Ich danke euch von Herzen für die Einladung, liebe Freunde. Danke für die Möglichkeit, heute hier mit euch zusammen zu sein. Vor allem deshalb, weil ich immer an die ukrainische Vielfalt geglaubt habe – an die Vielfalt der ukrainischen Menschen, der ukrainischen Familien, der ukrainischen Regionen. Jedes zivilisierte Land, jedes europäische Land ist gerade durch diese Vielfalt stark. Und es geht dabei nicht einmal nur um Unterschiede in den Traditionen oder gar in der Sprache. Es geht um die Fähigkeit, unterschiedlich zu denken. Denn wenn Menschen unterschiedlich denken, unterschiedlich an die Lösung schwieriger Aufgaben herangehen, unterschiedlich auf die Fragen reagieren, die auf ihrem Lebensweg und auf dem Weg ihres Staates entstehen – dann finden sie am Ende jene richtige Antwort, die es ihnen ermöglicht, selbst aus den schwierigsten Situationen, die im Leben ihres Landes und in ihrem eigenen Leben auftreten, einen Ausweg zu finden.
Und ich bin ebenso fest davon überzeugt, dass hier, in Transkarpatien, gerade ein Modell entsteht, das die ukrainische Wirtschaft unter den schwierigsten Bedingungen unseres Überlebens in dieser langen und harten Kriegszeit unterstützt. Gerade hier versuchen wir, eine Antwort auf die Frage zu finden: Kann es überhaupt eine Wirtschaft, eine Initiative, eine Entwicklungsfähigkeit in einem Teil des Landes geben, wenn der andere Teil buchstäblich vom Okkupanten und Aggressor zerstört, lahmgelegt, in eine Wüste verwandelt wird? Wenn wir die richtige Antwort auf diese Frage finden, wenn wir ein Gleichgewicht zwischen Widerstand und Entwicklung herstellen können, dann werden wir in diesem Krieg standhalten können – ganz gleich, wie viele Jahre er noch andauert und wie viele Jahrzehnte der unausweichliche russisch-ukrainische Konflikt fortgesetzt wird.
Ihr müsst verstehen: In solchen Kriegen wie dem russisch-ukrainischen, in denen zwei Völker Anspruch auf dasselbe Territorium erheben, gibt es keine Enden. Erwartet kein Ende von etwas, das in eurem Leben niemals enden wird. Sucht nach Wegen, in diesem endlosen Konflikt – für euch, eure Kinder und Enkel – zu überleben. Sucht Wege, den Konflikt in Überleben und Sieg zu verwandeln – und nicht in ein Dasein in Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung.
Und hier entsteht die Frage: Wie kann man das erreichen? Auch das ist eine Frage, die immer eine ehrliche Antwort verlangt. Man kann den Krieg als eine Tragödie betrachten, aus der man nie herauskommt. Man kann den Krieg als eine Prüfung sehen, die manche bestehen, andere nicht. Oder man kann den Krieg als eine Chance begreifen – schließlich als eine Chance, ein guter Mensch zu sein.
Denn gerade solche Krisen geben einem Menschen die Möglichkeit zu zeigen, wer er ist, wie er seine Zukunft und seine Pflicht begreift. Wie er selbst sich in die Augen schaut – nicht einmal unbedingt seinen Nächsten. Wir sagen gern: „Wie werden wir unseren Kindern in die Augen schauen?“
Die Kinder werden alles verstehen und verzeihen. Kinder kann man schließlich auch täuschen. Aber in Wirklichkeit schaut man sich selbst in die Augen, wenn man in den Spiegel blickt. Und dort findet man die wichtigste Antwort auf die Frage, was im eigenen Leben wirklich geschehen ist.
Ich habe gerade das Wort „Redlichkeit“ (ukr. доброчесність) gehört – als ein wichtiges Thema unseres heutigen Gesprächs. Da erinnerte ich mich daran, wie ich als junger Mann einmal mit Oles Terentjowytsch Hontschar an der Küste des Finnischen Meerbusens spazieren ging.
Und er sagte zu mir: „Vitaly, bitte finde mir in ein paar Minuten das ukrainische Äquivalent des russischen Wortes нравственность (Moralität).“
Ich dachte nach, aber mir fiel nichts ein.
Und Oles Terentjowytsch sagte: „Nun, es gibt doch доброчесність (Redlichkeit, Tugend). Verstehst du, Vitaly, Redlichkeit ist viel wichtiger als Moralität, denn sie verlangt eine Antwort von einem konkreten Menschen, nicht von allen. Ein Mensch kann redlich sein – eine Gesellschaft kann moralisch sein.“
Im Russischen, seltsamerweise, gibt es gar kein echtes Wort für Redlichkeit.
Versuchen wir also zu begreifen, was das bedeutet. Vor einigen Tagen ist im Alter von 100 Jahren eine Ukrainerin gestorben – Lidiya Sawtschuk –, über die in unserem Land nur wenige etwas wissen. Sie war eine der letzten „Gerechten unter den Völkern“. Sie stammte aus einer Familie, die während des Zweiten Weltkriegs Juden rettete. Solche Menschen gibt es nur noch sehr wenige, alles sind sehr alte Menschen. Ich muss euch sagen: Jeden Monat sammeln wir Geld, damit sie ihre letzten Lebensjahre überhaupt überstehen können. Niemand hat ihnen je wirklich etwas für ihr Risiko vergolten.
Lidiya Sawtschuk hatte, kann man sagen, ein glücklicheres Leben als viele andere, weil sie nach dem Krieg den jungen Mann heiratete, den ihre Familie während des Krieges gerettet hatte. Dieser Mann wurde später Volkskünstler der Ukraine – Isaak Tartakowskyj –, der Begründer einer ganzen Künstlerdynastie, die in der ukrainischen Malerei bekannt ist. Aber die Frage ist nicht, wer was wurde. Die Frage ist, wer wen rettete – und wie. Denn es war vollkommen klar: Wenn man jemanden fand, den du im Keller versteckt hattest, würde man dich, deine Frau und deine Kinder erschießen.
Dann hätte niemand mehr irgendjemanden heiraten können.
In der Ukraine spricht man oft von „Familienwerten“ als dem Fundament der Redlichkeit. Aber wenn die Menschen nur an die Familienwerte ihres eigenen Volkes gedacht hätten, würde mein Volk heute gar nicht mehr existieren. Man muss an das Gewissen denken, an die innere Stimme:
Bist du bereit, einem Menschen zu helfen, der in tödlicher Gefahr ist – auch wenn du selbst dadurch in Gefahr gerätst?
Ich sage euch ehrlich: Ich weiß nicht, wie ich selbst in so einem Moment handeln würde, wenn ich wüsste, dass die Folge meines Handelns der Tod meiner Angehörigen wäre. Niemand von uns kann auf so eine Frage antworten, bis er wirklich vor ihr steht.
Aber in einem solchen Moment – wie auch in vielen anderen Momenten – entscheidet sich, ob ein Mensch redlich ist oder nicht, und worauf die Zukunft seiner Familie und seines Landes überhaupt gegründet ist.
Und was bedeutet es, zu überleben? Zu überleben um jeden Preis – auf Kosten eines anderen? Oder gemeinsam mit dem anderen zu überleben, selbst wenn dieser einem fremd ist? Das sind schwierige Fragen, auf die wir uns in nicht-kritischen Momenten unseres Lebens nie Antworten geben.
Unser Problem ist, dass wir in einem kritischen Moment leben. Und immer wieder tauchen solche Fragen auf, auf die wir antworten müssen. Und jedes Mal denken wir darüber nach, wie wir die richtige Entwicklungsrichtung wählen, um keinen Fehler zu machen, um das Land, die Familie und uns selbst zu bewahren. Ich habe diese Prioritäten übrigens immer genau in dieser Reihenfolge gesetzt – und nicht umgekehrt. Denn wenn es das Land nicht gibt, wird es zumindest für die Ukrainer auch keine Familien hier geben. Und sie selbst werden höchstwahrscheinlich entweder vernichtet oder vertrieben werden. Wenn man also sich selbst, dann die Familie und erst danach das Land stellt, ist das höchstwahrscheinlich der Weg zur eigenen Vernichtung – und zum Verschwinden aus dem Ort, an dem man jahrhundertelang gelebt hat.
Auch das, würde ich sagen, ist ein existenzieller Moment dieses Krieges – ein Moment, über den viele nicht nachdenken wollen und an den viele nicht glauben. Sie glauben nicht daran, weil die ukrainische Geschichte viele Seiten kennt, auf denen die Ukrainer verloren – und dennoch blieben. Deshalb glauben viele, dass, selbst wenn dieser Staat verloren ginge, alles so bliebe wie bisher – nur unter anderen Fahnen und in einer anderen Sprache, in der man ja ohnehin spricht.
Niemand will glauben, dass die Welt sich weiterentwickelt.Und so wie sich das ukrainische Volk entwickelt – das längst erkannt hat, dass es nur als Volk eines unabhängigen, souveränen Staates existieren kann –, so entwickelt sich auch das russische Volk. Es hat verstanden, dass es ohne die Vernichtung des ukrainischen Volkes seine imperiale Existenz nicht wiederherstellen, behaupten oder entwickeln kann.
Darin liegt das Wesen dieses Konflikts. Beide Völker sind letztlich zu ihren jeweiligen, für sich richtigen Antworten gekommen:
- Das ukrainische Volk hat erkannt, dass es seine Souveränität verteidigen muss.
- Das russische Volk hat erkannt, dass seine imperiale Macht neben einem ukrainischen Volk nicht existieren und stark sein kann.
Andere Antworten gibt es nicht. Und, ich würde sagen, auch keine anderen Fragen in diesem Krieg. Die Ukrainer werden sich entweder behaupten – oder sie werden verschwinden, werden zu einer Seite in ethnografischen Lehrbüchern. Und daran ist, wisst ihr, nichts „nicht-historisch“.
Ich selbst gehöre zu einem Volk, das beinahe selbst zu einer Seite in ethnografischen Lehrbüchern geworden wäre. Oft, wenn ich in archäologische Museen gehe, sehe ich dort Spuren von Völkern, neben denen wir einst lebten – und die heute nur noch Exponate für Touristen sind. Mir ist wichtig, dass das ukrainische Volk kein Museumsstück wird, sondern ein lebendiger Organismus bleibt. Ich glaube, dass die Ukrainer das verdient haben – durch ihre ganze Geschichte, durch ihre Bereitschaft zu kämpfen, letztlich durch ihre Redlichkeit.
Ich sehe hier viele Menschen – bekannte und unbekannte –, die während dieses Krieges die richtigen Antworten gefunden haben. Unterschiedliche Antworten. Ich sehe Menschen in Uniform. Ich sehe Menschen, die Freiwillige geworden sind und der ukrainischen Armee helfen. Ich sehe Menschen, die durch Diplomatie und gesellschaftliches Engagement versuchen, die Aufmerksamkeit der Welt auf die ukrainische Tragödie zu lenken. Ich sehe Menschen, die versuchen, in hoffnungslosen Bedingungen Wirtschaft zu entwickeln und zu investieren. Denn ich glaube, in einem Land, in dem jedes Objekt jederzeit zerstört werden kann, ist jede Investition bereits eine Tat.
Doch zugleich weiß ich genau, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der viele Menschen das Gegenteil tun. Ich bin schließlich Journalist. Ich bin es gewohnt, meiner Zuhörerschaft die Wahrheit zu sagen – aber ich arbeite in einer beruflichen Gemeinschaft, in der viele glauben, dass Lüge der Weg zum Erfolg sei. Ich arbeite seit Jahrzehnten mit diesen Menschen zusammen und kann sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Ganz zu schweigen von meinen russischen Kollegen, mit denen ich seit Jahrzehnten arbeite – und bei denen ich überhaupt nicht sicher bin, ob ich sie jemals von irgendetwas überzeugen könnte.
Aber auch in der Ukraine ist die Lage in dieser Hinsicht, wie ihr alle wisst, nicht einfach. Es reicht, den Fernseher einzuschalten. Doch die Frage ist nicht, wie sich jene Menschen verhalten, die glauben, man könne lügen, man könne auf Kosten anderer überleben, man könne so tun, als gäbe es diesen Krieg gar nicht, man müsse nur warten, bis eine andere Fahne weht – und dann werde der Frieden kommen. Wichtig ist, dass diese Menschen das nicht für normal halten.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob ein Mensch zu einer Tat fähig ist oder nicht.
Wichtig ist, dass in unserer Gesellschaft das Böse nicht zur Norm geworden ist – so wie es übrigens bei unseren Nachbarn geschehen ist. Denn die ganze russische Aggression gegen die Ukraine, der ganze Wunsch, uns zu vernichten – all das geschah, als für die russische Gesellschaft das Böse zur Norm wurde.
Ich erinnere mich sehr gut an den Moment in meinem Leben, als ich das begriff. Ich war in einer Fernsehsendung, noch vor dem ersten Tschetschenienkrieg. Meine Kollegen traten einer nach dem anderen auf und forderten im Grunde die russische Regierung auf, Krieg gegen die Tschetschenen zu führen. Als ich aufstand und sagte, ich würde nicht raten, diesen blutigen Haken des Kaukasus erneut anzufassen – durch den Russland schon einmal gegangen war –, weil man sonst Demokratie, Entwicklung und ein normales gesellschaftliches Leben verlieren könnte, sagte die Moderatorin der Sendung, eine populäre russische Journalistin, die „Stimme der Perestroika“, zu mir einen Satz, den ich nie vergessen habe: „Machen Sie uns keine Angst“, sagte sie. Und ich verstand: Es ist vorbei. Die Chance auf menschliche Veränderung war zerstört. Denn sie begannen, mit dem Bösen und der Unmoral zu leben.
Die Menschen, die tagtäglich für uns ihr Leben und ihre Gesundheit opfern – seit vier Jahren, und viele schon seit elf Jahren –, denkt darüber nach! Diese Menschen, die zu Hause von ihren Frauen, Männern, Kindern, Verwandten erwartet werden, die unter unerträglichen Bedingungen weiterkämpfen – sie beweisen uns, dass Redlichkeit existiert. Dass die Fähigkeit, sich selbst für das Land zu opfern, existiert.
Und das bedeutet, dass wir in unserem moralischen Verhalten zumindest dieser Tat, diesem Opfer, dieser Fähigkeit, sich über die Herausforderungen der Geschichte zu erheben, würdig sein müssen. Und das ist, nebenbei gesagt, Redlichkeit. Und Redlichkeit – in unserer Situation – ist die Ukraine selbst.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Rede
Titel des Originals: Війна в Україні: Як вижити в постійному конфлікті | Віталій Портников @reopenzakarpattia8203. 11.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.