Kursk-Anomalie. Vitaly Portnikov – über die Falle für Putin. 29.08.24.

https://www.svoboda.org/a/kurskaya-anomaliya-vitaliy-portnikov-o-kapkane-dlya-putina/33083338.html?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAAR13ATcIlemtTZJo5C3z1w6swJ2BCie7N2RF7mJ2r6pXFnt93XulqAmhRck_aem_3d6NQILM-mCwVQQlMoF3og

Wäre der Überfall der ukrainischen Verteidigungskräfte auf das Gebiet der Region Kursk in der Russischen Föderation nicht erfolgt, wäre er es wert gewesen, in einer Dystopie beschrieben zu werden, um die Ineffektivität und Verkommenheit des Putinschen Staates zu beweisen. In dieser Dystopie könnte alles sein. De Geschichte darüber, dass im zehnten Jahr nach dem Beginn eines bewaffneten Konflikts mit dem Nachbarland, ich erwähne nicht einmal die zweieinhalb Jahre des großen Krieges, die russischen Behörden sich nicht die Mühe gemacht haben, ihre Grenzen zu eben diesem Land zu sichern. Und die Beschreibung, dass Putin und Co. wochenlang nicht wirklich wussten, was sie tun sollten, wenn in ihr souveränes Territorium eingedrungen wird – und ihnen nichts Besseres einfiel, als eine Anti-Terror-Operation auszurufen, als ob eine Gruppe von Extremisten in Suja das örtliche Haus der Kultur eingenommen hätte und nicht die Armee eines anderen Landes einen Teil des russischen Territoriums besetzt hätte. Und die Tatsache, dass sich der russische Präsident fast zwei Wochen nach Beginn der Invasion zu einem Staatsbesuch in Aserbaidschan entschloss, vielleicht um zu beraten, wie die territoriale Integrität wiederhergestellt werden kann, oder vielleicht auch nur, weil er sein Selbstvertrauen auf so einfache Weise beweisen wollte. Und natürlich gäbe es in dieser Dystopie auch einen Platz für die Bevölkerung. Die Bevölkerung der besetzten Gebiete, die sich beim ukrainischen Militär über die Gleichgültigkeit der russischen Behörden beschwert, und die Bevölkerung des übrigen Russlands, die mit ihren üblichen Problemen beschäftigt ist und anscheinend gar nicht bemerkt, dass ein Teil des Landes nicht mehr vom Kreml kontrolliert wird. Es gibt keinen patriotischen Aufruhr, keine Warteschlangen vor den Einberufungszentren oder zumindest Besuchen der Parlamentarier in der Region Kursk. Nun, Suja und Suja. Die da oben wissen es besser. Die Ukrainer sind in der Region Kursk, der Präsident ist in Baku, wir sind in Sotschi, das Leben geht weiter.

Hätte ich eine solche Dystopie auch nur eine Woche vor dem ukrainischen Einmarsch in Russland veröffentlicht, hätten mir die meisten Leser natürlich Russophobie vorgeworfen. Schließlich hätte ein vernünftiger Mensch keine Zweifel daran haben dürfen, dass die russische Grenze sicher war, die Bevölkerung von patriotischen Gefühlen erfüllt war und der Präsident persönlich die Befreiung seines Heimatlandes anführen würde, anstatt mit seinem aserbaidschanischen Kollegen Tee zu trinken.

Aber da ich nicht so vernünftig bin, hatte ich immer meine Zweifel daran, dass der russische Staat funktioniert und dass es eine russische patriotische Gesellschaft voller rechtschaffener Wut gibt. Und diese Zweifel haben sich bestätigt. Sie wurden bestätigt, weil das, was in der Region Kursk geschieht, keine Anomalie ist.

Es ist eine Regelmäßigkeit.

Die russische Führung, ihre Unfähigkeit, die möglichen Folgen ihres Handelns zu kalkulieren, ihr Unwille, sich in die Lage des Gegners zu versetzen, ihre Arroganz und ihre Selbstüberschätzung haben für diesen Verlauf der Ereignisse gesorgt. Der Verlauf der Ereignisse wurde auch dadurch diktiert, dass Putin den Krieg bewusst zur neuen Normalität der Russen gemacht hat. Denn wenn man beschließt, Gebiete eines Nachbarlandes zu annektieren, noch bevor man die tatsächliche Kontrolle über diese Gebiete erlangt, und dann jahrelang einen ebenso sinnlosen Krieg um diese sinnlose tatsächliche Kontrolle führt, warum sollten sich die Russen dann besonders um die territoriale Integrität des Staates sorgen? Die Russen haben sich bereits daran gewöhnt, dass sie die Staatsgrenzen ihres eigenen Landes nicht mehr auf einer Landkarte abbilden können. Dass es innerhalb Russlands beispielsweise die Oblaste Saporischschja oder Cherson gibt, in deren Oblastzentren ukrainische Flaggen wehen, und die Bewohner dieser Oblastzentren sich überhaupt nicht als Russen fühlen. Wenn Russland also nur einen Teil der Region Saporischschja kontrolliert, warum kann es dann nicht auch einen Teil der Region Kursk oder Belgorod kontrollieren? Welchen Unterschied macht das aus? Warum sollte man wegen des Verlusts der Kontrolle über ein unbekanntes Bezirkszentrum am Boden zerstört sein, aber Verlust der Kontrolle über Cherson sollte toleriert werden? Und die Behörden selbst können der Gesellschaft den Unterschied nicht erklären. Denn eigentlich müssten die Behörden sagen, dass Donbass, Cherson, Saporischschja oder die Krim gestohlene Gebiete sind, sie gehören nicht zu Russland, man hat sie nur so genannt, damit es einfacher ist, mit der Ukraine zu kämpfen und man noch etwas anderes stehlen könnte. Aber die Kursker Region ist wirklich russisches Land, und sie zu befreien ist eine Frage des Staatsprestiges und der Sicherheit. Aber ein Dieb ist ein Dieb, er kann nicht unterscheiden, was ihm gehört und was jemand anderem gehört. Deshalb ist Putin buchstäblich hin- und hergerissen von seiner Unfähigkeit die Lage wirklich einzuschätzen, von der Notwendigkeit, weiter zu lügen, von der Erkenntnis, dass er in dieselbe politische und rechtliche Falle getappt ist, die er der Ukraine seit Jahren gestellt hat.

Und dass er in diese Falle getappt ist, ist auch keine Anomalie, sondern ein natürliches Muster des ungerechten, betrügerischen und verachtenswerten Krieges, den er begonnen hat.

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