Die Chance von Karol Nawrocki. Vitaly Portnikov. 22.12.2025.

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Das erste Treffen von Volodymyr Zelensky mit dem neuen polnischen Präsidenten Karol Nawrocki hätte Anlass zu einem Aufatmen geben können. Der völlig künstliche protokollarische Konflikt ist beigelegt, Warschau spricht in der Frage der Unterstützung der Ukraine wieder mit einer Stimme, und wir kehren zu Zeiten zurück, in denen sowohl Präsident als auch Premierminister Polens eine gemeinsame Position vertraten. Schließlich befand sich Andrzej Duda, der formell dasselbe politische Lager repräsentierte wie Karol Nawrocki, sowohl im Einvernehmen mit seinem Parteifreund Mateusz Morawiecki als auch mit seinem politischen Gegner Donald Tusk.

In Wirklichkeit würde ich jedoch die Bedeutung dieses Treffens nicht überschätzen. Erstens sollte man den Einfluss Karol Nawrockis auf die reale polnische Politik vorerst nicht überschätzen. Die Möglichkeiten des polnischen Präsidenten sind schon deshalb nicht mit denen des ukrainischen Präsidenten vergleichbar, weil der Präsident der Ukraine der informelle Führer der noch bestehenden Parlamentsmehrheit ist, während der Präsident Polens mit einem oppositionellen Parlament arbeitet, das überhaupt kein Interesse an der Umsetzung seiner Initiativen hat. Deshalb sollte Zelensky über reale Politik nach wie vor mit dem polnischen Premierminister sprechen.

Zweitens unterscheiden sich – unabhängig davon, wie Nawrocki mit Zelensky spricht – die politischen Aufgaben des amtierenden polnischen Präsidenten von denen seines Vorgängers. Andrzej Duda versuchte, einer der europäischen Führer im Widerstand gegen die russische Aggression zu sein, und genau diese Haltung stärkte seinen Einfluss sowohl in Polen selbst als auch im Westen. Karol Nawrocki hingegen muss vor allem Politiker Nummer eins für jene Polen werden, die unterschiedliche rechte Ansichten vertreten – von konservativ bis ultrarechts. Denn genau diese Autorität kann ihn zum wichtigsten Vermittler machen, falls Recht und Gerechtigkeit nach den nächsten Parlamentswahlen die Unterstützung rechter Radikaler suchen sollte, um an die Macht zurückzukehren. Das ist Nawrockis historische Chance, denn gerade in dieser Situation würde er sich von einer rein zeremoniellen Figur in einen aktiven Politiker verwandeln, den alle brauchen.

In dieser Lage darf Nawrocki jedoch die Wählerschaft von Grzegorz Braun nicht abschrecken, und es ist für ihn besser, nur ein wenig „proukrainisch“ oder sogar ein wenig „antiu-ukrainisch“ zu sein. Das wird die Wählerschaft von „Recht und Gerechtigkeit“ nicht abstoßen, die Wählerschaft Brauns jedoch anziehen. Nawrocki ist sich dessen sehr wohl bewusst, und die Erfahrung seines eigenen Wahlkampfes bestätigt ihn darin. Deshalb könnte Zelensky sogar im Belvedere residieren – an Nawrockis Absichten und Handlungen würde das nichts ändern.

Das Beste, was man also schon heute tun kann, ist, sich von Illusionen über die ukrainisch-polnische Zukunft zu verabschieden. Ja, objektiv brauchen beide Länder und beide Völker einander; ja, objektiv ist der Widerstand der Ukraine eine Garantie für die Sicherheit Polens. Aber das gilt objektiv auch für Ungarn, die Slowakei und Tschechien – und was folgt daraus? Ja, objektiv wird Polen gerade im Bündnis mit der Ukraine zu einem echten regionalen Führer – doch für den polnischen Wähler kann das völlig unwichtig sein.

In Wirklichkeit wird also alles von den nächsten Parlamentswahlen abhängen. Wenn die Bürgerplattform in Koalition mit Verbündeten an der Macht bleibt oder wenn es „Recht und Gerechtigkeit“ gelingt, in einem Bündnis mit gemäßigten Parteien an die Macht zurückzukehren, wird Polen der engste Partner der Ukraine bleiben und Nawrocki eine protokollarische Figur im Belvedere sein. Wenn „Recht und Gerechtigkeit“ jedoch eine Koalition mit Ultrarechten eingeht oder versucht, deren Parolen für einen Wahlsieg zu übernehmen, werden die Beziehungen Polens zur Ukraine denen der Ukraine mit dem Ungarn Orbáns ähneln, und Nawrocki wird zum Anführer einer endgültigen Revision der östlichen Außenpolitik Warschaus. Und genau das ist objektiv möglich.

Auf einen solchen Wendepunkt sollte man sich daher schon heute vorbereiten, um zu verstehen, wer im Falle eines „Verschwindens“ Polens zum wichtigsten Partner der Ukraine in Europa wird und welche Folgen außenpolitische Veränderungen haben könnten – bis hin zu einer grundlegenden Überprüfung der Migrationspolitik. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass dieses Zukunftsszenario sofort konkrete Maßnahmen erfordert, wohl aber zumindest einen Plan für solche Maßnahmen.

Auch wenn dies natürlich nicht typisch für die Ukraine ist. Lassen wir uns also einfach bewusst machen, dass es so kommen kann, und arbeiten wir weiter mit der polnischen Gesellschaft für unsere gemeinsame Zukunft – und nicht für ein gemeinsames Fiasko, wie es in der ukrainisch-polnischen Geschichte neben Russland schon mehrfach vorgekommen ist und wieder vorkommen kann. Auch das ist vollkommen objektiv.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Шанс Кароля Навроцького. Віталій Портников. 22.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 22.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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