Russland verliert seine Schattenflotte | Vitaly Portnikov. 28.01.2026.

Das Magazin The Economist spricht von einem sogenannten perfekten Sturm für die Schattenflotte der Russischen Föderation.

Auf den ersten Blick: Was kann einer Flotte drohen, die aus fast 700 Tankern besteht und Moskau hilft, westliche Sanktionen zu umgehen? Die Tanker wechseln ständig ihre Namen. Sie ändern ihre Akkreditierungen. Sie wechseln sogar die Flaggen der Länder, zu denen sie formal gehören. Und wenn westliche Staaten einige dieser Tanker aufhalten oder die ukrainischen Verteidigungskräfte solche Schiffe beschädigen – was kann das real für Hunderte andere ändern?

Doch es zeigt sich, dass sich tatsächlich Entscheidendes verändert. Erstens geraten diese Tanker inzwischen massenhaft unter Sanktionen westlicher Staaten. Auf den Sanktionslisten stehen allein im vergangenen Jahr bereits rund 623 Tanker. Das bedeutet, dass diese Schiffe keine Akkreditierung mehr erhalten und ihre Tätigkeit nicht wieder aufnehmen können. Russland muss daher nach neuen Möglichkeiten suchen, seine Schattenflotte weiter zu nutzen.

Zweitens schränken die US-Sanktionen gegen die russischen Ölriesen Lukoil und Rosneft auch deren Fähigkeit ein, die Dienste der Schattenflotte zu nutzen, da immer mehr Raffinerien in China, Indien oder der Türkei schlicht Angst haben, Öl zu kaufen, das mit scheinbar „unsichtbaren“ Schiffen der Schattenflotte geliefert wird.

Drittens hat die Europäische Union seit Januar Sanktionen gegen alle Erdölprodukte verhängt, die aus russischem Öl in Raffinerien der Länder des sogenannten globalen Südens hergestellt werden. Das heißt: China, Indien oder die Türkei können nicht mehr auf den europäischen Markt setzen. Das ist ein wirklich schwerer Schlag für Russlands Möglichkeiten, denn es stellt sich die Frage: Wozu zusätzliche Mengen Öl einkaufen, wenn man sie nicht auf den Außenmärkten verkaufen kann?

Indien etwa hat den Import russischen Öls aus recht einfachen Gründen erhöht: Es kaufte dieses Öl in Rupien, verkaufte einen Teil der Ölprodukte auf dem eigenen Markt, den weitaus größeren Teil jedoch im Westen und wandelte so Rupien in Euro oder Dollar um. Dieser Weg ist für Indien – ebenso wie für China, die Türkei oder Brasilien – nun versperrt. Man kann daher davon ausgehen, dass diese Länder ihre Käufe russischen Öls bald reduzieren werden, da sie dieses Öl, das ohnehin mit erheblichen Abschlägen verkauft wird, nur noch für den eigenen Binnenbedarf benötigen.

Hinzu kommt, dass europäische Staaten begonnen haben, Tanker der russischen Schattenflotte festzuhalten – etwas, das es bisher nicht gegeben hat. Auch die ukrainischen Verteidigungskräfte haben begonnen, Angriffe auf diese Tanker auszuführen, was zuvor ebenfalls nicht geschah. Gleichzeitig erhöhen Versicherungsgesellschaften die Prämien für den Einsatz dieser Schiffe, was sie zu einem wenig profitablen Projekt macht. Zudem stehen neue EU-Sanktionen gegen jene Versicherer an, die Policen für Schiffe der russischen Schattenflotte ausstellen. Damit wird eine Versicherung in absehbarer Zeit nahezu unmöglich.

Das ist der perfekte Sturm: Einerseits verfügt Russland über Dutzende Schiffe, die niemand stoppen und deren Bewegungen zu Ländern, die weiterhin russisches Öl kaufen, kaum verfolgen kann. Andererseits wird dieses russische Öl diesen Ländern aus objektiven Gründen bald gar nicht mehr benötigt. Die Schiffe könnten für Russland bald zu „goldenen“ – also extrem teuren – Lasten werden.

Die Sanktionen gegen russische Ölunternehmen schaffen zudem massive Probleme bei der Preisbildung, da Russland sein Öl nun nur noch mit erheblichen Abschlägen verkaufen kann. Infolgedessen ist der Anteil der Energieeinnahmen am Haushalt der Russischen Föderation im Jahr 2025 auf 22 Prozent gesunken – ein historischer Tiefstand. Ähnlich niedrig war dieser Anteil nur während der Corona-Pandemie, als die nahezu vollständige Schließung der Weltwirtschaft auch die Ölpreise einbrechen ließ und zu großen Haushaltsverlusten führte.

Heute kann Russland seinen Haushalt nicht wegen einer Pandemie, sondern wegen des Krieges und der Sanktionen nicht mehr aus Öleinnahmen speisen. Das bedeutet nicht, dass die russische Führung keine anderen Einnahmequellen gefunden hätte – diese entstehen jedoch vor allem auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger der Russischen Föderation. Steuern werden erhöht, Abgaben für Unternehmen steigen.

Mit anderen Worten: Wenn Ölkonzerne und Gazprom nicht mehr die nötigen Gewinne liefern, die Putin erlauben würden, seinen blutigen Krieg gegen unser Land fortzusetzen, dann sollen eben die Bürger Russlands mehr für diesen Krieg bezahlen. Wie in dem alten russischen Witz über das Kind, das seinen Vater fragt, ob er weniger trinken werde, weil sein Lohn gekürzt wurde. Der „weise“ Vater – ganz Putin – erklärt dem Kind, dass es einfach weniger essen werde. Genau das geschieht derzeit mit den Bürgern der Russischen Föderation.

Russland ist nicht mehr von seinen Energiekonzernen abhängig – doch die Bürger Russlands haben keinen Grund zur Freude, denn sie werden zu Schafen, die Putin scheren will, um seine aggressiven Pläne fortzusetzen. Langfristig bedeutet das den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft und – letztlich – das Ende des Krieges.

Experten sagen derzeit, dass in der russischen Führung natürlich niemand ernsthaft wegen wirtschaftlicher Gründe über ein Kriegsende nachdenkt. Doch die Entwicklungen rund um die Schattenflotte Russlands und seine Energieeinnahmen zeigen klar: Dieser Krieg hätte niemals begonnen werden dürfen, denn er führt das aggressive Land faktisch in einen wirtschaftlichen Abgrund, in dem es früher oder später landen wird.

Für uns ist nur wichtig, diesem Druck standzuhalten und zu überleben – dem Druck eines Drachen, der bereits beginnt, nicht nur seine Köpfe, sondern auch seine Zähne zu verlieren. Und natürlich den Moment zu erleben, in dem die Tanker der russischen Schattenflotte endgültig kein russisches Öl mehr transportieren können und der Bankrott der ohnehin aus dem Staatshaushalt subventionierten russischen Öl- und Gaskonzerne beginnt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Росія втрачає тіньовий флот | Віталій Портников. 28.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 28.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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