
Der russische Präsident setzt seinen Weg auf der Eskalationsleiter fort, der sich nach seinem Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten in Alaska nur noch verstärkt hat. Nach massiven Schlägen gegen die Ukraine, nach dem Auftauchen russischer Drohnen und Flugzeuge im Luftraum von NATO-Staaten ist Russland zu dem Versuch übergegangen, die ukrainische Energieversorgung systematisch zu zerstören. Angriffe auf verschiedene Städte der Ukraine erfolgen nahezu täglich; der jüngste ereignete sich erst vor Kurzem in der Hauptstadt und richtete sich gegen die Wärmekraftwerke der Stadt. Darüber hinaus wurden auch ukrainische Gasfelder angegriffen, was ebenfalls im Winter zu ernsthaften Problemen führen soll. Es ist nicht das erste Mal, dass Putin versucht, die Ukrainer „einzufrieren“ – alle erinnern sich gut an den beunruhigenden, dunklen Winter des ersten Jahres des großen Krieges. Doch jetzt sind diese Angriffe weitaus systematischer geworden, und sie finden vor dem Hintergrund von Vorschlägen statt, den Krieg zu beenden und Friedensverhandlungen aufzunehmen. Und Putin, wie wir sehen, ignoriert diese Vorschläge offen. Warum?
Weil er erstens glaubt, der Westen verfüge nicht über die Instrumente, um ernsthaften Druck auf ihn auszuüben; und zweitens jede Verhandlung als Weg zur Kapitulation des Gegners begreift. Daher ist Putin überzeugt: Wenn er sich auf Verhandlungen einlassen muss, dann nur auf Verhandlungen über die Kapitulation der Ukraine und über die Schaffung der Voraussetzungen für ihr weiteres Verschwinden von der politischen Landkarte der Welt.
Folglich will er die Ukraine in ein Gebiet verwandeln, das für ein normales Leben untauglich ist. Angriffe auf die Energieversorgung sollen nach Auffassung des russischen Präsidenten bei den Ukrainern das dauerhafte Gefühl erzeugen, sie hätten keine andere Wahl, als sich Russland zu ergeben. Obwohl es in der Geschichte noch keinen Fall gab, in dem die Bombardierung von Städten zu einem allgemeinen Wunsch nach Kapitulation geführt hätte, berücksichtigt Putin das nicht – so sehr Geschichte wie auch die Erfahrung dieses Krieges das Gegenteil belegen.
Doch die Motivation der Angriffe auf die Energieversorgung kann deutlich weiter reichen als nur die Demoralisierung der Gesellschaft. Es geht auch darum, die ukrainische Wirtschaft zu vernichten – damit die Ukraine selbst im Falle eines Kriegsendes keine ernsthaften Aussichten auf Wiederaufbau hat und zum anschaulichen Beispiel dafür wird, was mit Ländern geschieht, die sich dem Willen Moskaus nicht fügen. Das kann zudem eine demografische Waffe sein: unerträgliche Lebensbedingungen zu schaffen, damit ein weiterer Teil der Bevölkerung ausreist. Denn je weniger Ukrainer in der Ukraine bleiben, desto größer sind Russlands Chancen, seine Rolle als geopolitischer Magnet der Zukunft zu bewahren – selbst bei weiter schrumpfender russischer Bevölkerung. Zur Erinnerung: Demografische Kriege sind nichts Neues in der imperialen Praxis Moskaus; Beispiele gibt es sowohl aus der Zeit des Imperiums als auch aus der Sowjetära. Man denke nur an den Holodomor! Und nun strebt Putin an, einen „Energomor“ zu organisieren.
Mit Gesprächen und Zureden ist dem natürlich nicht beizukommen. Die letzten Monate – Monate ständiger Gespräche zwischen Trump und Putin – haben das überzeugend gezeigt, vermutlich sogar dem amerikanischen Präsidenten selbst, obwohl viele von Anfang an warnten, dass all diese Verhandlungen zum Scheitern verurteilt seien. Der Zerstörung der Energieinfrastruktur kann jedoch auf anderem Wege entgegengewirkt werden – durch die Schwächung des militärischen und energetischen Potenzials der Russischen Föderation selbst. Ukrainische Schläge gegen russische Militärziele und Raffineriebetriebe können den russischen Präsidenten dazu zwingen, wenn schon nicht über Frieden nachzudenken, so doch zumindest vorsichtiger mit seinen Angriffen zu sein. Russland hat bereits einen beträchtlichen Teil seiner Raffineriekapazitäten verloren, was Probleme für seine Wirtschaft schafft und den Krieg teurer macht. Und das – allein dank Drohnenangriffen auf russische Objekte. Wenn die Ukraine genügend Langstreckenraketen erhält, könnte Russland einen großen Teil seines wirtschaftlichen Potenzials einbüßen.
Und genau das ist der richtige Ansatz. Mit einem Drachen verhandelt man nicht über Frieden. Selbst wenn es unmöglich ist, ihm den Kopf abzuschlagen, kann man ihm zumindest die stinkenden Zähne ausschlagen.