
https://www.facebook.com/share/p/joEaiBwXMVFvbCCZ/?mibextid=WC7FNe
Vor zwei Tagen hat man mir geschrieben, dass vor solcher Arbeit wie meine man dumm wird. Die Arbeit als Krankenschwesterhelferin ist hart und anstrengend. Ich habe meiner Freundin davon erzählt.
Ich sagte: „Wie kannst man dumm werden, wenn das Gehirn normal funktioniert und man nicht von Natur aus nicht dumm ist?“
Sie antwortete: „Ja, das kann man. Und du weißt, wie schnell das geht“.
Und ich weiß es. Ich wollte es einfach vergessen. Dort, in Mariupol, wurde ich persönlich zu einem dummen Tier. Nur die Grundbedürfnisse blieben mir erhalten.
Das geschah durch die Schuld der russischen Besatzer. Und das Schlimmste ist, dass sie dafür nur drei Wochen brauchten.
Sie töteten Mariupol auf verschiedene Weise: Bombardierung durch Flugzeuge, Beschuss durch Artillerie und Bombardierung durch Schiffskanonen. Sie demütigten die Einwohner, indem sie ihnen Wasser, Lebensmittel, Medikamente und Informationen vorenthielten. Sie ließen uns nicht schlafen. Sie sperrten uns in die Keller ein, steckten uns zwischen zwei Pappwände und beschossen uns rund um die Uhr. Sie töteten uns, wenn wir versuchten, die Mausefalle zu verlassen.
Sie zerstörten nach und nach die Menschen in uns. Noch vor dem physischen Tod töteten sie uns moralisch.
Ich verwandelte mich in eine zitternde Maus.
Zuerst hatte ich Angst vor Geräuschen, dann vor der Stille. Ich wurde verrückt vor Angst, wenn ich den Keller verlassen und einfach nur die Straße hinuntergehen musste. Um mit dem Hund spazieren zu gehen, zum Beispiel. Oder um jemanden zu besuchen, um herauszufinden, ob er noch lebt oder nicht?
Wenn ich von einem Hochhaus zum anderen ging, war mir klar, dass ich getötet werden würde. Ich konnte es körperlich spüren. Mit meiner Haut. Es fühlte sich an, als würde ein Eiszapfen über meinen Rücken gezogen werden.
Ich ging nirgendwo alleine hin, ich war immer mit jemandem zusammen. Beim Gehen unterhielten wir uns über etwas und lächelten sogar. Aber ich hatte immer das Gefühl, verfolgt zu werden. Als ob man ein wildes Tier wäre und gejagt würde.
Ich habe erst jetzt gemerkt, dass diese meine Veränderungen beängstigend waren. Keiner hat sie bemerkt. Denn alle veränderten sich, genau wie ich. Von den Menschen, wie die früher waren, blieb fast nichts mehr übrig.
Es gab nur noch Instinkte. Der wichtigste Instinkt war der Selbsterhaltungstrieb. Er erwies sich als sehr stark. Ich wollte überleben.
Und ich habe nicht an ein langes Leben gedacht. Ich wollte nur noch eine Weile leben. Eine halbe Stunde, eine Stunde, zehn Minuten, um morgens aufzuwachen, um lebendig die Treppe zum Haus zu erreichen, um den Mobilfunkempfang zu erwischen und einen Anruf zu tätigen.
Ich wusste, dass sie mich töten würden, aber ich wollte, dass es nicht heute war. Ich habe mich an jede Minute meines Lebens geklammert.
Einsamkeit, auch wenn dreißig Leute um mich herum sind. Mir war klar, dass ich allein war. Und jeder um mich herum würde auch dem Tod ins Auge sehen. Nur die, die mir am nächsten stehen, würden mir helfen. Wenn sie überleben.
In der Tat gab es nur noch wenige Gefühle in mir.
Das erste, das verschwand, war ein Gefühl des Ekels.
Ich aß von demselben Teller mit Fremden, trank aus demselben Becher mit Nachbarn von Nachbarn, und es war mir egal, dass ich mich mit eiskaltem Wasser aus schmutzigem Schnee wusch, das für die Toilettenspülung bestimmt war. In Wirklichkeit stahl ich dieses Wasser. Es war nicht zum Waschen gedacht.
Dann verschwand das Interesse. In den letzten zwei Tagen vor meiner Abreise aus Mariupol interessierte ich mich nicht für die Nachrichten. Nicht einmal, weil die Nachrichten immer schlecht waren. Warum sollte man die Nachrichten verfolgen, wenn man in einer Stunde wieder weg ist?
Und dann kam die Gleichgültigkeit. Es war mir egal, wie es weitergeht. Die Hauptsache ist, dass es vorbei ist.
Am letzten Tag, bevor ich aus Mariupol floh, saß ich da und wartete stumm auf den Tod. Ich träumte nichts mehr, hoffte auf nichts mehr, glaubte an nichts mehr. Ich wurde stumm.
Die Leute sagten immer zu mir: „Du bist so ruhig. Du machst das gut. Du hältst durch.“
Ich habe nicht durchgehalten. Ich war einfach still und hatte keine Ahnung, was um mich herum geschah. Es war eine dumme Verzweiflung. Wenn man nicht mehr man selbst ist. Wenn man nur noch eine leere Hülle ist.
Es hat lange gedauert, bis ich wieder zu mir gefunden habe. Und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich es wirklich bin.