
Verwirrung zwischen dem Wert des kulturellen Erbes und seiner Memorialisierung ist ein Erbe aus sowjetischen Zeiten. Damals war ein Schriftsteller kein Schriftsteller, wenn er keinen Stalinpreis hatte (möglichst 1. Klasse), und ein Künstler ohne den Titel „Volkskünstler“ war überhaupt niemand.
Ehemalige Sowjetmenschen erinnern sich bis heute traumatisch daran, dass Wladimir Wyssozki nicht einmal den Titel „Verdienter Künstler“ bekam, und sie erzählen mit Stolz, dass Alla Pugatschowa die letzte Volkskünstlerin der UdSSR wurde.
Welche Bedeutung hat das eigentlich, wenn man darüber nachdenkt?
Aber im heutigen Russland hat es immer noch Bedeutung. Sie nennen ihre Bühnenveteranen stolz „Volkskünstler der Sowjetunion“, während wir nur an ukrainische Titel erinnern. Und in anderen Ländern erinnert sich niemand daran, dass Raimonds Pauls Volkskünstler der UdSSR oder der Lettischen SSR war.
Oder dass Karel Gott Volkskünstler der ČSSR war. Weil es kein „Sowok“ ist.
In anderen Ländern war es immer anders.
In Norwegen gibt es keine Knut-Hamsun-Straßen und keine Denkmäler für den großen Schriftsteller, weil er leider sein Vaterland verraten hat. Aber man liest ihn, erforscht ihn, verfilmt ihn. Denn ohne ihn kann man sich die norwegische Kultur schwer vorstellen.
So wie man sich die russische Kultur schwer ohne Bulgakow oder Achmatowa vorstellen kann. Und niemand verbietet den Bürgern der Ukraine, die sich selbst als Teil der „russischen Welt“ betrachten, den „Meister und Margarita“ zu lesen und wiederzulesen oder die Zeilen über „das große russische Wort“ zu rezitieren.
Aber ich verstehe entschieden nicht, warum die Ukraine mit Denkmälern Menschen ehren soll, die ihre künstlerische Selbstverwirklichung in der russischen Kultur gesucht haben – und die Zivilisation des Landes, in dem sie geboren wurden, verächtlich oder gleichgültig behandelten?
Ja, ich verstehe, dass all diese und andere Figuren helfen, die Mythen vom „russischen Kyiv“ oder dem „russischen Odessa“ zu nähren – aber in Zeiten, in denen russische Raketen ein Ende in der Geschichte dieser und anderer ukrainischer Städte setzen könnten, ist die Zeit der Mythenzerstörung gekommen.
Ich verstehe die Russen – von Putinisten über Latynina bis Schenderowitsch –
die trotzdem wollen, dass die Ukraine in irgendeiner Variante eine russische Kulturprovinz bleibt. Aber wozu brauchen das die Ukrainer in diesen Zeiten?
Wenn man die Situation ganz vereinfacht und euch mit den Worten eines anderen bedeutenden russischen Dichters, Joseph Brodsky, anspricht: Was wollt ihr denn vor eurem Tod hören – „die Zeilen von Alexander“ oder „die Lüge von Taras“?
Und wenn euch „die Zeilen von Alexander“, die Romane von Michail und die Gedichte von Anna so wichtig sind – wozu leidet ihr dann in Bombenschutzräumen, quält euch und eure Kinder, schlaft nicht, wisst nicht, was die Zukunft bringt?
Schließlich gibt es neben euch ein ganzes Land, in dessen jeder Bibliothek es die Romane von Michail gibt, es gibt die Patriykis, bei deren Spaziergängen man so angenehm an Berlioz denken kann, es gibt die Gedenkwohnung von Anna Andrejewna in Petersburg, es gibt „das große russische Wort“ – und keinen Krieg.
Das ist doch irgendeine Schizophrenie, verzeiht.mVielleicht versteht Latynina das nicht, aber ihr solltet es verstehen:
Man kann nicht halb schwanger sein. Die Zeit, in der es hier ein halbes Russland gab, ist vorbei.
Jetzt wird hier entweder die Ukraine sein – wenn wir uns verteidigen. Oder Russland – wenn nicht. Und in einer von Russland eroberten Ukraine wird es nichts Ukrainisches mehr geben. Gar nichts.
Und wird man in einer Ukraine, die sich verteidigt, Bulgakow oder Achmatowa lesen? Mit den Jahren ja – aber in ukrainischer Übersetzung und mit Bewusstsein für den Kontext.
Aber Denkmäler für Vertreter der russischen Kultur wird es in der Ukraine nicht mehr geben – und jeder vernünftige Mensch versteht sehr genau, warum.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Social Media
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:
Original ansehen
Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.