Museum der Unschuld. Vitaly Portnikov. 26.07.2026.

Музей невинності. Віталій Портников @tvoyemistoTV. 26.07.2026.

Als ich zum ersten Mal die Bilder von Nikifor Drowniak in seiner Heimat Krynyzja sah, fiel mir als Erstes ihre erstaunliche, beinahe kindliche Naivität auf, ja geradezu eine Unschuld des Empfindens. Man sagt, in jedem Künstler lebe eine kindliche Seele – obwohl ich glaube, dass das längst nicht auf jeden zutrifft. Bei Nikifor war das jedoch keine Metapher, sondern seine tatsächliche Haltung zum Leben. Und später, als ich das filmische Porträt Drowniaks sah, das die polnische Schauspielerin Krystyna Feldman in Krzysztof Krauzes großartigem Biopic verkörperte, wurde mir klar, dass ich mit diesem Eindruck keineswegs allein war. Ein großes Kind, das seine Träume und seine Ängste auf die Leinwand überträgt – ein Kind, das man nicht einmal zu seiner eigenen Ausstellung hineinlässt, während die „Erwachsenen“ seine Bilder bewundern.

Je besser ich die ukrainische naive Malerei kennenlernte, desto häufiger begegnete mir dieses Motiv kindlicher Reinheit, das sich geradezu zu ihrem wichtigsten Merkmal entwickelte – so sehr, dass es für mich zu einem Teil meiner Wahrnehmung der Ukraine wurde. Man könnte sagen, das sei bei jeder Form des Primitivismus so. Doch das stimmt nicht. Die Welt der naiven Kunst Europas hat die ganze Energie der Burleske, die Vitalität des Lebens und die Farben des Mittelmeerraums in sich aufgenommen. Ich erinnere mich gut daran, wie eine solche Kunst in kroatischen oder italienischen Galerien berauscht wie ein Glas Prosecco.

Die ukrainische naive Kunst dagegen erzählt häufig vom Schmerz. Vom Schmerz eines Erwachsenen, der sein Leiden gerade als kindlichen Schmerz empfindet, weil er nicht versteht, weshalb ihm ein so schweres Schicksal bestimmt wurde. Die Galerie ZAG hat einen Teil dieser Werke unter einem Dach in Lwiw zusammengeführt. Nun kann man erkennen, dass dieser kindliche Schmerz allen ukrainischen Primitivisten gemeinsam ist. Man spürt ihn in den Bildern von Paraska Plytka-Horyzwit, die ihr ganzes schwieriges Leben in Kryworivnja verbrachte, ebenso wie bei Dmytro Stryjek, der nach Kanada auswanderte und erst im hohen Alter Maler wurde. Die Ukrainer waren immer ein Volk mit einem schweren Schicksal, und diese Rückkehr in die Kindheit konnte für Menschen zu einer Rettung werden, für die der Pinsel buchstäblich zur Heilung wurde – wie etwa für Polina Rajko, die ihr kleines Haus in Oleschky in eine wahrhaft phantasmagorische Welt verwandelte. Und wie bitter ist der Gedanke, dass Enthusiasten dieses kleine, farbenfrohe Haus nach dem Tod der Künstlerin zu retten versuchten, der russische Angriff auf den Kachowka-Staudamm jedoch zu seiner Zerstörung führte.

Auf erstaunliche Weise zeigt die Galerie „Ja“ unmittelbar neben dieser Ausstellung von Werken, die die ukrainische Seele gleichsam von ihrer märchenhaften Seite zeigen, Bilder von Dmytro Moldowanow – einem der Künstler der gemeinsamen Ausstellung naiver Kunst. Moldowanow ist mein Altersgenosse. Das bedeutet, dass dieser Blick auf die Welt mit den staunenden Augen eines Kindes, das nicht erwachsen werden will, bis heute fortbesteht. Der Krieg kann ein Haus überfluten, aber er kann einem den Pinsel nicht nehmen. Dass die eine Ausstellung diese Reise durch das erwachsene Kindsein gleichsam fortsetzt, erinnert daran, dass es aus jedem, selbst dem schlimmsten Unglück, einen Ausweg in den Farben gibt.

Traurig, zugleich aber ebenfalls hochsymbolisch war der Abschied von der ukrainischen Keramikkünstlerin Hanna Drul, der gerade in die Tage der Eröffnung dieser beiden Ausstellungen fiel. Denn trotz aller Experimentierfreude ihrer außergewöhnlichen Kunst war sie vor allem berührend – also eine Kunst des reinen Blicks auf die Welt, der uns überhaupt aufrecht hält.

Und ja, gerade diese Naivität und diese Reinheit sind die wichtigste ukrainische Antwort auf all die Dunkelheit, die uns umgibt. Denn in allen großen Büchern der Menschheit heißt es, dass nur die Unschuld die Finsternis vertreibt – wenn sie sich im Wort ausdrückt oder auf die Leinwand zurückkehrt.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Музей невинності. Віталій Портников. 26.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 26.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von „Viktoriya Limbach,
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uebersetzungenzuukraine.data.blog
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