Wie Efeu an der Ruine. Slava Svitova. 06.10.23.

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Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich nichts fühle. Gar nichts.
Ich lese Nachrichten, scrolle durch unzählige Beiträge – und fühle nichts.
Ich sehe, wie wir alle nach Worten suchen, um das Unsagbare zu benennen, das, was wir in den Nachrichten sehen und hören. Denn was man ausspricht, schmerzt ein klein wenig weniger als das, was tief in einem selbst versteinert bleibt.

Wir versuchen zu sprechen. Doch manchmal scheint es mir, als wären wir für die Welt wie Fische: Wir bewegen die Lippen, man sieht uns an, aber niemand hört uns.
Manchmal denke ich, dass wir hier, auf Facebook, eigentlich nur mit uns selbst reden.

Wir schreien, schreiben, posten unsere Gefühle, und lesen uns dann gegenseitig.
Und in diesem gemeinsamen Schmerz wird es uns ein wenig leichter.
Als würden unsere ausgesprochenen Emotionen, unser Schmerz, unsere Erfahrungen lebendig werden, sich aneinanderklammern, sich fest ineinander verschlingen – wie Ranken des wilden Efeus. Und so halten wir uns.

Lesja Ukrajinka hat es geschrieben, Chlywnjuk hat es gesungen:

| Der Efeu schenkt dem Leben Halt,
| umarmt und schützt die kahle Wand,
| doch die Ruine hält ihn auch fest,
| den Freund, damit er nicht zu Boden fällt.

So sind auch wir – Efeu und Ruinen.
Auch wenn man es von außen nicht sieht.
Jede und jeder von uns ist irgendwo schon ein Stück Ruine geworden.

Manchmal denke ich, wir sind viele.
Und manchmal scheint es, als wären wir nur eine winzige Blase, verloren in einem tobenden Meer.
Wir schwimmen in dieser verrückten Welt, kochen im eigenen Schmerz, wir wollen schreien, die Kehle ist schon wund, und dort, wo früher das Herz war, klafft eine Wunde.
Aber niemand hört uns. Wir sind allein damit.

Und diese Tage, wenn Raketen in Betten einschlagen, in Läden, in die Menschen nur Brot kaufen wollten, in Cafés, wo eine Schriftstellerin zu Mittag isst, oder dorthin, wo Menschen beim Trauermahl leise flüstern.
In Spielplätze, wo Kinder lachen und spielen.
In Kuhställe.
In Hochhäuser, deren Wände zusammenfallen wie Dominosteine.
Und Tisch, Regal oder ein keramischer Hahn halten sich nur an der Luft fest –
am Nichts.

Und das Schrecklichste: Das ist jetzt unser Leben.
So leben wir.
Tag für Tag.

Wer könnte uns verstehen, wenn er nicht gesehen hat, was wir gesehen haben?
Wer nicht das Summen einer „Moped“-Drohne hinter dem Fenster gehört hat,
nicht hinter einer Wand geatmet hat, die beim Einschlag nichts schützt?
Wer kann uns verstehen, wenn wir in einer Sprache sprechen, die die Welt nicht kennt?

Ich sehe in meiner Chronik eine Frau, die schreibt, dass Lehrer im Ausland ihr Kind „ermutigen“ – in Wahrheit „zwingen“ –, mit russischen Kindern zu spielen.
Und die Lehrer freuen sich darüber.
Sie setzen ein Häkchen in ihrem Lebensbuch, ihr Gewissen singt feierliche Hymnen.
Sie haben etwas Gutes getan.
Sie haben „versöhnt“.
Denn alle Menschen sind Brüder – und einen Krieg kann man nicht mit Waffen beenden, nur, indem man eine weiße Taube fliegen lässt.

Ich sehe eine Frau, die schreibt, sie wolle nicht in die Ukraine zurückkehren,
weil das Land nicht mehr ihren Werten entspreche.
Sie könne und wolle darin nicht leben.
Und sie wähle das auch nicht für ihre Kinder.

Ich sehe eine Frau, die über einen dreimal verwundeten Soldaten schreibt,
die fleht, ihm sofort Tourniquets zu schicken.
Weil er wieder an die Front will.
Wieder.
Denn dort braucht man Menschen.
Denn – wer, wenn nicht er?

Ich sehe eine Frau, deren Welt schwarz geworden ist,
die Tag für Tag versucht, wenigstens einen Grund zu finden, weiterzuleben.
Denn der, den sie liebte, ist an der Front gefallen.

Wie viele solcher Frauen gibt es?
Ihr Name ist Legion.
Wie viel Schmerz ist das?
Es gibt kein Maß dafür. Keine Zahl, die ihn fassen könnte.

Wir wissen nicht, wann das alles endet.
Wirklich nicht.
Uns scheint, vielleicht morgen. Oder bis Neujahr.
Oder 2024, endlich.
Aber seien wir ehrlich – wir wissen es nicht.

Was uns hält, ist Wut. Und Liebe.
Wie diesen kleinen Vogel aus dem Meme.

Und ich denke:
Wie können wir alle gleichzeitig so viel fühlen – und doch nichts fühlen?
Wie können wir das pure Böse sehen –
und dennoch nicht verbittern, sondern weiter Blumen pflanzen,
Äpfel pflücken, mit den Kindern lachen,
Bücher schreiben, das Zerstörte wieder aufbauen, leben?

Das ist unser Leben. So sieht es jetzt aus.
Wir haben den Tod gesehen, gehört, gespürt.
Aber nicht alle sind gestorben.

Taras Schewtschenko schrieb einst –
an die Toten, an die Lebenden, an die Ungeborenen.
Und ich glaube ihm:

| Und guter Ruhm wird wieder auferstehen,
| der Ruhm der Ukraine,
| und die klare, unvergängliche Welt
| wird still erstrahlen…

Wir müssen das alles einfach überstehen.
Wir müssen standhalten.
Uns aneinander festhalten.

Denn wenn es jemals dunkle Zeiten gab –
dann sind es diese.
Und wir stehen im Epizentrum.
Aber eines Tages wird es enden.

Bitte – lasst uns durchhalten.

Mein tiefstes Mitgefühl allen,
die in diesem schrecklichen Krieg ihre Liebsten verloren haben.
Mein Mitgefühl uns allen.

Doch im Moment haben wir kein anderes Leben.
Nur dieses.
Dank der Streitkräfte der Ukraine.

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