
Irische politische Beobachter behaupten in den letzten Wochen, dass nur ein Wunder verhindern könne, dass die von linken Parteien unterstützte Politikerin Catherine Connolly neue Präsidentin des Landes wird. Interessanterweise wird als eine Besonderheit in der Biografie der Favoritin der Umstand hervorgehoben, dass ihre Muttersprache Irisch ist. Für Irland ist das tatsächlich ein Phänomen. Formal beherrscht die Mehrheit der Bevölkerung dieses Landes die irische Sprache, doch als Muttersprache bleibt sie heute für weniger als ein Prozent der Bevölkerung erhalten.
Zum Schutz der irischen Sprache in Gebieten, in denen ihre Sprecher kompakt leben, wurden nach der Wiedererlangung der irischen Unabhängigkeit spezielle „Sprachreservate“ geschaffen – die sogenannten Gaeltacht. Doch im Laufe der Jahre der irischen Staatlichkeit hat sich die Situation nur verschlechtert. Und selbst heute, auf dem Gebiet des Gaeltacht, selbst dort, wo formal die irischsprachige Bevölkerung die Mehrheit stellt, wird Irisch eher als folkloristische oder – stellenweise – als Familiensprache verwendet, während im alltäglichen Umgang selbstverständlich Englisch gesprochen wird.
Wir sagen oft, dass es vor allem darum gehe, komfortable Bedingungen für die Wiederbelebung einer Sprache zu schaffen, entsprechende gesetzliche Regelungen zu erlassen, Unterricht und Medienangebote zu organisieren – und die weitere Entwicklung werde sich dann von selbst ergeben. Ich selbst sage das nicht selten. Kürzlich sah ich, wie jemand während einer weiteren Sprachdisskussion seine Gesprächspartner davon zu überzeugen versuchte, dass das Wichtigste der Übergang der „Eliten“ zur ukrainischen Sprache sei – und dann werde das Volk schon nachziehen. Doch die irische Erfahrung hat bewiesen, dass alles auch genau umgekehrt verlaufen kann.
Die Geschichte der irischen und der ukrainischen Sprache weist viele Parallelen auf – beide wurden von Imperien vernichtet und verfolgt, auf ein „bäuerliches“ Niveau herabgedrückt, die Gebiete ihrer Verbreitung wurden durch den Hunger verbrannt. Doch mit der Ausrufung der Unabhängigkeit erhielt die ukrainische Sprache einen Impuls zur Entwicklung, während die irische den letzten Schritt in Richtung Verschwinden tat. Und das, obwohl die Loyalität der Iren gegenüber dem Status ihrer Sprache als erster Staatssprache stets außerordentlich hoch war. Die Sprache wurde respektiert, als eines der Symbole der Identität betrachtet (der langjährige Staatschef Irlands Éamon de Valera sagte einst sogar, es sei besser, ein unterworfenes Irland mit Sprache zu haben als ein freies Irland ohne Sprache), doch sprechen wollte man sie nicht.
Ja, die irische Elite war stets fasziniert von der sprachlichen Entwicklung – davon zeugen überzeugend die Dubliner des großen irischen (aber englischsprachigen) Schriftstellers James Joyce. Das irische Volk hingegen verachtete diese Sprache – man war symbolisch stolz auf sie, betrachtete sie tatsächlich aber weiterhin als die Sprache der „Bauern“. Und ja, es war das Volk, das die Aufhebung der Vorschrift durchsetzte, wonach alle Staatsbediensteten die Sprache obligatorisch beherrschen mussten – seither muss man Sprachkenntnisse nur noch auf höheren Ebenen nachweisen. Doch nicht jeder Ire ist Präsident.
Natürlich kann man lange zu verstehen versuchen, warum es in Irland nicht gelungen ist – obwohl es sowohl den Wunsch als auch staatliche Unterstützung gab. Es gelang nicht, die Sprache auf staatlicher Ebene zu schützen, und ebenso wenig in den Sprachreservaten. Es gelang nicht, die irische Sprache wiederzubeleben – obwohl im Mittelalter genau diese Sprache die Sprache des Staates und des Bildungswesens war, und Irland damals das einzige Land in Europa war, das einen solchen Erfolg vorweisen konnte – denn alle anderen Länder nutzten in Verwaltung und Bildung keine „Volkssprachen“, sondern Latein.
Man könnte natürlich annehmen, dass den Iren ihre „religiöse Identität“ einen bösen Streich gespielt hat, denn in einer bestimmten Phase unterschied sich das irische Volk von den Engländern oder Schotten hauptsächlich durch die Konfession. Doch das ist auch nicht ganz richtig: unter den Befürwortern der irischen Unabhängigkeit gab es Protestanten, und unter den Unionisten Katholiken. Aber der Ersatz nationaler Identität durch religiöse Unterschiede ist ein gefährliches Experiment. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien das ausreichend zu sein, doch je weniger religiös die irische Gesellschaft (wie auch die britische) wird, desto geringer werden die Unterschiede.
Und übrigens: In den letzten Jahren gehen die Iren zu Zehntausenden auf die Straßen, um gegen israelische jüdische „Siedler“ zu demonstrieren. Doch eben jenen „Siedlern“, die sich durch ihre Religion klar von anderen unterschieden, ist es gelungen, ihre Muttersprache auf dem Land, in das sie zurückgekehrt sind, wiederzubeleben. Den Iren hingegen ist es nicht gelungen, ihre Muttersprache auf dem Land wiederzubeleben, auf dem sie geblieben sind. Und das, obwohl die irischen Gründer der Unabhängigkeit keinerlei Zweifel hegten – gelingt es nicht, die Sprache wiederzubeleben, wird es auch nicht gelingen, die Identität wiederzubeleben.
Warum also stellte sich das Volk faktisch gegen die Versuche seines eigenen Staates?
Weil es den Briten gelungen ist, nicht nur die irische Sprache zu verdrängen und zu marginalisieren, sondern vor allem, ihren Status als „unprestigeträchtig“ im Vergleich zur englischen Sprache festzuschreiben. Selbst der Unabhängigkeitskampf, selbst die Unabhängigkeit selbst, änderten daran in der Wahrnehmung des gewöhnlichen Menschen nichts – und die irische Emigration nach Amerika, wo Englisch ebenfalls dem gesellschaftlichen Aufstieg diente, verstärkte diesen Eindruck nur noch.
In Israel war das nicht der Fall, gerade weil für seine ersten Bewohner keine „Prestigeunterschiede“ zwischen den Sprachen der Diaspora und der Sprache der Bibel existierten. Eine Gefahr trat höchstens in den 1990er Jahren auf, als Millionen sowjetischer Juden in das Land einwanderten – und unter ihnen befanden sich viele Menschen, die in der Tradition aufgewachsen waren, das eigene kulturelle Erbe als zweitrangig gegenüber der „großen russischen Kultur“ zu betrachten. Doch das konnte die Position des Hebräischen bereits nicht mehr verändern.
Und dieses irische Fiasko ist eine wichtige Lehre für uns. Wir brauchen nicht einfach einen ukrainischsprachigen Staat und schon gar keine bloß ukrainischsprachige Elite.
Wir brauchen ein ukrainischsprachiges Volk. Ein Volk, das Ukrainisch spricht – nicht aus Protest, und das nicht wieder zum Russischen zurückkehrt, weil es bequemer und vertrauter ist. Ein Volk, das Ukrainisch mit seinen Kindern sprechen will.
Wenn es ein solches Volk nicht gibt – wird kein Staat helfen.
Dann wird es keine ukrainische Sprache geben.
Dann wird es eine Gaeltacht geben.