Der Geist von Anchorage. Vitaly Portnikov. 04.12.2025.


US-Präsident Donald Trump und der Präsident der Russischen Föderation Wladimir Putin in Anchorage, 15.08.2025. Foto: Julia Demaree Nikhinson/Associated Press/East News

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Russische Funktionäre, die in den letzten Wochen die friedensstiftenden Bemühungen der Administration von Donald Trump kommentieren, vergessen nicht zu betonen, dass der russisch-amerikanische Dialog über die Bedingungen zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges dem „Geist von Anchorage“ entsprechen müsse. Doch was bedeutet das eigentlich?

Auf den ersten Blick wirkt das seltsam. Denn während des amerikanisch-russischen Gipfels in Alaska konnte keinerlei Einigung erzielt werden, er endete sogar vorzeitig … Ja, Donald Trump versuchte später, sein Treffen mit Putin als Erfolg darzustellen, doch außerhalb von ihm selbst schien in den Vereinigten Staaten eigentlich niemand diese Einschätzung zu teilen. Und konkrete Inhalte dieses angeblichen Erfolges hat Trump niemals vorgelegt. Welcher „Geist“ also?

Gleichzeitig haben die Russen recht. Genau damals kam es zu einem tatsächlichen Wendepunkt in der amerikanischen Position.

Wenn Trump vor dem Treffen mit Putin noch die Idee eines Waffenstillstands mit anschließendem Friedensprozess vertreten hatte, so festigte er sich nach Alaska beinahe endgültig in der Vorstellung von der Unterzeichnung eines Friedensabkommens – also von Verhandlungen während des laufenden Krieges. Und das ist genau Putins Idee.

Putin rechnet weiterhin damit, mithilfe von Friedensverhandlungen und der Demonstration seiner angeblichen Friedfertigkeit Zeit für die Fortsetzung des Vernichtungskrieges und die Besetzung neuer ukrainischer Gebiete zu „kaufen“. Deshalb passt der Friedensplan Trumps dem russischen Präsidenten nicht wegen seines Inhalts, sondern allein wegen seiner Existenz. Wegen der Logik selbst, dass man sich zuerst über den Frieden einigen müsse – und der Waffenstillstand Teil dieser Vereinbarungen sein solle.

Denn in dieser Logik kann die „Pendeldiplomatie“ der Gesandten Trumps beliebig lange dauern, langwierige Gespräche mal mit den Russen, mal mit den Ukrainern können sich über Monate hinziehen – während der Krieg weitergeht. Man könnte sagen, dass Trump durchaus daran interessiert ist, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden – zumindest im Hinblick auf die Chance, den ersehnten Friedensnobelpreis zu erhalten. Doch wenn Putin nicht gewillt ist, sich schnell zu einigen, wird Trump gezwungen sein, sich Putins Tempo zu fügen. Nach dem nächsten kavallerieartigen Vorstoß in Richtung Friedensregelung hat der amerikanische Präsident bereits wieder eingestanden, dass er keine endgültigen Fristen habe. Ist das nicht genau das, was Putin erreichen will?

Und wenn wir beginnen, über die Details des Friedensplans zu diskutieren, über Änderungen daran, über den „gerechten“ oder „ungerechten“ Inhalt einzelner Artikel eines möglichen Abkommens, dann geraten wir in Wirklichkeit erneut in eine weitere putinsche Falle.

Denn alle Gespräche über Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit müssen nach einem Waffenstillstand stattfinden – und nicht während der Kampfhandlungen.

Denn Friedensverhandlungen während eines Krieges sind keine Verhandlungen, sondern der Druck des Aggressors auf das Opfer und ein Hinauszögern der Zeit in der Hoffnung, neue Sanktionen zu verhindern. Und es scheint, dass Trump das von Anfang an sehr gut verstanden hat und gerade deshalb Putin einen Waffenstillstand angeboten hatte. Warum also hat der amerikanische Präsident seinen Ansatz geändert?

Vielleicht deshalb, weil er zu dem Schluss kam, dass es ihm ohnehin nicht gelingen würde, Putin schnell zu einem Waffenstillstand zu zwingen – und dass sich, wenn er sich auf Friedensverhandlungen einlässt, also dem russischen Präsidenten entgegenkommt, dann vielleicht gleichzeitig die Chance ergibt, sowohl den Waffenstillstand als auch das Ende des Krieges zu erreichen.

Doch Trump unterschätzt Putin. Für den russischen Präsidenten ist jeder Schritt des Entgegenkommens bereits eine Niederlage des Gegners, den man nun nur noch weiter unter Druck setzen muss. Und nun gewinnt Putin nicht nur Zeit, sondern streift sich auch noch eine Militäruniform über und droht mit einem „Krieg bis zum letzten Ukrainer“ oder sogar mit der Bereitschaft zu einem Krieg in Europa. Solche dreisten Erklärungen hatte der russische Präsident früher nicht abgegeben – aber früher war ihm auch der amerikanische Präsident in der Abfolge der Schritte zur Beendigung des Krieges nicht entgegengekommen.

Das ist es, was in Wirklichkeit den „Geist von Anchorage“ ausmacht.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Дух Анкоріджа. Віталій Портников. 04.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 04.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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