Trump kauft Grönland | Vitaly Portnikov. 15.01.2025.

Die Außenminister Dänemarks und Grönlands, Løkke Rasmussen und Vivian Motzfeldt, verließen das Weiße Haus anderthalb Stunden früher als geplant nach ihren Treffen mit amerikanischen Regierungsvertretern.

Der dänische Außenminister erklärte, die Seiten hätten sich darauf geeinigt, sich nicht zu einigen, und Arbeitsgruppen einzurichten, die die Situation im Zusammenhang mit den amerikanischen Ansprüchen auf Grönland sowie mit den Sorgen über das Sicherheitsniveau rund um die Insel erörtern sollen. Es ist jedoch völlig unklar, inwieweit die Einrichtung solcher Arbeitsgruppen den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zufriedenstellen kann, der bestrebt ist, Grönland den USA einzugliedern.

Präsident Trump lebt weiterhin in Kategorien des Völkerrechts – allerdings nicht des 20., sondern eher des 18. oder 19. Jahrhunderts, als eine Großmacht es sich erlauben konnte, das Territorium eines anderen Staates zu kaufen, so als gäbe es auf diesem Gebiet keine Bewohner, die über die Zukunft ihres Landes entscheiden. 

Genau so verhält er sich zur „Kaufidee“ Grönlands, die – so meinen Beobachter – die Vereinigten Staaten 700 oder 800 Milliarden Dollar kosten könnte. Donald Trump betrachtet dies so, wie seine Vorgänger einst den Kauf Alaskas betrachteten. Übrigens stand damals auch der Kauf Grönlands zur Debatte, doch der US-Kongress sah in einem solchen Geschäft nichts Attraktives für die Vereinigten Staaten.

Heute hat sich die Situation der nationalen Sicherheit tatsächlich verändert, ebenso wie das Interesse Washingtons an den Ressourcen Grönlands. Aber auch das internationale Recht hat sich verändert. Und die Achtung der Rechte der Bevölkerung ist nach wie vor eine Kategorie, die selbst in Amerika kaum ignoriert werden kann.

Dennoch war Trump offensichtlich verärgert, als er erfuhr, dass der grönländische Premierminister Frederik Nielsen erklärt hatte, dass sich die Grönländer im Falle einer sofortigen Wahl eher für Dänemark als für die Vereinigten Staaten entscheiden würden. Diese Erklärung des Regierungschefs Grönlands, die auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der dänischen Premierministerin Mette Frederiksen in Kopenhagen abgegeben wurde, hat Trump offenbar gekränkt. Er sagte daraufhin, der grönländische Premierminister könne große Probleme bekommen.

Man muss jedoch verstehen, dass der Premierminister Grönlands nicht nur seine eigene Meinung äußert, sondern die Meinung praktisch der gesamten grönländischen Gesellschaft – ganz zu schweigen davon, dass es genau jener Premierminister ist, dessen Partei sich wiederholt für die Unabhängigkeit der Insel ausgesprochen hat. Ihm übermäßige Sympathien für Kopenhagen vorzuwerfen, wird also niemand können.

Deshalb bleibt nur eine schwache Hoffnung, dass amerikanische Beamte den Eifer des Präsidenten der Vereinigten Staaten etwas dämpfen und ihm beweisen können, dass gemeinsame Sicherheitsmaßnahmen im Einvernehmen mit Dänemark und anderen europäischen Staaten das Sicherheitsniveau rund um die Insel erhöhen und verhindern könnten, dass sich dort entweder die Vereinigten Staaten als Souverän oder Russland und die Volksrepublik China als Mächte, die den Raum um Grönland kontrollieren, festsetzen – dass die Vereinigten Staaten für Grönland nicht Souverän, sondern Verbündeter und Sicherheitsgarant sein könnten.

Bislang hat diese Logik Donald Trump jedoch nicht überzeugt. Bislang hat der amerikanische Präsident erklärt, dass wahre Sicherheit ausschließlich im Besitz Grönlands bestehe. Und gerade diese Aussagen erlauben den Schluss, dass Donald Trump in Wahrheit weniger die Sicherheit Grönlands als vielmehr dessen natürliche Ressourcen beunruhigen.

Das ist durchaus erklärlich. Die Vereinigten Staaten sind tatsächlich in eine ernste wirtschaftliche Abhängigkeit von der Volksrepublik China in Fragen der Seltenen Erden geraten. Und genau deshalb könnte der amerikanische Präsident der Meinung sein, man müsse nach Alternativen suchen. Und die natürlichen Ressourcen Grönlands sind ein nicht weniger – vielleicht sogar noch – verlockenderer Happen als etwa die natürlichen Ressourcen der Ukraine, deren Abkommen Donald Trump ebenfalls viele Nerven gekostet hat.

Doch man muss verstehen, dass sowohl im Fall Grönlands als auch im Fall der Ukraine keineswegs klar ist, ob sich der Abbau der natürlichen Ressourcen überhaupt lohnen wird und ob diese Ressourcen tatsächlich eine Alternative zu den chinesischen darstellen können. Schon allein deshalb nicht, weil man sowohl in Kyiv als auch in Nuuk an Umweltstandards, Produktionskosten, Sicherheitsgarantien für die Bevölkerung und all das denken muss, worüber man im kommunistischen China nicht nachzudenken braucht.

Deshalb könnte sich auch der Kampf um die natürlichen Ressourcen Grönlands für Donald Trump als ebenso trügerisch erweisen wie der Kampf um die natürlichen Ressourcen der Ukraine. Doch wir haben bereits gesehen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten eher in Kategorien großer Zahlen denkt als in realen Möglichkeiten. Es reicht, dass ein Geschäftsmann oder ein Beamter mit einer schönen Broschüre, Zahlen und vermeintlichen Chancen in sein Büro kommt – und Donald Trump begeistert sich für die nächste Idee.

Mit Grönland könnte es genauso kommen. Zumal Donald Trump bereits nicht erst nach seiner Rückkehr ins Oval Office, sondern schon während seiner ersten Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten von der Notwendigkeit sprach, die Insel einzugliedern.

Doch damals dämpften Beamte, die weitaus mehr Einfluss auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten hatten als heute, seinen Eifer – und erklärten ihm möglicherweise, was dies für das internationale Recht, für die NATO und für die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu den europäischen Ländern bedeuten würde.

Heute gibt es in der amerikanischen Regierung kaum noch Menschen, die Donald Trump widersprechen können. Er ist vielmehr von Leuten umgeben, die bereit sind, jeder seiner Ideen zuzustimmen. Und deshalb besteht, wie ich schon sagte, die einzige Hoffnung darin, dass sich unter ihnen nüchtern denkende Beamte finden, die Donald Trump nicht offen widersprechen, aber seine Initiativen ausbremsen und den Kampf um Grönland eher in ein propagandistisches Projekt des amerikanischen Präsidenten verwandeln als in reale Maßnahmen zur Angliederung der Insel.

Zumal wir sehr gut verstehen, zu welchen Folgen eine gewaltsame Übernahme Grönlands für die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu ihren europäischen Verbündeten und für das Schicksal der euroatlantischen Solidarität führen würde. Da helfen auch keine 800 Milliarden Dollar mehr – denn in Wirklichkeit würden wir uns am Tag nach solchen Schritten der Vereinigten Staaten in einer völlig anderen und wesentlich unsichereren Welt wiederfinden, was auch immer Donald Trump selbst unter Sicherheit versteht.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals:
Трамп покупает Гренландию | Виталий Портников. 15.01.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 15.01.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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