Der ehemalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Valery Zaluzhny, übte in seinem Interview mit der Nachrichtenagentur Associated Press scharfe Kritik an der ukrainischen Führung. Er erklärte, dass gerade die unzureichende Bereitstellung von Ressourcen und die Überarbeitung der Angriffspläne im Jahr 2023 das Scheitern dieser ukrainischen Pläne bestimmt hätten.
Zaluzhny berichtet, dass der erste Plan, der vom ukrainischen Militärkommando gemeinsam mit NATO-Offizieren ausgearbeitet worden war, eine Konzentration auf die Richtung Saporischschja vorsah – mit dem Ziel, das Kernkraftwerk Saporischschja von der russischen Kontrolle zu befreien und zugleich einen Korridor zum besetzten Krim zu durchbrechen. Tatsächlich jedoch wurde die Offensive gleichzeitig in mehreren Richtungen geführt und konnte deshalb schon aus diesem Grund nicht erfolgreich sein.
Der ehemalige Oberbefehlshaber schilderte außerdem einen Vorfall, der der Öffentlichkeit bislang unbekannt war und nicht das Jahr 2023, sondern September 2022 betrifft. Damals wurde in seinem Hauptquartier eine Durchsuchung durch Vertreter des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) durchgeführt. Zaluzhny drohte sogar dem damaligen Leiter des Präsidialamts, Andrij Jermak, dass die Armee diesen Kommandoposten verteidigen werde, falls die Durchsuchungen nicht eingestellt würden.
Beim Sicherheitsdienst selbst heißt es nun, man habe unter der betreffenden Adresse nach einem Stripclub gesucht. Zaluzhny widerspricht dieser Darstellung und erklärt, beim SBU könne man nicht nicht gewusst haben, dass sich unter dieser geheimen Adresse des ukrainischen Militärkommandos kein Stripclub befinden konnte. Es sei Druck auf ihn ausgeübt worden, auch wenn die Motive für diesen Druck im Herbst 2022 nicht ganz klar seien.
Selbstverständlich können diese Vorwürfe Zaluzhnys gegen eine Adresse, die man konkret mit Zelensky oder Jermak in Verbindung bringen könnte, von offiziellen Stellen zurückgewiesen werden. Tatsächlich entspricht eine Durchsuchung des Hauptquartiers Zaluzhnys im September 2022 keinem Motiv der Zweckmäßigkeit – außer einem: belastendes Material zu finden, um später Druck auf den populären Oberbefehlshaber der Streitkräfte ausüben zu können.
Was die Offensive von 2023 betrifft, erinnern wir uns daran, wie sorgfältig sich auch die Russen darauf vorbereitet hatten und welche Befestigungen sie errichteten, die jede Offensive ukrainischer Truppen – in welcher Richtung auch immer – in Frage stellten. Ob jedoch selbst Zaluzhnys ursprüngliche Pläne für einen Durchbruch der russischen Positionen realistisch waren, müssen Militärfachleute beurteilen.
Das Wichtigste an dieser Geschichte ist jedoch die Tatsache, dass Zaluzhny, der weiterhin als Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich arbeitet, sich erstmals eine so offene Kritik an der politischen Führung der Ukraine unter Volodymyr Zelensky erlaubte – und zwar in Bereichen, die auf einen Zerfall des Systems der Staatsverwaltung in der Ukraine hindeuten könnten. Das dürfte für jeden, der die Entwicklung des Landes seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 verfolgt, kein Geheimnis sein. Letztlich sind all diese Episoden, von denen Zaluzhny spricht, in jedem Fall eine Diagnose eben dieses Zerfalls.
Wenn der Sicherheitsdienst der Ukraine im Jahr 2022 das Büro Zaluzhnys mit dem Ziel durchsucht hat, belastendes Material zu finden, um später die Beziehungen des Präsidialamts zu einem populären Oberbefehlshaber nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, ist das ein offensichtlicher Zusammenbruch der Führungssysteme. In einer Situation, in der es um das Überleben des Staates geht, ist für Apparatschik-Kämpfe kein Platz.
Sollte der Sicherheitsdienst tatsächlich die Adresse eines Kommandopostens mit der ehemaligen Adresse eines Stripclubs verwechselt haben, ist auch das eine Diagnose des Zusammenbruchs der Verwaltung, denn es zeugt von Inkompetenz sowohl der Spezialdienste als auch der Justiz, die solche Durchsuchungen genehmigt.
Letztlich überrascht mich jedoch nichts mehr – nachdem ich etwa zur selben Zeit in meiner Wohnung ein Abhörgerät gefunden hatte, das der SBU später als kein Abhörgerät charakterisierte und das Verfahren mangels Straftat einstellte. Über Professionalität oder Inkompetenz habe ich keine Zweifel – hatte ich übrigens auch nicht, bevor ich dieses Gerät fand. Und falls es Aufzeichnungen gibt, könnten sie meine Gedanken über die Inkompetenz jener festgehalten haben, die den Staat in einem Moment führen, in dem es um sein Überleben geht.
Auch bezüglich der Offensive von 2023 kann man von Inkompetenz bei der Organisation des staatlichen Führungssystems sprechen – unabhängig davon, welche Pläne es gab und welches Schicksal sie ereilte. Es ist offensichtlich, dass sich die zivile Führung, die keinerlei reale Verbindung zu militärischen Planungen hat, nicht in das Handeln der Militärführung einmischen darf, die ihre weiteren Offensiven plant. Die Aufgabe der zivilen Führung besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Armee in einem Krieg um das Überleben des Staates ihre Funktionen erfüllen kann.
Wir haben wiederholt darüber gesprochen, dass die Einmischung der zivilen Führung in die konkrete Arbeit des Militärs für demokratische Staaten untypisch ist und eher ein Zeichen inkompetenter Autokratien darstellt – mit gravierenden Problemen und Opfern als Folge. Das ist keine Neuigkeit und zieht sich durch die gesamte Geschichte.
Selbst in sowjetischen Schulen – nachdem der Stalinismus offiziell verurteilt worden war – sprach man darüber, wie der damalige Oberste Befehlshaber der Streitkräfte der Sowjetunion versuchte, sich in die konkrete Arbeit der Militärs einzumischen und wie professionelle Militärs mit Stalin über die Zweckmäßigkeit bestimmter Entscheidungen streiten mussten, weil seine Eingriffe oft zu katastrophalen Situationen an der Front führten.
Praktisch dasselbe gilt für die Beziehungen deutscher Generäle und Feldmarschälle zu dem ehemaligen Gefreiten und späteren Reichskanzler Deutschlands, Adolf Hitler. Und eigentlich hätte man aus diesen historischen Erfahrungen Schlussfolgerungen ziehen können – schließlich versuchten weder der Präsident der Vereinigten Staaten Franklin Roosevelt noch der britische Premierminister Winston Churchill, sich in die konkrete Arbeit der Militärs einzumischen. Doch die Menschheit zieht niemals Lehren aus ihren Fehlern.
Das Thema, wie die Ukraine in den letzten Jahren überhaupt geführt wurde, ist jedoch ein eigenes Kapitel. Ich denke, ernsthaft darüber sprechen kann man erst nach dem Ende des Krieges. Wenn das ukrainische Volk in der Lage sein wird, ein Führungssystem zu schaffen, das den Anforderungen eines demokratischen Prozesses entspricht, wird ein neues ukrainisches Parlament – sofern es nicht erneut von Populisten beherrscht wird – verpflichtet sein, Kommissionen einzusetzen, die untersuchen, wie die Vorbereitung auf den Krieg mit Russland verlief und was in den Kriegsjahren mit den Handlungen der zivilen und militärischen Führung geschah.
Allerdings habe ich erhebliche Zweifel, dass dies geschieht. Denn es ist auch eine Frage der Qualität der ukrainischen Gesellschaft und ihrer Fähigkeit, richtig und kompetent zu wählen – statt sich jeder schillernden populistischen Agenda anzuschließen.
Nicht weniger interessant ist die Frage, warum Zaluzhny sich entschloss, mit einer so deutlichen Kritik an der ukrainischen politischen Führung aufzutreten. Hält der General seine politische Arbeit als Leiter der diplomatischen Vertretung der Ukraine im Vereinigten Königreich für beendet? Oder meint er, dass diese Kritik kein Anlass für das Ende seiner Tätigkeit ist? Charakterisiert er die Situation als eine, die zu Präsidentschaftswahlen führen könnte, bei denen Zaluzhny weiterhin als Hauptkonkurrent des amtierenden Präsidenten Volodymyr Zelensky gilt – sofern dieser für eine zweite Amtszeit kandidiert?
Und noch ein interessanter Punkt aus diesem Interview: Er bestätigt, dass der amerikanische Präsident Donald Trump nach Möglichkeiten sucht, Zelensky bei den nächsten Präsidentschaftswahlen loszuwerden. Denn Trumps Antipathie gegenüber Zelensky ist nicht erst seit 2025 bekannt, sondern – würde ich sagen – seit 2019, als Trump versuchte, Zelensky dazu zu bewegen, an der Suche nach Dokumenten mitzuwirken, die seinen damaligen Hauptgegner bei den Präsidentschaftswahlen, Joseph Biden, kompromittieren sollten.
Gemeint ist der Anruf, den der bekannte amerikanische Politstratege Paul Manafort bei Zaluzhny tätigte. Manafort ist seit langem mit Trump verbunden und war nicht nur an der Wahlkampagne des amtierenden amerikanischen Präsidenten beteiligt, sondern auch an der Wahlkampagne von Präsident Viktor Janukowytsch. Zaluzhny betonte jedoch, dass er eine Zusammenarbeit mit Manafort ablehnte und keinen Kontakt mit ihm aufnahm, als dieser versuchte, sich mit dem Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich in Verbindung zu setzen und seine Dienste anzubieten. Zaluzhny sagte den Journalisten von Associated Press, er komme ohne Manaforts Dienste aus und benötige sie nicht.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Залужний звинувачує Зеленського |
Віталій Портников. 18.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.