Der Präsident der „sanitären Zonen“. Vitaly Portnikov – über Putins Verdienste. 19.03.24.

https://www.svoboda.org/a/prezident-sanitarnyh-zon-vitaliy-portnikov-o-zaslugah-putina/32867486.html

Natürlich könnte fast jede Geschichte über die Präsidentschaftswahlen in der Russischen Föderation ein Gegenstand einer humorvollen Geschichte oder einer psychiatrischen Studie sein. Aber schließlich haben sich schon lange vor uns Gogol oder Saltykow-Schtschedrin mit solchen Studien beschäftigt, und noch einmal über die Bewohner der Stadt Glupow (die Stadt der Dumköpfe aus Geschichten vom Saltykow-Schtschedrin) zu schreiben, die in Protestschlangen stehen, hieße, sich auf sinnlose Weise mit den Klassikern zu messen. Doch diese Wahlen stellten Rekorde in Sachen Schizophrenie auf, und Wladimir Putin trug in besonderer Weise zu diesem Erfolg bei – nicht nur durch die Zahl der Stimmen, die von den mit unendlicher Herrschaft beglückten Wählern für ihn abgegeben wurden, nicht nur durch die zu Tränen rührende Wahlbeteiligung, sondern auch durch seine eigenen Aussagen. Und wenn schon die erste Erwähnung des Namens von Alexej Nawalny in seinem Leben zu einer Sensation wird, über die alle Medien der Welt schreiben, dann bedeutet das, dass er nicht umsonst zu den Journalisten gegangen ist.

Mich hat am meisten interessiert, was der russische Präsident über „sanitäre Zonen“ gesagt hat – vielleicht gerade deshalb, weil ich in dem Land lebe, auf dessen Territorium er diese Zonen erobern will. Denn die Geschichte mit den „sanitären Zonen“, die die Russen vor Angriffen und Beschuss schützen sollen, ist von Natur aus unlogisch.

Das ist selbst vom Standpunkt des Aggressors aus unlogisch. Denn wenn ein Aggressor ein Gebiet erobert, das die Bevölkerung Russlands sichern soll, und dieses Gebiet dann an Russland selbst angliedert, ist er dazu verdammt, eine neue „sanitäre Zone“ zu erobern. Die Krim hätte eine „sanitäre Zone“ für Sewastopol mit seinem Stützpunkt der Schwarzmeerflotte sein können, aber Putin hat die Krim annektiert. Die Region Cherson hätte eine „Sanitätszone“ für die Krim werden können, aber Putin hat die Region Cherson annektiert. Wohin als nächstes? Nikolajew und Odessa? Wenn aber die russische Armee den ukrainischen Süden erobern sollte, könnte die Gefahr von Moldawien ausgehen, das die Abspaltung Transnistriens mit seinen russischen Bürgern noch immer nicht anerkennt. Und wenn Moldawien erobert und annektiert wird, dann sollte Rumänien eine „sanitäre Zone“ für dieses Land werden, von dessen Territorium die neuesten Waffen entfernt werden müssen, wie Putin übrigens vor dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 gefordert hat. Wo ist also die Grenze der russischen „Sanitärzonen“? In Lissabon?

Eine „sanitäre Zone“ von Lissabon bis Wladiwostok, wie sie uns der unsterbliche Charles de Gaulle vermacht hat?

Um das eine zu sichern, muss man das andere erobern und zerstören

Natürlich könnten einige sagen, dass Putin keine „Sanitätszonen“ braucht, sondern Sanitäter. Aber, wenn man darüber nachdenkt, ist er so extravagant in seinen Absichten? Ist nicht die ganze Geschichte Russlands eine Geschichte von „Sanitätszonen“? Um Moskau zu sichern, wurden Rjasan und Twer niedergebrannt. Um das verbrannte Twer zu sichern, wurde Smolensk erobert und zerstört. Um Smolensk zu sichern, wurde das polnisch-litauische Staat geteilt. Um die annektierten Gebiete zu sichern, schickten sie Truppen nach Lemberg und Ternopil, bis der Reiche zusammengebrochen ist, um danach wieder von vorne anzufangen, nach der Besetzung der weggebrochenen Gebiete neue „Sanitärzonen“ zu errichten, alles wieder zu verlieren und schließlich wieder zu verstehen, wie man „die größte geopolitische Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ beheben kann. Neue „Sanitätszonen“! Ruft die Sanitäter!

Aber Putin hat uns, ohne es zu wollen, eine neue Lesart der russischen Geschichte und Geografie vermittelt. Nicht Regionen, sondern „sanitäre Zonen“! Um das eine zu sichern, muss man das andere erobern und zerstören – und so weiter in einem sinnlosen Kreislauf über so viele Jahrhunderte hinweg! Ist es verwunderlich, dass sich der Durchschnittsbürger nur innerhalb des Rings – des Gartenrings – sicher fühlt, denn außerhalb seines Rings befindet er sich in der „Sanitätszone“ der gelegentlich gesprengten Häuser. Wenn wir aber den Rest Russlands als „Sanitätszone“ des Kremls und der Rublewo-Uspenskoje-Autobahn betrachten, dann müssen wir zugeben, dass es Putin gelungen ist, einen wahrhaft idealen Staat zu errichten – und dass seine Verdienste bei der Anordnung von „Sanitätszonen“ um diesen Staat von den dankbaren Wählern noch nicht ausreichend gewürdigt worden sind.

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