Wer wird Chameneis Nachfolger? | Vitaly Portnikov. 04.03.2026.

Noch gestern berichteten die oppositionelle iranische Nachrichtenagentur Iranal und eine Reihe westlicher Medien über die Wahl eines neuen Obersten Führers der Islamischen Republik und darüber, dass dieser neue Oberste Führer der Sohn des vorherigen sei – Mojtaba Chamenei. Allerdings wies das Korps der Islamischen Revolutionsgarden diese Meldungen umgehend zurück und erklärte, dass die Wahl des Obersten Führers bisher nicht stattgefunden habe und höchstwahrscheinlich erst nach der Abschiedszeremonie für Ayatollah Ali Chamenei stattfinden werde.

Wann diese Zeremonie stattfinden wird, weiß derzeit jedoch niemand, denn die geplante Abschiedszeremonie wurde entweder abgesagt oder verschoben. Offensichtlich befindet sich der Staatsapparat des Iran nach mehreren Tagen intensiver amerikanischer und israelischer Bombardierungen in einem Zustand der Lähmung. Und es wäre seltsam, wenn sich die Ereignisse in eine andere Richtung entwickeln würden.

Dennoch bleibt die Frage offen, ob Mojtaba Chamenei tatsächlich zum Obersten Führer gewählt wurde und das Revolutionsgardenkorps diese Information lediglich vor der Öffentlichkeit verbirgt, oder ob die Verhandlungen darüber, wer die Islamische Republik führen wird, noch andauern. Erst nachdem sich die höchsten Kreise der iranischen Elite auf die Figur des neuen Obersten Führers geeinigt haben – wobei offenbar derzeit der Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates, Ali Laridschani, den größten Einfluss besitzt – wird der Name des neuen Staatsoberhaupts der Öffentlichkeit bekannt gegeben.

Die Wahl Mojtaba Chameneis zum neuen Obersten Führer hätte durchaus ihre eigene Logik. Die politische Struktur, die im Iran während der Jahrzehnte der Herrschaft seines Vaters aufgebaut wurde, unterscheidet sich sogar von dem System, das nach der Gründung der Islamischen Republik von ihrem ersten autoritären Führer, Ayatollah Ruhollah Mousavi Chomeini, errichtet wurde. Ayatollah Ali Chamenei war keineswegs der stärkste Anwärter auf den Posten des Obersten Führers nach dem Tod Chomeinis. Er wurde vielmehr gerade deshalb gewählt, weil man ihn nicht als besonders einflussreiche Figur wahrnahm. Um in der iranischen Theokratie tatsächlich absolute Macht zu erlangen, griff Ali Chamenei auf die Dienste des Korps der Islamischen Revolutionsgarden zurück.

Im Grunde genommen geschah im Iran dasselbe, was auch in Russland nach dem Verbot der Kommunistischen Partei der Sowjetunion geschah, als die wichtigsten Machtinstrumente allmählich in die Hände von ehemaligen Mitarbeitern des Komitees für Staatssicherheit der Sowjetunion (KGB) übergingen, das später in den Föderalen Sicherheitsdienst Russlands (FSB) umbenannt wurde. Bekanntlich führt einer der Vertreter genau dieser Struktur, Wladimir Putin, den russischen Staat nun bereits seit 26 Jahren und hat eine Machtvertikale aufgebaut, die sich praktisch vollständig auf ehemalige Mitarbeiter von KGB und FSB stützt.

Im Iran fand eine ganz ähnliche Mutation statt – von einer islamischen Theokratie hin zur Macht der neuen „SS-Leute“ aus dem Korps der Islamischen Revolutionsgarden. Und es ist klar, dass diese Menschen an der Spitze der Islamischen Republik erneut einen ihrer eigenen Kandidaten sehen möchten, der gezwungen wäre, sich auf ihre Bajonette und auf die Unterstützung der Miliz der sogenannten Basidschi, der zivilen Garde dieser iranischen „SS“, zu stützen.

Jede andere Kandidatur kann ebenfalls nicht ohne Zustimmung des Korps der Revolutionsgarden durchgesetzt werden. Es wird über die Kandidatur von Ayatollah Arafi gesprochen, der derzeit als Übergangsführer des Iran bezeichnet wird. Doch auch er verfügt über ungefähr dieselben Verbindungen zum Korps der Revolutionsgarden wie die Familie Chamenei. Er könnte nur deshalb gewählt werden, weil die Revolutionsgarden möglicherweise eine öffentliche Reaktion auf die faktische Verwandlung Irans von einer islamischen Theokratie in eine erblich angelegte Monarchie fürchten.

Eine weitere ziemlich bedeutende Figur, die in dieser Situation die Islamische Republik führen könnte, ist der Enkel ihres Gründers, Hassan Chomeini. Dieser Mann ist in Kreisen populär, die glauben, dass das System nicht einmal unbedingt reformiert werden könne – ich persönlich halte es ohnehin für unmöglich, dass solche menschenfeindlichen Theokratien reformiert werden –, sondern dass man zu seinen Ursprüngen zurückkehren müsse. Also zu dem Modell, das Ayatollah Chomeini während seines französischen Exils entwickelte: zum Modell der Allmacht der Ayatollahs und der Autorität des religiösen Theologen.

Dies ist formal das System, das in der Islamischen Republik existiert, das jedoch faktisch längst durch die Allmacht des Korps der Revolutionsgarden ersetzt worden ist. Und unter den Anhängern von Chomeinis Enkel gibt es natürlich viele Menschen, die glauben, dass gerade eine solche Rückkehr die Funktionsfähigkeit der Islamischen Republik in der Zukunft sichern könne. Doch das ist völliger Unsinn. Es gibt keine Diktatur mit menschlichem Gesicht.

Wie bekannt ist, muss sich die Islamische Republik, wenn sie existieren will, zwangsläufig auf die Bajonette des Korps der Revolutionsgarden stützen, die selbstverständlich ohne jedes Gewissensbiss Tausende und Zehntausende Gegner dieses Regimes erschießen können. Andernfalls könnte ein solches Regime schlicht nicht lange überleben. Der Kern eines repressiven Regimes besteht gerade in den Repressionen, nicht in Versuchen der Erneuerung. Und jede Erneuerung führt ein solches System nur zu einem Ergebnis: zum Zusammenbruch – was übrigens aus den Beispielen der Sowjetunion und Chinas gut bekannt ist.

In der Sowjetunion konnten die Kommunisten ihre Macht wegen eines Zerfalls an der Spitze und aus Angst vor der Wiederholung massiver Repressionen nicht halten. Infolgedessen verschwand diese menschenfeindliche Imperiumsstruktur von der politischen Landkarte der Welt. Erst jetzt versuchen ehemalige sowjetische Geheimdienstler, sie im Zuge des blutigen Krieges gegen die Ukraine wiederherzustellen.

Im kommunistischen China hingegen scheute die Führung nicht vor massiven Repressionen zurück und ließ den Protest auf dem Tiananmen-Platz gewaltsam zerschlagen. Niemand im Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas zögerte, Panzer auf den Platz zu schicken. Und der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPCh Hu Yaobang, der in gewisser Weise als chinesischer Gorbatschow hätte gelten können und in seinem Ansatz etwas zögerte, wurde aus dem politischen Leben des Landes entfernt und vergessen. Und so führen die chinesischen Kommunisten ihr repressives Regime bis heute weiter und sind bereit, den Vereinigten Staaten geopolitisch herauszufordern – im Grunde genommen bereit für einen möglichen dritten Weltkrieg der Zukunft.

Wenn das iranische Regime also überleben will, muss es zwangsläufig auf einen Kandidaten setzen, der vom Korps der Islamischen Revolutionsgarden unterstützt wird. Die entscheidende Frage ist jedoch: Ist das Korps der Revolutionsgarden überhaupt in der Lage, das Regime jetzt vor den intensiven Bombardierungen der Vereinigten Staaten und Israels zu schützen? Und inwieweit wird die Ausweitung des Krieges auf die Länder des Persischen Golfs, und vielleicht in naher Zukunft auch auf Europa, die Administration von Donald Trump dazu bringen, ein Einvernehmen gerade mit diesem Korps islamistischer „SS“ zu suchen?

Das ist eine äußerst wichtige Frage, von der das Überleben des Regimes in den kommenden Wochen und Monaten abhängen wird. Und übrigens auch davon, ob der neue Oberste Führer überleben wird – wer immer diese Position letztlich einnehmen mag.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Кто будет наследником Хаменеи | Виталий Портников. 04.03.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 04.03.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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