
Die Entscheidung der USA und einiger anderer westlicher Verbündeter der Ukraine, westliche Waffenangriffe auf russisches Territorium, wenn auch noch mit Einschränkungen, zuzulassen, macht eine neue Phase des Krieges möglich. Und diese Phase kann endlich als ein bedeutender Schritt in Richtung seines Abschlusses betrachtet werden.
In der Tat haben die Verbündeten der Ukraine während der gesamten Zeit, praktisch seit dem 24. Februar 2022, versucht, den Krieg innerhalb ihrer souveränen Grenzen zu führen. Westliche Waffen wurden in erster Linie eingesetzt um russische Stellungen in den besetzten Gebieten der Ukraine zu treffen.
Die Ukraine hatte die Möglichkeit, mit selbst hergestellten Waffen souveränes russisches Territorium anzugreifen, aber die Reichweite dieser Waffen konnte sicherlich nicht mit den Arsenalen mithalten, die Russland für Angriffe auf die Ukraine einsetzt. Außerdem wurden selbst solche Angriffe von den Verbündeten der Ukraine nicht immer positiv aufgenommen.
Die westliche Hilfe für die Ukraine sollte den russischen Staatschef Wladimir Putin davon überzeugen, dass seine Pläne, den ukrainischen Staat zu absorbieren oder zumindest die meisten seiner Gebiete zu besetzen, aussichtslos sind. Putin könnte jedoch das Verbot des Einsatzes westlicher Waffen gegen Russland als Ausdruck der Furcht des Westens vor einer möglichen russischen Reaktion aufgefasst haben.
Darüber hinaus bot das Ausbleiben solcher Schläge die Möglichkeit, das in den besetzten Gebieten der Ukraine zerstörte Potenzial schnell wiederherzustellen und neue Offensivpläne vorzubereiten, wie der versuchte Durchbruch in Charkiw zeigte. Putin könnte also die westliche Vorsicht und die Absicht den Krieg zu lokalisieren als Furcht vor dem Westen und als Chance zur Fortsetzung der Militäroperationen begreifen.
Nun hat der russische Staatschef gesehen, dass auch der Westen bereit ist den Einsatz zu erhöhen. Gleichzeitig ist absolut klar, dass Putin nicht mit Schlägen auf das Territorium von NATO-Ländern reagieren wird, wenn westliche Waffen gegen Russland eingesetzt werden. Warum bin ich mir da so sicher? Denn Russland hat selbst dann keine solchen Schläge ausgeführt, wenn westliche Raketen eingesetzt wurden, um beispielsweise das besetzte Sewastopol oder andere Ziele auf der Krim zu treffen.
Für Joe Biden oder Emmanuel Macron sind die Krim und Brjansk Territorien verschiedener Länder. Für Putin ist das das Gleiche. Natürlich wird er versuchen, den Westen von Genehmigungen abzuhalten, die militärische Einrichtungen auf russischem Territorium gefährden. Allerdings wird er den Krieg im Zusammenhang mit diesen Schlägen auch nicht globalisieren.
Was wird Putin dann tun? Der russische Staatschef wird versuchen, in mehrere Richtungen gleichzeitig zu handeln. Eine davon wird darin bestehen, dass er versuchen wird, den Krieg trotz der neuen Fähigkeiten der Ukraine fortzusetzen – um zu beweisen, dass die neuen westlichen Entscheidungen die Absichten Moskaus, auf der Tagesordnung eines mehrjährigen Zermürbungskrieges zu bleiben, nicht beeinträchtigen. Das heißt aber nicht, dass Moskau nicht über die Möglichkeit neuer Angriffe auf sein Territorium besorgt sein wird. Es wird.
Daher wird man gleichzeitig versuchen, eine diplomatische Offensive zu starten – insbesondere mit Hilfe der chinesischen Führung. Sowohl am Vorabend des Gipfels in der Schweiz als auch danach werden Moskau und Peking versuchen, über ein „Einfrieren des Konflikts“ ohne Sicherheitsgarantien für die Ukraine zu sprechen, um die Zerstörung russischer Militäreinrichtungen zu verhindern und Möglichkeiten zur Wiederherstellung verlorener Ressourcen zu schaffen.
Für die Ukraine und ihre Verbündeten ist es wichtig, das Ausmaß dieser Besorgnis zu verstehen. Schließlich war es bis vor kurzem noch Putin, der die Eskalation dirigiert hat. Und es lohnt sich zu beobachten, wie er reagieren wird, wenn er merkt, dass er nicht der einzige ist, der jetzt die Musik bestellt.