Russlands Angriff auf Polen: Ein Test für den Westen. Vitaly Portnikov. 10.09.2025.

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Ein dreister Angriff Russlands auf Polen könnte darauf abzielen, gleich mehrere Aufgaben zu erfüllen.

Erstens – das Testen der „roten Linien“ der NATO. Im Kreml weiß man sehr wohl, dass die Hauptschwäche des Westens nicht im Fehlen von Waffen oder Finanzen liegt, sondern im politischen Willen. Im Idealfall möchte Moskau die Unfähigkeit des Nordatlantischen Bündnisses als kollektive Institution beweisen. Diese Prüfung ist persönlich an Donald Trump gerichtet, der mehrmals Skepsis gegenüber den Bündnisverpflichtungen der USA gezeigt hat. Für Putin wäre es ein Sieg, der Welt zu zeigen, dass der amerikanische Präsident nicht bereit ist, für Warschau oder Vilnius ein Risiko einzugehen.

Zweitens – die Schaffung einer Atmosphäre der Angst in Mitteleuropa. Terror und die Bedrohung durch Krieg bringen immer politische Extreme hervor. Ultranationalistische und ultralinke Kräfte, die Moskau offen oder verdeckt sympathisieren, erhalten die Chance, ihre Positionen zu stärken. Und dann wird Europa immer mehr einem Kontinent Orbáns ähneln, wo die Zusammenarbeit mit dem Kreml zur Norm wird und Solidarität mit den Opfern der Aggression als „Luxus“ gilt.

Drittens – die Provokation einer Diskussion über Europas eigene Verteidigungsfähigkeit. Der Kreml versteht sehr gut: Je mehr die Europäer über die Notwendigkeit sprechen, ihre eigenen Armeen zu stärken und die Rüstungsindustrie wiederzubeleben, desto lauter werden die Stimmen, die eine Verringerung der Hilfe für die Ukraine fordern. Moskau versucht, den Westen davon zu überzeugen, dass es besser sei, sich auf einen hypothetischen zukünftigen Krieg vorzubereiten, als der Ukraine in einem Krieg zu helfen, der bereits jetzt tobt.

Viertens – die Anheizung antieuropäischer Stimmungen. Die Ströme ukrainischer Flüchtlinge in Europa sind bereits zu einem bequemen Trumpf für Populisten geworden, die Fremdenfeindlichkeit schüren. Ein Schlag gegen Polen ist ein Signal: Der Krieg ist in der Nähe, und die Ukrainer sind eine „Erinnerung“ daran, dass der Krieg auch in euer Zuhause kommen kann. Der Kreml will, dass die Ukrainer als Belastung wahrgenommen werden und nicht als Verbündete im Kampf gegen den Aggressor.

Fünftens – die Vorbereitung auf noch umfassendere aggressive Handlungen. Der Kreml könnte jetzt Szenarien für den weiteren Kriegsverlauf berechnen – je nach Reaktion Washingtons und Brüssels. Sollte die Antwort der NATO auf den Schlag gegen Polen schwach ausfallen, wäre das für Putin eine Einladung zu noch dreisteren Schritten.

Genau so hat Nazi-Deutschland Schritt für Schritt die Bereitschaft der Welt getestet zu reagieren – im Rheinland, im Sudetenland, in Prag. Und jedes Mal überzeugte sich der Westen selbst, dass „das noch kein Krieg“ sei, dass „das noch zu verkraften“ sei.

Heute handelt Putin auf dieselbe Weise. Und davon, ob die NATO den Mut hat, auf den Schlag gegen Polen zu antworten, hängt nicht nur das Schicksal der Ukraine ab, sondern auch das Schicksal des Westens selbst.

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