Nach dem Treffen mit dem Generalsekretär der NATO, Mark Rutte, hat der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, seine Position in Bezug auf Grönland abgeschwächt und auf die Einführung von Zöllen gegen europäische Länder verzichtet – eine Drohung, mit der er noch vor wenigen Tagen aufgetreten war und die zu den schwerwiegendsten Auslösern von Spannungen in den Beziehungen zwischen den Verbündeten während Trumps gesamter Zeit im Oval Office zählte. Diese Drohung stellte übrigens auch das Erreichen eines wirtschaftlichen Einvernehmens zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union infrage, nachdem das Europäische Parlament im vergangenen Jahr auf die endgültige Umsetzung des Handelsabkommens verzichtet hatte, das zwischen Präsident Trump und der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, erzielt worden war.
Nun scheint es nicht mehr um eine vollständige Kontrolle der Vereinigten Staaten über Grönland zu gehen. Donald Trump stimmte einem Modell zu, nach dem das amerikanisch-dänische Abkommen über die Möglichkeiten der Vereinigten Staaten auf der Insel überprüft werden soll. Dabei würden die Vereinigten Staaten dort nicht nur ihre militärische Präsenz ausbauen, sondern auch Teile des grönländischen Territoriums zur souveränen Nutzung erhalten, auf denen sie ihre Militärbasen stationieren könnten.
Mark Rutte soll – den Medienberichten zufolge – Donald Trump ein Modell vorgeschlagen haben, das an den Status der britischen Militärbasen auf Zypern erinnert. Seit vielen Jahrzehnten stehen diese Gebiete unter souveräner Verwaltung des Vereinigten Königreichs und unterliegen damit nicht der Regierung in Nikosia. Selbst der Konflikt zwischen den beiden Teilen Zyperns hat an dieser britischen Souveränität nichts geändert.
Allerdings ist unklar, wie endgültig ein solches Abkommen tatsächlich wäre. Ebenso unklar ist, wie groß die territorialen Ansprüche der Vereinigten Staaten in Grönland ausfallen würden und wie die Verhandlungen zwischen Washington und Kopenhagen insgesamt verlaufen werden.
Europäische Beamte erklären in den Kulissen des Internationalen Wirtschaftsforums in Davos, dass man sich nach den zunächst hoffnungsvollen Berichten über das Treffen zwischen Trump und Rutte keineswegs entspannen sollte, da die Rede Donald Trumps auf dem Internationalen Wirtschaftsforum weiterhin im Raum stehe. In dieser Rede sprach der Präsident der Vereinigten Staaten vollkommen unmissverständlich von der Notwendigkeit einer Kontrolle über Grönland – und zwar über ganz Grönland. Es gibt bislang keinerlei offizielle Bestätigung zu gen dafür, dass der Präsident der Vereinigten Staaten seinen Ansatz tatsächlich geändert hat.
Auch Trumps Aussagen, Grönland müsse Teil des sogenannten „Goldenen Schutzschildes“ werden und es gehe dabei um die Sicherheit nicht nur der Vereinigten Staaten, sondern ganz Europas, können kaum als klare Erklärung des Geschehens dienen. Schon allein deshalb nicht, weil – wie wir wissen – die Frage der Stationierung amerikanischer Militärbasen auf der Insel keineswegs zwangsläufig mit amerikanischer Souveränität über diese Basen verbunden sein muss. Zudem haben die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahrzehnten ihr Netz an Militärbasen in Grönland nicht ausgebaut, sondern im Gegenteil die Zahl der Basen und des dort eingesetzten Personals reduziert. Bislang gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass das Pentagon seine militärische Präsenz auf der Insel verstärkt.
Die Pressesprecherin von Präsident Trump, Karoline Leavitt, erklärte unmissverständlich, dass Trump vor allem an den Bodenschätzen und natürlichen Ressourcen Grönlands interessiert sei. Auch das lässt sich erklären, wenn man bedenkt, wie stark die Vereinigten Staaten heute von der Lieferung seltener Erden aus der Volksrepublik China abhängig sind, die die amerikanische Wirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes „am Hals packen“ kann – was der Vorsitzende der Volksrepublik China, Xi Jinping, nach Trumps Versuchen, einen umfassenden Zollkrieg mit Peking zu beginnen, eindrucksvoll demonstriert hat.
Allerdings ist erstens unklar, wie bedeutend und profitabel die Lagerstätten in Grönland derzeit tatsächlich sind und ob amerikanische Unternehmen bereit wären, nicht nur die Förderung, sondern vor allem auch die Erkundung dieser Rohstoffe zu finanzieren. Zweitens bleibt offen, ob Donald Trump damit einverstanden wäre, dass diese Erkundung und Förderung auf souveränem Territorium Dänemarks und Grönlands erfolgt und nicht unter amerikanischer Hoheit steht. Und drittens stellt sich die Frage, inwieweit das Sicherheitsargument von Donald Trump nicht lediglich als Vorwand genutzt wird, um Zugang zu diesen Bodenschätzen zu erhalten.
Daher könnte der amerikanische Präsident – nachdem er mit dem NATO-Generalsekretär gesprochen und womöglich erkannt hat, dass sich die Kontrolle über Grönland nicht auf einfache Weise durchsetzen lässt – das Interesse an diesem Thema schon in wenigen Tagen wieder verlieren und zumindest für eine gewisse Zeit nicht darauf zurückkommen.
So war es im Übrigen mit Grönland bereits zuvor. Donald Trump hatte die Insel schon während seiner ersten Amtszeit im Oval Office erwähnt. Er verlor relativ schnell das Interesse an der Idee eines Kaufs Grönlands und, nachdem er die Bedeutung der Insel in den ersten Tagen seiner Rückkehr ins Weiße Haus erneut hervorgehoben hatte, ließ er das Thema für nahezu zehn bis elf Monate wieder fallen.
Die erneute Zuspitzung der Grönland-Thematik erfolgte bei Trump unmittelbar vor dem Internationalen Wirtschaftsforum. Möglicherweise genau deshalb, um während dieses Treffens mit den Europäern hart zu verhandeln oder die Grönland-Frage gegen Sicherheitsgarantien für die Ukraine einzutauschen – Garantien, die solange der russisch-ukrainische Krieg andauert und amerikanisch-russische Gespräche ohne konkretes Ergebnis geführt werden, ebenso illusorisch bleiben wie viele andere wirtschaftliche und politische Projekte Donald Trumps.
Doch während die Europäer auf eine formale Fixierung der neuen amerikanischen Position hoffen, macht sich der Präsident Russlands, Wladimir Putin, offen über seinen amerikanischen Amtskollegen lustig. Er erinnert an den Verkauf Alaskas, spricht von den Summen, die die Vereinigten Staaten Dänemark für den Kauf der Insel hätten zahlen können, und versucht, den Betrag, den das Russische Kaiserreich einst für Alaska erhielt, auf heutige Werte umzurechnen – entweder für einen hypothetischen Kauf dieser Gebiete oder für den Kauf Grönlands. Kurz gesagt: Er ergötzt sich offen am Zerfall des modernen Völkerrechts, an dem nun keineswegs mehr nur er allein beteiligt ist. Und das ist wohl die sichtbarste Ausprägung des Grönland-Skandals, die wir in den letzten Tagen beobachten konnten.
Und selbst eine Beilegung der Situation wird kaum Klarheit in der grundlegendsten Frage schaffen: Wird das internationale Recht in den kommenden Jahren und Jahrzehnten überhaupt bestehen bleiben – oder wird es als ein Relikt der jüngeren Vergangenheit verschwinden?
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп хочет часть Гренландии | Виталий Портников. 22.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 22.01.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.