
Wahrscheinlich hat es in der Nachkriegsgeschichte der Kirche in der Ukraine keine so große und zugleich so widersprüchliche Persönlichkeit gegeben wie Filaret. Selbst am Tag seines Todes sprachen die einen voller Bewunderung von seiner geistlichen Leistung und Askese, während andere an seine Zusammenarbeit mit dem KGB, seine Machtgier oder sogar an das Vorhandensein einer Familie erinnerten – all jene inzwischen vertrauten Vorwürfe, die wir von Moskauer Geistlichen gegenüber Filaret gehört haben und an die sie aus irgendeinem Grund nie erinnerten, als dieser schöne und harte Mann faktisch das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche war – und das war er.
Dennoch muss man jetzt, da er nicht mehr unter uns ist, eine einfache Sache begreifen: Gerade dieser Geistliche, der in der Russischen Orthodoxen Kirche bis in höchste Höhen aufstieg und sie als „Schattenpatriarch“ und Leiter der Übergangszeit führte, gerade dieser Geistliche, auf den Moskau in der Frage der Beibehaltung der ukrainischen Kirche unter Moskauer Unterordnung zählen konnte, hat die unterdrückte und moskautreue ukrainische Orthodoxie wiederbelebt. Man kann über die Motive Filarets sagen, was man will, aber entscheidend ist nicht das Motiv – entscheidend ist das historische Ergebnis: Die kanonische Orthodoxe Kirche der Ukraine existiert und wird für immer bestehen. Und wenn Filaret es nicht gewagt hätte, sich der russischen Kirche und der gesamten Weltorthodoxie zu widersetzen, wenn er sich gefürchtet hätte, außerhalb ihrer Grenzen das Kyiver Patriarchat zu schaffen – wer, sagen Sie mir, hätte dann den Tomos erhalten in einer Situation, in der die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats selbst im fünften Jahr des großen Krieges Angst hat, die „geistliche Verbindung“ mit Moskau zu lösen, während sich die ukrainische Kirche im Ausland mit einem autonomen Status unter dem Ökumenischen Patriarchat hätte begnügen können (was letztlich auch vor der Erlangung des Tomos geschah)?
Viele von denen, die diesen Wiederaufbau der Kirche als geistliche Leistung bezeichnen, verstehen vielleicht nicht, welche unerträgliche Qual dies für ihn gewesen sein muss – der vollständige Bruch mit dem Milieu, in dem er aufgewachsen war und sich verwirklicht hatte. Schließlich wurde er Metropolit von Kyiv zu einer Zeit, als die meisten von uns noch nicht einmal geboren waren. All diese Jahrzehnte war er einer von ihnen und nicht einer von uns. Er führte sie an – und konnte übrigens hoffen, dass sie ihn zumindest als fähigen kirchlichen Administrator anerkennen würden, wenn schon nicht als Hirten.
Das geschah nicht. Das war der erste große Verrat in seinem Leben – als er für das Amt des Patriarchen kandidierte und zurückgewiesen wurde. Ich war übrigens auf jenem Konzil im Sommer 1990, als viele überzeugt waren, dass gerade Filaret, der in den Zeiten des Patriarchen Pimen „die Schlüssel zur Kirche“ in der Hand hatte (und einer der wichtigsten Lobbyisten für dessen Wahl war), der Nachfolger des verstorbenen Oberhaupts der Russischen Orthodoxen Kirche werden würde.
Dazu kam es nicht. Ich muss sagen: Das war vor allem ein antiukrainisches Konzil. Seine Teilnehmer wollten weder für Filaret noch für den künftigen Vorsteher der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, Volodymyr, stimmen, gerade weil beide Metropoliten Ukrainer waren. Den Slogan „lieber ein Deutscher als ein Chochol“ hörte ich damals nicht nur einmal – und so wurde schließlich Alexij II. Patriarch, tatsächlich ein ethnischer Deutscher, mit dessen Wahl die russischen Geistlichen das Ende der „Vorherrschaft“ ihrer ukrainischen Kollegen verbanden. Und die Gewährung von Autonomie an die UOK war in erster Linie mit dem Wunsch verbunden, die Ukrainer „zu Hause einzusperren“ und sie nicht mehr nach Russland oder in andere Sowjetrepubliken zu lassen – und keineswegs mit Respekt vor Filaret oder der ukrainischen kirchlichen Tradition.
Doch als Filaret weiterging – als er logisch folgerte, dass es in einem unabhängigen Staat auch eine eigene Kirche geben müsse und dass gerade Moskau dieser Kirche die Autokephalie gewähren müsse –, stieß er auf neue Verrate. Der erste war der Verrat seiner Kollegen im russischen Synod, die ihn zum Abtrünnigen erklärten – obwohl ich keinen Zweifel habe, dass dieser erfahrene Kirchenpolitiker seine Absichten mit ihnen besprochen hatte. Aber Alexij II. konsultierte den Kreml – und dort machte man ihm natürlich klar, was für jeden russischen Machthaber offensichtlich war: Die Staatlichkeit der Ukraine sei ein vorübergehendes Phänomen. Und es wäre doch seltsam, wenn es wieder einen einheitlichen Staat gäbe – und dazu noch eine unverständliche eigenständige ukrainische Kirche. Wozu?
Und dann kam der Verrat seiner Kollegen im ukrainischen Synod, von denen die überwältigende Mehrheit durch ihn zu Priestern, Metropoliten und Persönlichkeiten in der neuen autonomen Kirche geworden war. Natürlich unterstützten sie alle seinen Vorschlag zur Autokephalie – weil sie verstanden, dass dies das Ergebnis vorheriger Konsultationen war. Aber als sie sahen, dass Moskau seine Meinung geändert hatte, verrieten sie ihren Vorsteher, hielten einen unkanonischen und illegalen Synod ab und vertrieben ihn aus der Kirche – nur um ihren Moskauer Kuratoren zu gefallen. Und das war noch nicht der größte Verrat. Der größte Verrat war der jener Gläubigen, die bei diesen Verrätern blieben.
Und über das Leben in dieser Atmosphäre des Verrats ließe sich kein Text, sondern ein Roman schreiben. In unseren Gesprächen hatte ich den Eindruck, dass er auch das Verhalten des neuen Moskauer Patriarchen Kirill als Verrat empfand. Filaret hatte während seiner Zeit im Synod der Russischen Orthodoxen Kirche in Metropolit Nikodim, dem Mentor Kirills, seinen engsten Freund und politischen Partner. Nikodim hatte einen schwierigen Ruf; die meisten Kollegen hielten ihn für einen Mann, der zu einem katholischen Ansatz beim Aufbau der Kirche neigte (Kirill wird sich später selbst in eine Art Moskauer Papst verwandeln). Und als Nikodim in den Armen von Papst Johannes Paul I. starb (er war gekommen, um ihm zur Wahl zu gratulieren, und ein Herzinfarkt ereilte ihn in den Gemächern des Pontifex, der übrigens selbst wenige Wochen später starb), beschloss man in der Russischen Orthodoxen Kirche, sich von den Schülern des verstorbenen Metropoliten zu trennen. Und Filaret, der zusammen mit Nikodim den jungen Kirill zum Priester geweiht hatte, rettete ihn buchstäblich vor einem unvermeidlichen Absturz. Und wie zahlte Kirill seinem Retter das zurück? Nicht nur durch die Verschärfung des Kampfes gegen seine Kirche, sondern auch durch den Versuch, die Ukraine zu seinem eigenen Territorium zu machen – wobei der Gesundheitszustand von Metropolit Volodymyr und Janukowytsch dies nur begünstigten. Und das war noch, bevor Kirill zum Patriarchen des Krieges wurde.
Wie kann ein Mensch in einer solchen Atmosphäre überleben, ohne den Glauben zu verlieren? Aber er war immer wie ein Fels. Sein Glaube an seine eigene Mission war unerschütterlich. Ja, die Mission konnte sich verändern, aber er selbst änderte sich nie in seinem Glauben an seinen eigenen Weg, den nur er selbst gehen konnte und musste. Und nur ein einziges Mal in all diesen langen Jahren habe ich ihn gerührt gesehen – als es zur Versöhnung mit Metropolit Epiphanius und den anderen Mitgliedern des Synods der Orthodoxen Kirche der Ukraine kam.
Doch das war bereits ein Abschied.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Патріарх і зрада. Віталій Портников. 22.03.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 22.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.