte, die einzige Garantie für Russlands Sicherheit sei die Zerstörung der Ukraine.

Rache ist demnach eine kalte Angelegenheit. Wenn es uns gelingt, Russland seines Energie- und Kriegspotenzials zu berauben, wenn in Russland die Ölraffinerien, die Ölfabriken nicht mehr funktionieren, wenn es kein Geld mehr für den Krieg gibt, wird Russland aufhören zu kämpfen. Von der Menge des Lichts in russischen Haushalten wird der Kriegsdrang des Präsidenten der Russischen Föderation und seiner Landsleute nicht weniger werden. Und das ist ebenfalls eine objektive Realität, mit der man rechnen muss.

Der Krieg wird erst dann enden, wenn die Russische Föderation keine finanziellen, demografischen und sozialen Möglichkeiten mehr hat, den Kampf gegen die Ukraine fortzusetzen — und keinen Tag früher.

Der Krieg wird bei Licht und bei Dunkelheit weitergehen, weil Russland ernsthaft danach strebt, seine imperiale Grenze auf unsere Kosten wiederherzustellen. Dieser Wunsch wird nirgends verschwinden. Er kann bei Tageslicht bestehen, bei Laternenlicht und dann, wenn alles erlischt.

Aber wenn der Raubtierführer kein Geld mehr hat, um seine verbrecherischen Aktionen fortzusetzen, wenn es kein Öl gibt, das er verkaufen kann, wenn es keine Waffen gibt, mit denen er kämpfen kann, wenn es keine Söldner gibt, denen er noch zahlen kann, dann wird auch Russland aufhören.

Es ist in unserem Interesse, im Interesse unserer Verbündeten, dass dies so schnell wie möglich geschieht und nicht zu einer Ausweitung des russisch-ukrainischen Krieges auf ganz Europa führt. Dann würde diesen Krieg schon nicht einmal Donald Trump mehr stoppen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Обмін блекаутами | Віталій Портников. 08.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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